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Meeresarchäologie : Der Duft des Bürgerkrieges

Frisch mit Wachs versiegelt: Das Parfum aus den Tiefen stammt von der Marke „Piesse and Lubin London“ Bild: Chiwun Smith for the Bermuda Perfumery

Der Flakon lag 150 Jahre lang in einem Wrack am Meeresboden vor Bermuda. Dann hob man den Schatz, der viel zu erzählen hatte. Der Duft erlebt nun eine Wiedergeburt.

          6 Min.

          Wenn Schiffe mehr als 150 Jahre lang auf dem Meeresboden liegen, darf man nicht mehr auf allzu viele Schätze hoffen. Vielleicht ein paar Münzen, verrostete Sextanten, verrottete Lederwaren. Viel mehr dürfte sich Philippe Rouja an jenem Juni-Morgen des Jahres 2011 nicht erträumt haben, als er sich in seinem Boot und mit Taucherausrüstung auf den Weg zum Wrack der „Mary Celestia“ machte. In der Nacht war ein Sturm über die Gewässer vor Bermuda gezogen. Rouja, ein Ethnologe, der als Wissenschaftler für den Naturschutz der Insel arbeitet, schaute immer dann nach seinen Wracks, wenn der Sturm vorbei war. Die Unwetter wälzten die Wellen, und die Wellen wühlten die Sandmassen durch. Manchmal legten solche Stürme dann etwas frei, was er zuvor noch nicht gesehen hatte. Und weil vor der Inselgruppe im Atlantik mehr als 200 untergegangene Schiffe liegen, findet Rouja, der „Wächter der Schiffswracks“, vor Bermuda immer wieder Kleinigkeiten.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Als er zur „Mary Celestia“ hinabtauchte, einem Schiff aus den Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs, bemerkte er schon an der Farbe des Sandes rund um den Bug, dass sich etwas verändert hatte. „Der Sand war sehr dunkel. Er war lange nicht bewegt worden“, erinnert sich Rouja. Auch hätte er nicht sagen können, wann der Bug das letzte Mal frei zugänglich gewesen wäre. Als er diesen Teil des Schiffs näher untersuchte, entdeckte er im dunklen Sand eine Flasche. Sie war glatt. Sie enthielt eine dunkle Flüssigkeit. Und der Korken war intakt.

          Philippe Rouja fuhr zurück an Land und telefonierte mit James Delgado, einem der führenden Meeresarchäologen der Vereinigten Staaten. „Die Amerikaner sind an allem interessiert, was mit dem Bürgerkrieg zu tun hat“, sagt Rouja. Er war sich sicher, dass sie nicht viel Zeit für ihr gemeinsames Projekt hätten. Der nächste Sturm könnte alles wieder zunichte machen. Doch Delgado war interessiert, kam mit seiner Crew und brachte auch gleich ein Filmteam mit, um die Bergung zu dokumentieren.

          „Sie sank innerhalb von sechs bis acht Minuten“

          Gemeinsam fuhren die Wissenschaftler zum Wrack, das rund 800 Meter vor der Küste liegt. Sie fanden, was sie suchten. Einige verkorkte Flaschen Wein tauchten im dunklen Sand des Bugs auf. Außerdem die Überbleibsel einer Weinkiste. Und dann waren da noch, tief im Bug versteckt, Frauenschuhe, Schuhflickzeug, Damenbürsten und eine Parfümflasche. „Das war keine normale Schmuggelware“, sagt Rouja. „Das sah alles so aus, als wäre es sorgfältig für jemanden zusammengestellt worden.“ Und er ahnte auch für wen. Als die „Mary Celestia“ noch nicht als Wrack vor Bermuda lag, fuhr der 207 Tonnen schwere Seitenraddampfer für die Firma „Crenshaw“ von England nach Amerika. Er war in Liverpool zu Wasser gelassen worden und versorgte als Blockade-Brecher die Konföderierten im amerikanischen Bürgerkrieg.

          Die „Bermuda Perfumery“ wurde 1928 gegründet
          Die „Bermuda Perfumery“ wurde 1928 gegründet : Bild: Chiwun Smith for the Bermuda Perfumery

          Auf solchen Schiffen wurde zunächst allerlei Schmuggelgut aus England für die Südstaaten transportiert. Als sich der Krieg und die Versorgungslage zuspitzten, sollten diese Schiffe nur noch Waffen, Lebensmittel und Militärgüter transportieren. Luxusgüter waren nicht mehr erlaubt. Die „Mary Celestia“ hatte schon einige Angriffe durch die Schiffe der Nordstaaten überlebt. Doch am 6. September 1864 verließ sie ihr Glück. Nur 800 Meter von der Küste Bermudas entfernt nahm die Mannschaft den falschen Kurs. In seinem Buch „The Blockade- Runners“ beschreibt Dave Horner, selbst ein passionierter Taucher, das Ereignis so: „Als er die Gefahr sah, ordnete der erste Maat an, das Ruder fest auf die andere Seite zu schlagen. Doch es war zu spät. Sein Befehl konnte gerade noch befolgt werden, als die Mary Celeste auf das Riff lief. Sie sank innerhalb von sechs bis acht Minuten.“

          Luxus für die geliebte Frau?

