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Gemeinsame Tour : Der Schriftsteller und der Chansonsänger

Der Chansonniers Stephan Eicher (rechts) und der Schriftsteller Martin Suter Bild: Frank Röth

Stephan Eicher schreibt Chansons, Martin Suter Bestseller. Jetzt gehen sie mit einem Gemeinschaftswerk auf Tour: dem „Song Book“.

          7 Min.

          Ein Tag im Frühsommer in Zürich. Zwei Männer stehen an der Theke der Cigar Bar des Hotels Storchen. Das Haus, direkt an der Limmat gelegen, ist eine der ältesten Herbergen der Stadt. Gut 660 Jahre Geschichte vermitteln eine besondere Gediegenheit und vielleicht auch Verschwiegenheit. Die beiden Männer jedenfalls sind nicht zum Rauchen in die Bar gekommen. Für ein Glas Whisky oder Rum ist es zu früh und auch zu warm, weshalb sich einer der beiden ein Glace bringen lässt, ein Speiseeis.

          Christian Riethmüller
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Andere Gäste könnte ein solcher Wunsch nach Erfrischung in einer Zigarrenbar aufhorchen lassen. Wenn sie genauer hinschauten, sähen sie zwei Männer unbestimmten Alters, nicht mehr jung und noch nicht alt, beide trotz freundlichen Wetters in dunkle Töne gekleidet, durchaus elegant, jedoch etwas bohèmehaft. Für Geschäftsleute tragen sie das Haar zu lang, das sie mit Gel aus dem Gesicht zu halten versuchen. Eine große Kreole, wie sie der jüngere der beiden im Ohr hat, ist in der konservativen Zürcher Finanzwelt ein eher ungewöhnlicher Schmuck. Vielleicht sind sie professionelle Spieler? Man könnte sie in einem imaginären Film als Duo besetzen, das alle anderen fast schon beiläufig hinters Licht führen würde.

          Beginn einer Freundschaft im Nebel

          Den beiden Männern könnte solch ein Gedanke gefallen. Allerdings wären sie nicht auf Poker- oder Blackjack-Runden aus. Dann schon aufs Watten oder Jassen, wie populäre Kartenspiele in der Schweiz heißen. Sie dürften den beiden vertraut sein, bekennen sich Martin Suter und Stephan Eicher doch öffentlich zu einem Laster: der Spielsucht – jedenfalls  in ihrem Gemeinschaftswerk „Song Book".

          Gesänge und Geflunker: Stephan Eicher (links) und Martin Suter beim Open-Air-Konzert im Innenhof des Landesmuseums Zürich
          Gesänge und Geflunker: Stephan Eicher (links) und Martin Suter beim Open-Air-Konzert im Innenhof des Landesmuseums Zürich : Bild: Frank Röth

          Das ist ein Buch samt begleitender CD, das 17 Lieder des Chansonniers Stephan Eicher enthält, für die der Schriftsteller Martin Suter die Texte geschrieben hat, dazu Kurzprosa zur Entstehungsgeschichte der Songs. Ob diese Lieder, die im Lauf der vergangenen zehn Jahre verfasst wurden, so ähnlich entstanden sind, wie in den Textminiaturen beschrieben, wissen nur die beiden. Dass in den Beschreibungen mehr als nur ein bisschen Wahrheit liegen könnte, ist Teil des Spiels mit dem Publikum. „Die Geschichten sind schon überhöht. Aber es ist ja Literatur", sagt Stephan Eicher, und sein Lächeln und die Betonung des Wortes „Literatur" deuten an, dass Martin Suter seiner Lust am Fabulieren freien Lauf ließ.

          So soll er den Musiker, der vor bald 40 Jahren mit seinem Bruder Martin als Neue-Deutsche-Welle-Band Grauzone mit der Single „Eisbär" seinen ersten Hit landete, unter gefährlichen Umständen im Gebirge kennengelernt haben. Dort seien Suter und Eicher getrennt voneinander der Kristall- und Mineraliensuche, dem Strahlen, nachgegangen, als Suter plötzlich in dichten Nebel geraten und zum Ausharren verdammt worden sei. Unvermittelt sei ein Geräusch durch die graue Stille gedrungen. Suter habe sich Zentimeter um Zentimeter diesem Geräusch genähert und sei schließlich auf den in einer Kluft werkelnden Eicher getroffen, der dort gerade eine ziemlich perfekte Quarzgruppe aus dem Granit zu befreien versuchte. Mit vereinten Kräften sei es ihnen gelungen, die Gruppe zu lösen, und als sie schließlich ihren Fund geborgen hätten, sei der Nebel verschwunden gewesen und ihre Freundschaft besiegelt.

          Mundart-Poesie

          Dichtung, Wahrheit? „Wir haben uns tatsächlich in den Bergen kennengelernt", sagt Martin Suter. „Allerdings bei einem Literaturfestival." In Leukerbad hätten sie eine jener Begegnungen gehabt, die inspirierend für ihr gemeinsames Erzählen gewesen sei. Sie erinnern sich lachend an einen Barmann, der ihnen, anstatt sie zu bedienen, Tricks mit brennenden Zigaretten vorführte. „Das war wie bei einem Casting. Doch seine Tricks haben nicht immer funktioniert, und er hätte uns fast noch Löcher in die Kleidung gebrannt."

