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Gemeinsame Tour : Der Schriftsteller und der Chansonsänger

„Eine Form der ironischen Distanzierung" nennt Suter diese Schweiz-Betrachtungen. „Solche Gasthöfe gibt es ja wirklich." Somit ist das Lied „Wägg vom Bäre" über eine sehnsüchtige Wirtstochter eine Beobachtung, auf den Punkt gebracht wie in einem guten Country-Song. „Wir sind Country-Musik-Fans", sagt Stephan Eicher und erklärt damit den Hauch Americana, der durch das „Song Book" weht, gerade auch in der neuen Version des gut zehn Jahre alten Lieds „Weiss nid, was es isch" – des Songs, den Stephan Eicher im Jahr 2007 für sein Album „Eldorado" aufgenommen und dessen Text Martin Suter beigesteuert hatte. Damit hatte damals die Zusammenarbeit begonnen, über Nacht sozusagen, denn der Sänger hatte den Text, der ihm per Mail gesendet worden war, gleich vertont und zurückgeschickt.

Diese Arbeitsweise haben sie bis heute beibehalten. Martin Suter schickt Texte an Stephan Eicher, die diesen wiederum zu Melodien und Arrangements inspirieren. Manchmal hat der Sänger auch schon eine Musik, die er dann auf einen Text anpasst, wie etwa beim rührenden „Das alte Paar", Stephan Eichers persönlichstem Vortrag auf dem Gemeinschaftswerk. „Ich habe da meine Eltern vor Augen, wie sie ins Altersheim ziehen mussten", sagt er. „Deshalb kann ich das singen und bin auch stolz, dass ich das vor Publikum zeigen darf."

Hofkonzert im Landesmuseum

Texte, die zu Liedern werden könnten, hat Martin Suter noch im Dutzend auf Lager. „Ich habe einen unveröffentlichten Roman, der auch nie veröffentlicht wird, und dessen Hauptfigur ein Journalist ist. Der hat eine wöchentliche Kolumne, in der es zwar nicht um das alte Paar geht, aber etwa um eine alte Frau und ihren Dackel. Insgesamt so zwölf Kurzgeschichten. Da denke ich immer, die könnten Lieder ergeben. Es sind Episoden, und die sind fast das Beste an diesem Roman", erzählt der Schriftsteller, der sich schon als Kind für Liedtexte begeisterte. „In der Schellack-Sammlung meines Vaters waren viele Lieder aus dem Berlin der zwanziger Jahre. Die habe ich immer gehört und konnte sie schon als Sechsjähriger auswendig. Mit 16 wusste ich, dass Schreiben mein Berufswunsch ist. Ich habe auch angefangen, Liedtexte zu schreiben, bin aber nicht übers Lyrics-Verfassen zum eigentlichen Schreiben gekommen", sagt Suter, der vor seiner Karriere als Autor von Romanen, Krimis und Drehbüchern erfolgreicher Werbetexter und Kolumnist war.

Und er ist ein Verehrer des Great American Songbooks - herausragender amerikanischer Lieder der dreißiger bis sechziger Jahre – sowie des Songwriting von Bob Dylan, Leonard Cohen und Neil Young, was ihn auch auf die Idee zum „Song Book" brachte, einer Sammlung künftiger Schweizer Klassiker, die in Serie gehen könnte. Zumindest ein „Song Book 2" haben die beiden schon im Kopf, gibt es doch vom Singspiel „Geri", das sie vor acht Jahren fürs Schauspiel Zürich geschrieben haben, rund 20 Lieder, die noch nicht aufgenommen worden sind.

Davor wollen sie aber nun erst einmal auf Tournee gehen. In der Schweiz wurden die Aufführungen des „Song Book", etwa bei einem Open-Air-Konzert im Hof des Landesmuseums Zürich, gut angenommen. Unterstützt von einer Band und dem Luzerner Kammerchor Molto Cantabile singt Stephan Eicher fast alle Lieder des Albums, und Martin Suter liest die Texte zur Entstehungsgeschichte. Und er ist als Musiker zu erleben. Suter spielt Mundharmonika, was die Folk-Anmutung noch unterstreicht.

„Die Lieder sind brillant, also soll man sie auch verstehen“

Vor einem Fernsehauftritt, zu dem die beiden eingeladen waren, hatte Stephan Eicher den Schriftsteller gefragt, ob er nicht ein Instrument beherrsche, um ihn zur Gitarre begleiten zu können. Der erinnerte sich an frühe Mundharmonika-Tage, und seit einer Probe vor dem Auftritt werde er nun Martin „Harp" Suter genannt, scherzt Stephan Eicher.

Der Musiker weiß, dass zu den Auftritten in Deutschland die meisten wegen des Schriftstellers kommen, weil er so bekannt ist und weil man ihn besser versteht. Er trägt die Prosatexte in Hochdeutsch vor, während Stephan Eicher die Lieder in Berndeutsch singt. In den deutschen Konzertsälen sollen deshalb Untertitel eingeblendet werden. Eicher hat nichts dagegen. „Das finde ich gut. Die Lieder sind brillant, also soll man sie auch verstehen. Gebt mir eine Chance!" Gelegenheit dazu besteht vom 23. bis 30. September, wenn Stephan Eicher und Martin Suter in München, Köln, Berlin, Hamburg und Frankfurt auftreten.

Aktualisierung: Martin Suter und Stephan Eichinger müssen ihre Tournee wegen eines Bandscheibenvorfalls verschieben.

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