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© Out for Space

Die Rattan-Revoluzzer

Von ANJA MARTIN

06.08.2016 · Zwei Jungs aus dem Allgäu erfinden das in die Jahre gekommene Naturmaterial neu: Es soll robuster sein, bunt und sogar duften. Den German Design Award haben sie dafür schon bekommen.

Rattanmöbel, das war einmal. Eine Zeit, lange vorbei. Zurückgeblieben sind Stuhlleichen, die man in den hintersten Ecken verwahrloster Gärten findet, meist auf einem Stapel Sperrmüll. Von adretten Vorort-Terrassen wurden die Möbel schon vor Jahren verbannt, am Ende sogar von WG-Balkonen, wo sie am längsten überlebten: gelb verfärbt, das Material spröde und gebrochen, die schlechten Verbindungen lose herabhängend. Was erst so charmant wirkte, wurde dann immer billiger und sah schließlich auch billig aus. Billig und kaputt. Das Image war hinüber. Man könnte glauben, für immer.

Dabei hinterließen die Rattanmöbel nicht einmal eine Lücke auf der Terrasse. Findige Firmen begannen irgendwann, Outdoormöbel aus Kunststoffsträngen zu flechten statt aus Naturmaterial, nannten es Polyrattan, so, als sei es eine Art Update, eine neue Version. Witterungsbeständig war es jetzt zumindest. Doch auch dieser Trend, der das Dauer-Loungen im Freien ermöglichte, lahmt. Zu oft gesehen, zu billig produziert, hat es den luxuriösen Charme der Pionierzeit eingebüßt.

© Out for Space Altes Material in neuem Design: Möbel und Spielsachen aus Rattan

Dass wir in Zukunft wieder auf natürlichem und sogar designpreisgekröntem Rattan sitzen könnten, verdanken wir nicht dem gesellschaftlichen Hang zum Revival, sondern vor allem der Tatsache, dass man in Indonesien so gut surfen kann. Denn der Allgäuer Julian Reuter wollte seine Bachelorarbeit im Designstudium unbedingt in Südostasien machen, der Wellen wegen. Dort untersuchte er akademisch das Material Rattan, das mit einfachen Mitteln aus der Rotangpalme gewonnen wird, die sich in jenen Breiten durch den Regenwald schlängelt - ganz ohne dass man sie extra anbauen müsste. Auf Produkte aus Rattan haben sich in Indonesien ganze Dörfer und sogar Städte spezialisiert. Da der Bachelorstudent nicht immer nur auf seinem Brett auf die perfekte Welle wartete, sondern durchaus an Land fleißig war, bemerkte er, dass das eigentliche Potential des Materials noch nie wirklich genutzt worden war. Er hielt die Zeit für gekommen, Rattan zu revolutionieren.

© Out for Space Das farbenfrohe Revival des Materials ist der Neugier eines deutschen Studenten zu verdanken.

Als aus der fixen Idee mehr werden sollte, nahm Reuter seinen Studienfreund Peter Kraft mit an Bord. Nach Versuchen, mit der Fahrradpumpe auf einer oberfränkischen Wiese Flüssigkeiten in Rattan zu drücken, testeten sie das Material ernsthaft im Innovationszentrum für Flechthandwerk in Lichtenfels; bauten eine erste Maschine. Viel lernten sie bei einem Aufenthalt im javanischen Cirebon, der heute darbenden, einstigen Hauptstadt der Rattanmöbel. Nach zwei Jahren Entwicklungsarbeit gründeten sie im Dezember 2015 ihr Start-up „Out for space“, erhielten schon zwei Monate später den German Design Award, nach dem sich selbst große Unternehmen jahrelang strecken müssen. Ihre Innovation interessiert viele: Schon bei ihrer ersten Mailänder Möbelmesse im vergangenen Jahr, kamen viele berühmte Marken auf sie zu. Ob sie mit Karuun den Markt revolutionieren können? Ob Rattan in einer neuen Form ein Revival erleben wird?

© Out for Space Mit seinem Start-up „Out for space“ hat Julian Reuter das Material getestet und den German Design Award gewonnen.

Das bleibt abzuwarten. Der Container mit der ersten Charge ihrer ersten Kollektion, gefertigt in Cirebon, ist kürzlich im Allgäu eingetroffen und wird bald im Online-Shop verkauft. Noch sind es allerdings keine Outdoor-Modelle, denn für die witterungsbeständige Ausführung „proof“ muss noch weitergeforscht werden. Schließlich soll mit Karuun nicht dasselbe passieren wie mit Rattan. Noch ein mieses Image kann sich die Rotangpalme einfach nicht leisten.

Klassische Materialien für draußen

© ddp Der bekannteste Kunststoffstuhl, den man auf der ganzen Welt findet.

