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Meeresarchäologie : Der Duft des Bürgerkrieges

Luxus für die geliebte Frau?

Die meisten Mannschaftsmitglieder überlebten. Unter ihnen auch Charles Francis Middleton, ein 33 Jahre alter Ingenieur aus Georgetown (South Carolina). In den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte er Augusta Loftus Jordan zur Frau genommen, die er zärtlich „Gus“ oder „Gusta“ nannte, wie es Margaret Middleton Rivers Eastman, eine seiner Nachfahren, in ihrem Buch „Remembering Old Charleston“ beschreibt. Gusta hatte Hugenottenblut und anscheinend einen exquisiten Geschmack. Charles Middleton suchte für seine Frau auf seinen Fahrten nach Europa Geschenke. Nachdem die „Mary Celestia“ gesunken war, saßen die überlebenden Crewmitglieder auf Bermuda in Quarantäne fest, denn auf der Insel wütete das Gelbfieber. Middleton vertrieb sich die Langeweile mit Schreiben.

Es waren zärtliche Briefe. Er schrieb Gusta, wie leid es ihm tue, dass mit dem Schiff auch all die schönen Sachen gesunken seien, die er für sie gekauft habe. Er wollte zurück nach Georgetown, die Fahrten mit den Blockade-Brechern waren ihm zu gefährlich geworden. Seine nächste Fahrt jedoch brachte ihn erst einmal zurück  nach England. Sein letzter Brief nach Hause datiert auf den 16. Dezember 1864. Danach bestieg er ein Schiff, das in Liverpool vom Stapel gelassen wurde in Richtung seiner Heimat. Es sank vor Wales. Nur zwölf Männer überlebten. Charles Francis Middleton war nicht unter ihnen.

„Vielleicht bin ich einfach ein Romantiker“, sagt Philippe Rouja, der Hüter der Schiffswracks. „Aber von all den Spekulationen darüber, wer die Luxusgüter so tief im Bug des Schiffs versteckt haben könnte, scheint mir Charles Middleton am wahrscheinlichsten. Vielleicht hat sie auch einfach irgendein Kerl dorthin getan, um in Amerika einen Haufen Geld damit zu machen. Aber irgendwie passt das nicht mit dieser exakten Auswahl von Gegenständen zusammen. Es macht eben eher den Eindruck, als wäre die Auswahl für eine ganz bestimmte Person getroffen worden.“

„Es roch zuerst wie schmutzige Papageien-Füße“

Um das herauszufinden, machten sich die Wissenschaftler nach ihrem Tauchgang zunächst ans Sortieren. Die größte Hoffnung setzten sie auf den Wein. Er sollte analysiert werden, denn man versprach sich neue Erkenntnisse über das Leben in Zeiten des Bürgerkriegs. Beim Parfüm war sich das Team unschlüssig. Die Flasche trug die Gravur „Piesse and Lubin London“. Sie enthielt Flüssigkeit und eine Luftblase. Um den Inhalt nicht voreilig zu zerstören, beschlossen die Wissenschaftler, die Flasche nicht zu öffnen, sondern sie zunächst provisorisch mit Wachs zu versiegeln, in frisches Wasser zu legen und so in einen Kühlschrank zu stellen. Das würde die Temperatur stabil bei ungefähr der Temperatur halten, der die Flasche unter Wasser ausgesetzt war. Die amerikanischen Wissenschaftler plädierten dafür, die Flasche zur Analyse nach England zu schicken, immerhin schien sie aus London zu stammen. Doch Rouja wollte zunächst bei der örtlichen Parfümerie auf Bermuda nachfragen, ob sie mit dem Fund etwas anfangen könnten.

Das Parfum „Mary Celeste“ steckt in einer Holzkiste, wie sein Vorläufer aus dem Wrack
Das Parfum „Mary Celeste“ steckt in einer Holzkiste, wie sein Vorläufer aus dem Wrack : Bild: Chiwun Smith for the Bermuda Perfumery

Als Isabelle Ramsay-Brackstone seinen Anruf bekam, war sie ganz aus dem Häuschen. „Ich wusste ja nichts über Schiffswracks, und Philippe Rouja wusste nichts über Parfüm. Aber wir wussten beide, dass wir etwas sehr wertvolles vor uns hatten“, sagt die Inhaberin der „Bermuda Perfumery“, die seit 1928 Düfte herstellt. Ramsay-Brackstone flog mit dem Fläschchen nach New York. Sie hatte schon oft mit den dortigen Duft-Kreateuren und Entwicklern von „Dorm Fragrances“ zusammengearbeitet. Im Labor wurde die Flasche zum ersten Mal geöffnet. „Es roch zuerst wie schmutzige Papageien-Füße“, sagt sie.

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