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A.P.C-Gründer Jean Touitou : „Ich will die Menschen befreien“

Ja. Und da wir auch über Mode und Politik sprechen: Es stimmt etwas nicht mit Frauen, die denken, sie hätten sich auf eine bestimmte Art zu kleiden, besonders im Sommer, besonders in Paris. Man glaubt, sich auf eine bestimmte Art darstellen zu müssen. Das ist doch lächerlich und obszön.

Die Männer dagegen ...

... sind im Anzug immer auf der sicheren Seite. Warum muss Brigitte Macron, eingekleidet von Louis Vuitton, auf diesen High-Heels herumlaufen? Warum ist der Rock so kurz? Sie hätte ja auch Vintage Saint Laurent tragen können am Tag nach dem Wahlsieg. Natürlich ist es für Modeunternehmen wichtig zu verführen. Aber man sollte nicht die Grenze überschreiten, hinter der es aussieht wie Dienstbekleidung für eine Prostituierte.

Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass heute die Verhüllung wieder in Mode kommt.

Ja, man sieht es in den Schaufenstern hier an der Rue de Rennes. Das ist für mich ebenfalls ein Problem. Da geht es schnell um fundamentale Menschenrechte. Wenn das eine Frau tragen will, soll sie das tun. Aber ein börsennotiertes Unternehmen sollte nicht mit solcher Mode werben dürfen. Ich will wirklich nicht, dass jeder nackt auf der Straße herumläuft. Aber hier wird Mode wirklich schnell politisch.

Präsentation der A.P.C.-Kollektion im März in Paris
Präsentation der A.P.C.-Kollektion im März in Paris : Bild: AFP

Ihre Mode ist also weiterhin ein Ausdruck Ihrer politischen Ansichten?

Ja, immer stärker sogar.

Es geht also darum, die Menschen aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit zu führen?

Ja. Ich will sie befreien von der puritanischen vollkommenen Bedeckung des Körpers und auf der anderen Seite von der Vulgarität. Viele Frauen werden kulturell dazu genötigt, in einem Verführungsmodus aufzutreten, der ihnen vielleicht gar nicht recht ist. Ich habe viel darüber nachgedacht. Jeder darf natürlich seinen Narzissmus ausleben und braucht das. Man fühlt sich besser, wenn man das richtige Hemd in der richtigen Farbe gekauft hat. Davon kann sich niemand freisprechen. Aber im Fall einer arbeitenden Frau: Warum muss man im Kostüm zur Arbeit, nur weil man Anwältin ist? Dafür will ich andere Lösungen anbieten.

Wollen Sie wirklich nicht nur den Look eines Menschen ändern, sondern die Person an sich auch?

Mein Cousin, der Schriftsteller Guillaume Dustan, sagte mal, wir hätten womöglich mehr Einfluss auf die Menschen als die Sozialistische Partei. Früher war es vielleicht richtig, heute ist es vollkommen richtig. Was man trägt, wo man lebt, was man hört, was man atmet, das alles hat einen riesigen Einfluss. Daher haben Designer, Architekten, Köche, Schriftsteller einen großen Einfluss auf den Menschen.

Mode soll Menschen verändern? Ist das nicht eine romantische Idee?

Nein, das ist keine romantische Idee. So ist es. Die Kleidung, die man trägt, ist ein politisches Statement, selbst wenn man sich der Aussage oft nicht bewusst ist.

Man könnte also die Menschen durch Mode dazu bringen, nicht nur ihre Rolle auszufüllen, sondern sie hinter sich zu lassen?

Ja, ich wäre froh, wenn ich das schaffen würde. Es ist wahr: Kleider tragen eine ungeschriebene Botschaft in sich. Und zu alledem kann man sich darin womöglich sogar noch besser fühlen.

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