          Die meisten Mannschaftsmitglieder überlebten. Unter ihnen auch Charles Francis Middleton, ein 33 Jahre alter Ingenieur aus Georgetown (South Carolina). In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte er Augusta Loftus Jordan zur Frau genommen, die er zärtlich „Gus“ oder „Gusta“ nannte, wie es Margaret Middleton Rivers Eastman, eine seiner Nachfahren, in ihrem Buch „Remembering Old Charleston“ beschreibt. Gusta hatte Hugenottenblut und anscheinend einen exquisiten Geschmack. Charles Middleton suchte für seine Frau auf seinen Fahrten nach Europa Geschenke. Nachdem die „Mary Celestia“ gesunken war, saßen die überlebenden Crewmitglieder auf Bermuda in Quarantäne fest, denn auf der Insel wütete das Gelbfieber. Middleton vertrieb sich die Langeweile mit Schreiben.

          Es waren zärtliche Briefe. Er schrieb Gusta, wie leid es ihm tue, dass mit dem Schiff auch all die schönen Sachen gesunken seien, die er für sie gekauft habe. Er wollte zurück nach Georgetown, die Fahrten mit den Blockade-Brechern waren ihm zu gefährlich geworden. Seine nächste Fahrt jedoch brachte ihn erst einmal zurück  nach England. Sein letzter Brief nach Hause datiert auf den 16. Dezember 1864. Danach bestieg er ein Schiff, das in Liverpool vom Stapel gelassen wurde in Richtung seiner Heimat. Es sank vor Wales. Nur zwölf Männer überlebten. Charles Francis Middleton war nicht unter ihnen.

          „Vielleicht bin ich einfach ein Romantiker“, sagt Philippe Rouja, der Hüter der Schiffswracks. „Aber von all den Spekulationen darüber, wer die Luxusgüter so tief im Bug des Schiffs versteckt haben könnte, scheint mir Charles Middleton am wahrscheinlichsten. Vielleicht hat sie auch einfach irgendein Kerl dorthin getan, um in Amerika einen Haufen Geld damit zu machen. Aber irgendwie passt das nicht mit dieser exakten Auswahl von Gegenständen zusammen. Es macht eben eher den Eindruck, als wäre die Auswahl für eine ganz bestimmte Person getroffen worden.“

          „Es roch zuerst wie schmutzige Papageien-Füße“

          Um das herauszufinden, machten sich die Wissenschaftler nach ihrem Tauchgang zunächst ans Sortieren. Die größte Hoffnung setzten sie auf den Wein. Er sollte analysiert werden, denn man versprach sich neue Erkenntnisse über das Leben in Zeiten des Bürgerkriegs. Beim Parfüm war sich das Team unschlüssig. Die Flasche trug die Gravur „Piesse and Lubin London“. Sie enthielt Flüssigkeit und eine Luftblase. Um den Inhalt nicht voreilig zu zerstören, beschlossen die Wissenschaftler, die Flasche nicht zu öffnen, sondern sie zunächst provisorisch mit Wachs zu versiegeln, in frisches Wasser zu legen und so in einen Kühlschrank zu stellen. Das würde die Temperatur stabil bei ungefähr der Temperatur halten, der die Flasche unter Wasser ausgesetzt war. Die amerikanischen Wissenschaftler plädierten dafür, die Flasche zur Analyse nach England zu schicken, immerhin schien sie aus London zu stammen. Doch Rouja wollte zunächst bei der örtlichen Parfümerie auf Bermuda nachfragen, ob sie mit dem Fund etwas anfangen könnten.