          Zum Helden eines Lieds hat es der Barmann nicht geschafft, doch die Szenerie wirkte nachhaltig. Einer der kurzen Prosatexte im „Song Book" spielt in einer Bar, wo die zu Whisky-Kennern stilisierten Suter und Eicher aber nicht auf einen exaltierten Barkeeper treffen. Vielmehr jammert ein schluchzender Liebeskranker, froh um ein wenig Publikum, über „die Weiber" im Allgemeinen und eine „Evi" im Besonderen, die ihn erst erzog und dann, als er so gewesen sei, wie sie ihn immer haben wollte, verließ, um sich einen zu suchen, der so sei, wie der Verlassene es war, bevor er erzogen worden war.

          Diese Klage einer wunden Seele ist ein Lied geworden, dessen Titel „Nimm mi, wie-n-i bi" beispielhaft für dieses Song Book" steht. Der mittlerweile 70 Jahre alte Suter ist dafür zum Mundart-Poeten geworden, und der bald 58 Jahre alte Stephan Eicher, der seit Jahrzehnten in der Camargue in Frankreich lebt und mit seiner Familie Französisch parliert, singt im Dialekt seiner Kindheit, in Berndeutsch. Diese Variante des Schweizerdeutsch musste der aus Zürich stammende – also Zürichdeutsch sprechende und Hochdeutsch schreibende – Martin Suter auch erst lernen. „Mit einem Wörterbuch."

          Der „Heimatgroove“

          Allerdings reimen sich im Zürichdeutschen und im Berndeutschen nicht die gleichen Wörter, manche werden anders ausgesprochen, und einige Wörter gibt es nur im Berndeutschen. „Gäng" ist so ein Wort, das bedeutet „immer". „In Zürich verwendet man aber nur das Wort 'immer'." Woher sich dieses „gäng" ableitet? „Vom Gang der Zeit", sagt Stephan Eicher, der als Experte für ein unverfälschtes Berndeutsch gelten darf. „Es ist, als wäre ich in eine Gletscherspalte gefallen und nun wieder aufgetaut worden. Ich spreche immer noch Berndeutsch wie im Jahr 1970", sagt der Sänger, der seine Kindheit und Jugend im Kanton Bern verbrachte, bevor er wegzog.

          Nicht zuletzt aus musikalischen Gründen schwört er aber immer noch auf die Hauptstadt. Hier gebe es die einzige wahre Musikszene in der Schweiz, und wenn er als künstlerischer Direktor andere Musiker produziere, dann nur solche, mit denen er Berndeutsch sprechen könne, also Kutti MC oder Hank Shizzoe. Auf seinen zahlreichen eigenen Alben wechselt der Chansonnier zwischen Liedern in Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch. Nun in seinem Heimatdialekt singen zu können, sei gut für die Figuren in den Texten. „Da ist man gleich drin. Wenn ich Berndeutsch singe, habe ich eine dunklere Stimme als in der französischen Sprache und mehr Bässe, die ich nutzen kann. Rein technisch ist das ein Vergnügen. Es ist aber auch ein Nachhausekommen in der Sprache."

          Als „Heimatlieder" wollen Martin Suter und Stephan Eicher die Songs aber nicht verstanden wissen. „Es gibt da diesen Heimatgroove", sagt Suter und spielt auf einen in der Schweiz verbreiteten Patriotismus an, der auch in entsprechenden Liedern auf Schweizerdeutsch Ausdruck findet. Dem begegnen der Schriftsteller und der Sänger mit Ironie. Nicht in den Liedern, „die sind ja oft sehr ernst gemeint", wie Suter sagt, sondern in den kurzen Texten zur Entstehungsgeschichte.

          Einer schreibt und der andere komponiert

          In diesen Miniaturen sind die beiden nicht nur Gourmets, Monopoly-Zocker, Hundeschlittenführer, Bergfexe oder gar Rudercracks von olympischem Rang. Sie tauchen auch in die Folklore ein, etwa beim Hornussen, einer in den Mittellandkantonen populären Mannschaftssportart, die Nichteingeweihte an Cricket oder Baseball erinnern dürfte. Oder sie gehen zum Kuhkampf, bei dem die stärkste Kuh ermittelt wird, die den Alpaufzug anführen darf. Oder sie hocken sich in einen Gasthof auf dem Land, eine Beiz, und beobachten die Menschen, die das Lokal bevölkern, das vielleicht „Bären" heißt.

