https://www.faz.net/-hrx-8n1mj

Designgeschichte : Gute Form am laufenden Band

Erhebt euch: Up von Gaetano Pesce setzte Klaus Zaugg 1969 schrill und futuristisch in Szene. Bild: B&B Italia

Piero Ambrogio Busnelli machte aus Möbeln Industrieprodukte. Dass sie trotzdem Designklassiker werden, beweist sein Unternehmen B&B Italia seit 50 Jahren.

          3 Min.

          Auf einer Zugfahrt entstand das erste Erfolgsprodukt: ein Sofa, das mit seinen Lederpolstern und der Knopfheftung nicht besonders innovativ wirkt. Im Inneren aber steckt etwas ganz Neues: ein Stahlgerüst und geformter Polyurethan-Schaum. Das hatte es noch nicht gegeben, und es wurde zum Markenzeichen von C&B Italia.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Für Piero Ambrogio Busnelli, Mitgründer der Firma, war das Sofa „Coronado“ des Designer-Ehepaars Afra und Tobia Scarpa ein Glücksfall. Denn hat man erst die Spritzform für den Kunststoffschaum, was bei jedem neuen Möbelstück eine größere Anschaffung ist, kann massenhaft produziert werden. Busnelli hatte das Kaltschaum-Verfahren 1964 auf der Messe Interplast in London entdeckt. An der Idee und dem von ihm und Scarpa auf einer Eisenbahnfahrt entwickelten Erstlingswerk verdiente er so gut, dass er wenig später eine große Firmenzentrale in Novedrate etwas nördlich von Mailand errichten lassen konnte.

          Wie aus dem „C“ ein zweites „B“ wurde

          C&B - das war die Verbindung zweier italienischer Familien. Doch die Zusammenarbeit zwischen Cesare Cassina und Piero Ambrogio Busnelli dauerte nur sieben Jahre. Schon 1973 wurde aus Cassina & Busnelli, aus C&B Italia, das Unternehmen B&B Italia. Es gibt zwei Erklärungen, wofür das doppelte B steht. Unzweifelhaft hat sich Busnelli selbst im Namen verewigt. Und weil sein ältester Sohn Giorgio damals in der Firma anfing, dürfte das zweite B für den heutigen Chef des Hauses stehen.

          Piero Ambrogio Busnelli, der von Freunden nur „Pierino“ genannt wurde, hat aber auch eine andere Geschichte erzählt: Als er Cassina aus dem Unternehmen herausgekauft habe, sei das ein finanzieller Kraftakt für ihn gewesen. Darum bedeute B&B eigentlich „Banken & Busnelli“.

          Mehr Industrie wagen: Piero Ambrogio Busnelli (1926 bis 2014), der Gründer von B&B Italia Bilderstrecke
          Mehr Industrie wagen: Piero Ambrogio Busnelli (1926 bis 2014), der Gründer von B&B Italia :

          Pierino Busnelli, 1926 in Meda in der Lombardei geboren, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Sein Vater starb früh, er und sein Bruder Franco mussten jung auf eigenen Beinen stehen. Kurz nach dem Krieg gründeten sie einen Möbelhersteller, der eher ein Zulieferer anderer Firmen war: Fratelli Busnelli fu Giuseppe. Noch heute gibt es das Unternehmen Busnelli mit Sitz in Brianza. Hergestellt wurden nach dem Krieg auch schon Möbel in Serie, doch Piero Busnelli war das nicht genug. Sein Traum war „Un' industria per il design“ (eine Industrie für das Design).

          Der Firmenchef suchte neue Wege - und Unterstützer

          So schloss er sich mit der Familie Cassina zusammen: Die Brüder Cesare und Umberto Cassina waren schon seit 1927 in Busnellis Heimat Meda mit Möbeln erfolgreich. Architekten wie Vico Magistretti und Gio Ponti entwarfen für Cassina, allerdings entstanden ihre Möbel in einer eher traditionellen Weise. Erst Busnelli überzeugte 1966 den 20 Jahre älteren Cesare Cassina, dass sie mit C&B Italia nach neuen Materialien und Herstellungsmöglichkeiten suchen müssten.

          Cassina war nicht der einzige, den Busnelli überzeugte. Junge Architekten wie Gaetano Pesce hatten nur auf eine Chance gewartet, wie sie ihnen der gerade 40 Jahre alt gewordene Firmenchef nun bot. Pesces erster Möbelentwurf machte C&B Italia auf der ganzen Welt bekannt, auch weil Busnelli die aufblasbaren Sessel „Up“ von Fotograf Klaus Zaugg schrill-futuristisch in Szene setzen ließ. Die Werbekampagne war auch ein feministisches Statement, zumindest wurde sie so aufgefasst. Dazu passte der Name, der sich nicht nur darauf bezog, dass die Sessel sich durch Luft vom Boden erhoben. Up, verkürzt für „uprising“, bedeutet auch Aufstand im Sinne von Revolution.

          Ein ausgezeichneter Entdecker

          Schon bald strebte Busnelli nach mehr Eigenständigkeit. Zu viele sahen in ihm den Juniorpartner von Cassina, dabei war er die beherrschende Figur von C&B Italia. Er war es, der den unbekannten Renzo Piano entdeckte und ihn und Richard Rogers mit dem Bau der Firmenzentrale in Novedrate beauftragte. Sie wurde 1974 bezogen, drei Jahre bevor das Architektenduo mit dem Centre Pompidou weltberühmt wurde.

          Zu Busnellis Entdeckungen zählt auch Antonio Citterio, der 1973 mit 23 Jahren als Student zu B&B Italia stieß. Einige bereits bekannte Cassina-Designer wie Mario Bellini konnte Busnelli an sich binden. Bellini und Citterio brachten B&B Italia die bedeutendste Auszeichnung des Industriedesigns ein: Sowohl Bellinis Le Bambole (1979) als auch Citterios Sity (1987) bekamen den Compasso d'oro.

          Über die Jahre haben viele Designer für Busnelli gearbeitet, mehr als 1000 Entwürfe sind in 50 Jahren entstanden. Der Seniorchef gab seit den Achtzigern nach und nach die Verantwortung ab. 2003 verkaufte die Familie die Mehrheit ihrer Anteile an B&B Italia an den Private-Equity-Fonds Opera. Danach konnte sich der Konzern globaler aufstellen und holte eine Reihe Designer aus dem Ausland ins Unternehmen. 2011 kaufte die Familie die Anteile zurück. Als Busnelli senior vor zwei Jahren starb, war sein Unternehmen wieder zur Gänze ein Familienunternehmen - mit seinem Sohn Giorgio an der Spitze und seinem Enkel Massimiliano als dessen Nachfolger.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Mitarbeiter einer lokalen Wahlkommission leeren am Sonntag eine Wahlurne in einem Wahllokal in Moskau.

          Duma-Wahl : Ließ Putin mit E-Voting das Wahlergebnis fälschen?

          Einiges Russland ist laut offiziellen Zahlen der klare Sieger der Duma-Wahl. Doch die Auszählung der online abgegebenen Stimmen deutet auf Betrug hin. Die Opposition spricht von „irrwitzigen Ergebnissen“.
          Der Zug ist abgefahren: Verkehrsminister Scheuer konnte sich nicht für eine weitere Amtszeit empfehlen.

          Verkehrspolitik : Scheuer aufs Abstellgleis

          Verkehrsminister Andreas Scheuer hat vieles vergeigt – und manches bewegt. Fest steht: In der nächsten Legislaturperiode muss sich einiges ändern. Es braucht einen Neustart in der Verkehrspolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.