          Das Parfum „Mary Celeste“ steckt in einer Holzkiste, wie sein Vorläufer aus dem Wrack
          Das Parfum „Mary Celeste“ steckt in einer Holzkiste, wie sein Vorläufer aus dem Wrack : Bild: Chiwun Smith for the Bermuda Perfumery

          Als Isabelle Ramsay-Brackstone seinen Anruf bekam, war sie ganz aus dem Häuschen. „Ich wusste ja nichts über Schiffswracks, und Philippe Rouja wusste nichts über Parfüm. Aber wir wussten beide, dass wir etwas sehr wertvolles vor uns hatten“, sagt die Inhaberin der „Bermuda Perfumery“, die seit 1928 Düfte herstellt. Ramsay-Brackstone flog mit dem Fläschchen nach New York. Sie hatte schon oft mit den dortigen Duft-Kreateuren und Entwicklern von „Dorm Fragrances“ zusammengearbeitet. Im Labor wurde die Flasche zum ersten Mal geöffnet. „Es roch zuerst wie schmutzige Papageien-Füße“, sagt sie.

          Aus der Übergangszeit zwischen natürlichen und synthetischen Zutaten

          Ein beißender, starker Geruch entwich dem Fläschchen. „Als würden wir einen Geist riechen.“ Trotz der guten Lagertemperaturen im Schiff seien einige Bestandteile zerfallen. „Aber wir konnten darunter das Original erkennen. Viele Zitrusnoten, Rosenholz, tierische Noten, Ambra und Moschus.“ Die Resultate der chemischen Analyse gab sie weiter an die Osmothèque in Versailles, ein Duftarchiv, das mehr als 3000 Duft-Proben aus aller Welt aufbewahrt. Dort war das Dufthaus „Piesse and Lubin“ nicht unbekannt. Im Londoner Postverzeichnis von 1899 sind die beiden Herren als Parfürm-Hersteller aufgelistet, 1855 bezogen sie ein Geschäft an der New Bond Street. George William Septimus Piesse hatte 1857 ein Buch mit dem Titel „The Art of Perfumery“ geschrieben. Darin erklärte er nicht nur, wie man natürliche Öle aus Pflanzen und Blumen gewinnen könne; es enthält auch einige Absätze darüber, wie synthetische Düfte herzustellen sind.

          Das war Wissen, das über die kommenden Jahrzehnte weiterentwickelt wurde und das Ernest Beaux 1921 zu seiner Kreation von Chanel No. 5 befähigte, dem ersten Parfüm, das nur auf künstliche Aldehyde setzte. Bis dahin war es üblich, dass ein Parfüm den Duft einer einzigen bestimmten Blume nachbildete. „Wir hatten gehofft, in der Flasche vielleicht einen Einblick in diese Übergangszeit zwischen natürlichen und synthetischen Zutaten zu bekommen“, sagt Isabelle Ramsay- Brackstone.

          Heute sind die Herstellungsmethoden viel besser

          Obwohl G.W. Septimus Piesse als Chemiker an den synthetischen Formeln arbeitete, enthielt das Parfüm vom Schiffswrack der „Mary Celestia“ nur natürliche Inhaltsstoffe. Nach den Forschungen der Versailler Osmothèque könnte es sich bei dem Duft um die Kreation „Opoponax“ handeln, sagt Ramsay-Brackstone. Auf Fotos von alten Etiketten dieses Duftes wird er als „konzentrierte Essenz der einheimischen Pflanze Siziliens“ beschrieben, ein Doldengewächs mit stark würzigem Geruch. „Da es zu der Zeit der populärste Duft des Hauses war, nehmen wir an, dass sich auch dieser in dem Fläschchen für Amerika befand“, sagt Isabelle Ramsay-Brackstone. „Dass der Duft nur aus natürlichen Inhaltsstoffen bestand, machte es für uns einfacher, ihn zu rekonstruieren.“

          Die Zutaten, die heute verboten sind, ließ man beiseite. Das Walsekret Ambra und Moschus, das damals noch aus einem Analdrüsensekret der äthiopischen Zibetkatze gewonnen wurde, wird heute durch synthetische Pendants ersetzt; zu teuer wäre ihre Beschaffung, zu groß die Allergiegefahr. „Meine Zitrusnoten sind viel besser als die Inhaltsstoffe, die sie damals hatten“, sagt Isabelle Ramsay- Brackstone. „Die Herstellungsmethoden sind eben besser. Die Neuauflage des Parfüms riecht also nach Grapefruit und Neroli, etwas Rosenholz und leichten Anklängen von Ambra und Moschus. Sehr klar, sehr elegant.“ Sie hat in Erinnerung an das Jahr des Schiffbruchs 1864 Flaschen herstellen lassen. 225 Dollar kostet eine Flasche, die Erlöse gehen zu großen Teilen in eine Stiftung, die sich für den Erhalt der Schiffswracks vor Bermuda einsetzt. Versendet wird in die ganze Welt. Allerdings mit mehreren Wochen Lieferzeit. „Wir haben 150 Jahre auf diesen Duft gewartet“, sagt Ramsay-Brackstone. „Was machen da schon ein paar Wochen aus?“

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