          „Eine Form der ironischen Distanzierung" nennt Suter diese Schweiz-Betrachtungen. „Solche Gasthöfe gibt es ja wirklich." Somit ist das Lied „Wägg vom Bäre" über eine sehnsüchtige Wirtstochter eine Beobachtung, auf den Punkt gebracht wie in einem guten Country-Song. „Wir sind Country-Musik-Fans", sagt Stephan Eicher und erklärt damit den Hauch Americana, der durch das „Song Book" weht, gerade auch in der neuen Version des gut zehn Jahre alten Lieds „Weiss nid, was es isch" – des Songs, den Stephan Eicher im Jahr 2007 für sein Album „Eldorado" aufgenommen und dessen Text Martin Suter beigesteuert hatte. Damit hatte damals die Zusammenarbeit begonnen, über Nacht sozusagen, denn der Sänger hatte den Text, der ihm per Mail gesendet worden war, gleich vertont und zurückgeschickt.

          Diese Arbeitsweise haben sie bis heute beibehalten. Martin Suter schickt Texte an Stephan Eicher, die diesen wiederum zu Melodien und Arrangements inspirieren. Manchmal hat der Sänger auch schon eine Musik, die er dann auf einen Text anpasst, wie etwa beim rührenden „Das alte Paar", Stephan Eichers persönlichstem Vortrag auf dem Gemeinschaftswerk. „Ich habe da meine Eltern vor Augen, wie sie ins Altersheim ziehen mussten", sagt er. „Deshalb kann ich das singen und bin auch stolz, dass ich das vor Publikum zeigen darf."

          Hofkonzert im Landesmuseum

          Texte, die zu Liedern werden könnten, hat Martin Suter noch im Dutzend auf Lager. „Ich habe einen unveröffentlichten Roman, der auch nie veröffentlicht wird, und dessen Hauptfigur ein Journalist ist. Der hat eine wöchentliche Kolumne, in der es zwar nicht um das alte Paar geht, aber etwa um eine alte Frau und ihren Dackel. Insgesamt so zwölf Kurzgeschichten. Da denke ich immer, die könnten Lieder ergeben. Es sind Episoden, und die sind fast das Beste an diesem Roman", erzählt der Schriftsteller, der sich schon als Kind für Liedtexte begeisterte. „In der Schellack-Sammlung meines Vaters waren viele Lieder aus dem Berlin der zwanziger Jahre. Die habe ich immer gehört und konnte sie schon als Sechsjähriger auswendig. Mit 16 wusste ich, dass Schreiben mein Berufswunsch ist. Ich habe auch angefangen, Liedtexte zu schreiben, bin aber nicht übers Lyrics-Verfassen zum eigentlichen Schreiben gekommen", sagt Suter, der vor seiner Karriere als Autor von Romanen, Krimis und Drehbüchern erfolgreicher Werbetexter und Kolumnist war.

          Und er ist ein Verehrer des Great American Songbooks - herausragender amerikanischer Lieder der dreißiger bis sechziger Jahre – sowie des Songwriting von Bob Dylan, Leonard Cohen und Neil Young, was ihn auch auf die Idee zum „Song Book" brachte, einer Sammlung künftiger Schweizer Klassiker, die in Serie gehen könnte. Zumindest ein „Song Book 2" haben die beiden schon im Kopf, gibt es doch vom Singspiel „Geri", das sie vor acht Jahren fürs Schauspiel Zürich geschrieben haben, rund 20 Lieder, die noch nicht aufgenommen worden sind.

          Davor wollen sie aber nun erst einmal auf Tournee gehen. In der Schweiz wurden die Aufführungen des „Song Book", etwa bei einem Open-Air-Konzert im Hof des Landesmuseums Zürich, gut angenommen. Unterstützt von einer Band und dem Luzerner Kammerchor Molto Cantabile singt Stephan Eicher fast alle Lieder des Albums, und Martin Suter liest die Texte zur Entstehungsgeschichte. Und er ist als Musiker zu erleben. Suter spielt Mundharmonika, was die Folk-Anmutung noch unterstreicht.

          „Die Lieder sind brillant, also soll man sie auch verstehen“

          Vor einem Fernsehauftritt, zu dem die beiden eingeladen waren, hatte Stephan Eicher den Schriftsteller gefragt, ob er nicht ein Instrument beherrsche, um ihn zur Gitarre begleiten zu können. Der erinnerte sich an frühe Mundharmonika-Tage, und seit einer Probe vor dem Auftritt werde er nun Martin „Harp" Suter genannt, scherzt Stephan Eicher.

          Der Musiker weiß, dass zu den Auftritten in Deutschland die meisten wegen des Schriftstellers kommen, weil er so bekannt ist und weil man ihn besser versteht. Er trägt die Prosatexte in Hochdeutsch vor, während Stephan Eicher die Lieder in Berndeutsch singt. In den deutschen Konzertsälen sollen deshalb Untertitel eingeblendet werden. Eicher hat nichts dagegen. „Das finde ich gut. Die Lieder sind brillant, also soll man sie auch verstehen. Gebt mir eine Chance!" Gelegenheit dazu besteht vom 23. bis 30. September, wenn Stephan Eicher und Martin Suter in München, Köln, Berlin, Hamburg und Frankfurt auftreten.

          Aktualisierung: Martin Suter und Stephan Eichinger müssen ihre Tournee wegen eines Bandscheibenvorfalls verschieben.

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