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Meeresarchäologie : Der Duft des Bürgerkrieges

Aus der Übergangszeit zwischen natürlichen und synthetischen Zutaten

Ein beißender, starker Geruch entwich dem Fläschchen. „Als würden wir einen Geist riechen.“ Trotz der guten Lagertemperaturen im Schiff seien einige Bestandteile zerfallen. „Aber wir konnten darunter das Original erkennen. Viele Zitrusnoten, Rosenholz, tierische Noten, Ambra und Moschus.“ Die Resultate der chemischen Analyse gab sie weiter an die Osmothèque in Versailles, ein Duftarchiv, das mehr als 3000 Duft-Proben aus aller Welt aufbewahrt. Dort war das Dufthaus „Piesse and Lubin“ nicht unbekannt. Im Londoner Postverzeichnis von 1899 sind die beiden Herren als Parfürm-Hersteller aufgelistet, 1855 bezogen sie ein Geschäft an der New Bond Street. George William Septimus Piesse hatte 1857 ein Buch mit dem Titel „The Art of Perfumery“ geschrieben. Darin erklärte er nicht nur, wie man natürliche Öle aus Pflanzen und Blumen gewinnen könne; es enthält auch einige Absätze darüber, wie synthetische Düfte herzustellen sind.

Das war Wissen, das über die kommenden Jahrzehnte weiterentwickelt wurde und das Ernest Beaux 1921 zu seiner Kreation von Chanel No. 5 befähigte, dem ersten Parfüm, das nur auf künstliche Aldehyde setzte. Bis dahin war es üblich, dass ein Parfüm den Duft einer einzigen bestimmten Blume nachbildete. „Wir hatten gehofft, in der Flasche vielleicht einen Einblick in diese Übergangszeit zwischen natürlichen und synthetischen Zutaten zu bekommen“, sagt Isabelle Ramsay- Brackstone.

Heute sind die Herstellungsmethoden viel besser

Obwohl G.W. Septimus Piesse als Chemiker an den synthetischen Formeln arbeitete, enthielt das Parfüm vom Schiffswrack der „Mary Celestia“ nur natürliche Inhaltsstoffe. Nach den Forschungen der Versailler Osmothèque könnte es sich bei dem Duft um die Kreation „Opoponax“ handeln, sagt Ramsay-Brackstone. Auf Fotos von alten Etiketten dieses Duftes wird er als „konzentrierte Essenz der einheimischen Pflanze Siziliens“ beschrieben, ein Doldengewächs mit stark würzigem Geruch. „Da es zu der Zeit der populärste Duft des Hauses war, nehmen wir an, dass sich auch dieser in dem Fläschchen für Amerika befand“, sagt Isabelle Ramsay-Brackstone. „Dass der Duft nur aus natürlichen Inhaltsstoffen bestand, machte es für uns einfacher, ihn zu rekonstruieren.“

Die Zutaten, die heute verboten sind, ließ man beiseite. Das Walsekret Ambra und Moschus, das damals noch aus einem Analdrüsensekret der äthiopischen Zibetkatze gewonnen wurde, wird heute durch synthetische Pendants ersetzt; zu teuer wäre ihre Beschaffung, zu groß die Allergiegefahr. „Meine Zitrusnoten sind viel besser als die Inhaltsstoffe, die sie damals hatten“, sagt Isabelle Ramsay- Brackstone. „Die Herstellungsmethoden sind eben besser. Die Neuauflage des Parfüms riecht also nach Grapefruit und Neroli, etwas Rosenholz und leichten Anklängen von Ambra und Moschus. Sehr klar, sehr elegant.“ Sie hat in Erinnerung an das Jahr des Schiffbruchs 1864 Flaschen herstellen lassen. 225 Dollar kostet eine Flasche, die Erlöse gehen zu großen Teilen in eine Stiftung, die sich für den Erhalt der Schiffswracks vor Bermuda einsetzt. Versendet wird in die ganze Welt. Allerdings mit mehreren Wochen Lieferzeit. „Wir haben 150 Jahre auf diesen Duft gewartet“, sagt Ramsay-Brackstone. „Was machen da schon ein paar Wochen aus?“

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