Kunststoff Der bekannteste Kunststoffstuhl, den man auf der ganzen Welt findet, ist der meist weiße Monoblock-Stuhl. Material und Produktion sind so günstig, dass er kaum mehr kostet als eine große Portion Pommes. Sein Marktanteil ist riesig - aber schön ist er nicht. Doch es gibt auch anspruchsvollere Sitze aus hochwertigem Kunststoff für den Garten sowie transparente aus Polycarbonat und bunte Schalensitze und Freischwinger. Vorteile: günstig, viele Formen und Farben. Nachteile: Sitzflächen können teilweise sehr heiß werden. Sind nicht UV-beständig und in der Regel nicht nachhaltig. Material kann spröde werden.

© Plainpicture Gartenmöbel aus Metall: Nachteil: Metall kann sich aufheizen. Vorteil: sehr haltbar.

Metall Gartenmöbel aus Aluminium sind leicht und korrosionsbeständig, also langlebig. Und bezahlbar. Allerdings verbraucht die Herstellung viel Energie. Aluminium kann in verschiedenen Farben eloxiert werden. Für Gestelle wird auch Edelstahl genutzt. Der Klassiker ist Schmiedeeisen. Diese Möbel sind sehr schwer und zum Stehenlassen gedacht. Sie brauchen einen Lack, der sie vor Korrosion schützt. Nachteil: Metall kann sich aufheizen. Vorteil: sehr haltbar.

© Getty Tropenhölzer wie die Klassiker Teak, Meranti oder Mahagoni sind sehr robust.

Holz Tropenhölzer wie die Klassiker Teak, Meranti oder Mahagoni sind sehr robust. Eine schnellwachsende Alternative ist Eukalyptus. Bei allen Hölzern sollte auf Siegel (zum Beispiel Forest Stewardship Council, FSC) geachtet werden, zum Schutz des Regenwalds. Wer lieber europäisches Holz kauft: Am härtesten und dauerhaftesten ist Robinie. Relativ witterungsbeständig ist auch Eiche, eventuell mit Öl imprägniert. Kiefer und Fichte müssen für den Außeneinsatz behandelt werden - durch Lasur oder Lack und Bläueschutz. Kesseldruckimprägniertes Holz ist wegen der Holzschutzmittel jedoch nicht mehr besonders ökologisch. Auch eine thermische Vorbehandlung kann Holz pilzresistent und witterungsbeständig machen. Nachteile: Holzmöbel können nicht das ganze Jahr draußen bleiben, sie brauchen oft Wetterschutz. Vorteile: natürliches Material, nachwachsender Rohstoff, heizt sich nicht stark auf.

© Mauritius Korbmöbel aus Rattan

Rattan Korbmöbel aus Rattan sind ein Klassiker aus der Kolonialzeit mit langer Tradition. Die Vorsilbe „Natur“ bekam das Rattan nur, um es vom Polyrattan abzugrenzen. Hergestellt wird es aus der Rotangpalme, die zum Flechten in Stränge gespalten wird. Im Kontinentalklima erwies es sich als weniger witterungsbeständig, als die Nutzer annahmen. Wenn überhaupt, dann überdauert es an überdachtem Platz und aus ungeschältem Rattan, dessen natürliche Schutzschicht hilft. Häufig sind Rattanmöbel für draußen auch lackiert oder gewachst. Vorteile: Es ist ein Naturprodukt und in Handarbeit hergestellt. Ein schnell nachwachsendes Material, keine Monokultur, leicht. Nachteile: Billig produziert hält es nicht lange, ist nicht witterungsbeständig und wird schnell grau und spröde.

© F1Online Künstliches Material aus Polyethylen und Rattan

Polyrattan Dieses künstliche Material aus Polyethylen und Rattan hat den Markt völlig umgekrempelt. Anfangs sehr luxuriös und teuer, kam es zuerst in Verbindung mit vorbildlichem Design daher. Pionier war vor 25 Jahren das Unternehmen Dedon, das die Faser „Hularo“ selbst in Deutschland produzierte. Als immer mehr Firmen aufsprangen, sank allmählich die Qualität. Der Begriff Polyrattan ist ungeschützt, Billigfasern kamen auf. Große Qualitätsunterschiede bestehen mit Blick auf Elastizität und UV-Beständigkeit sowie dem Umgang mit Schweiß, Sonnencreme, Salzwasser und Chlor. Die meisten Polyrattanmöbel stammen heute aus Indonesien und China. Vorteile: Bei sehr guter Faserqualität sind sie lange haltbar und können das ganze Jahr draußen stehen. Der Werkstoff erinnert optisch an Naturmaterial, ist leicht und stabil. Die Preisspanne ist groß, der Stoff ist recycelbar. Nachteile: Die Produktion ist energieaufwendig. Billigfasern sind nicht so haltbar, und es gibt keine Transparenz bezüglich der Inhaltsstoffe. Das Design ist meist sehr ähnlich, man hat sich daran sattgesehen.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 06.08.2016 13:25 Uhr