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Gemeinsame Tour : Der Schriftsteller und der Chansonsänger

Zum Helden eines Lieds hat es der Barmann nicht geschafft, doch die Szenerie wirkte nachhaltig. Einer der kurzen Prosatexte im „Song Book" spielt in einer Bar, wo die zu Whisky-Kennern stilisierten Suter und Eicher aber nicht auf einen exaltierten Barkeeper treffen. Vielmehr jammert ein schluchzender Liebeskranker, froh um ein wenig Publikum, über „die Weiber" im Allgemeinen und eine „Evi" im Besonderen, die ihn erst erzog und dann, als er so gewesen sei, wie sie ihn immer haben wollte, verließ, um sich einen zu suchen, der so sei, wie der Verlassene es war, bevor er erzogen worden war.

Diese Klage einer wunden Seele ist ein Lied geworden, dessen Titel „Nimm mi, wie-n-i bi" beispielhaft für dieses Song Book" steht. Der mittlerweile 70 Jahre alte Suter ist dafür zum Mundart-Poeten geworden, und der bald 58 Jahre alte Stephan Eicher, der seit Jahrzehnten in der Camargue in Frankreich lebt und mit seiner Familie Französisch parliert, singt im Dialekt seiner Kindheit, in Berndeutsch. Diese Variante des Schweizerdeutsch musste der aus Zürich stammende – also Zürichdeutsch sprechende und Hochdeutsch schreibende – Martin Suter auch erst lernen. „Mit einem Wörterbuch."

Der „Heimatgroove“

Allerdings reimen sich im Zürichdeutschen und im Berndeutschen nicht die gleichen Wörter, manche werden anders ausgesprochen, und einige Wörter gibt es nur im Berndeutschen. „Gäng" ist so ein Wort, das bedeutet „immer". „In Zürich verwendet man aber nur das Wort 'immer'." Woher sich dieses „gäng" ableitet? „Vom Gang der Zeit", sagt Stephan Eicher, der als Experte für ein unverfälschtes Berndeutsch gelten darf. „Es ist, als wäre ich in eine Gletscherspalte gefallen und nun wieder aufgetaut worden. Ich spreche immer noch Berndeutsch wie im Jahr 1970", sagt der Sänger, der seine Kindheit und Jugend im Kanton Bern verbrachte, bevor er wegzog.

Nicht zuletzt aus musikalischen Gründen schwört er aber immer noch auf die Hauptstadt. Hier gebe es die einzige wahre Musikszene in der Schweiz, und wenn er als künstlerischer Direktor andere Musiker produziere, dann nur solche, mit denen er Berndeutsch sprechen könne, also Kutti MC oder Hank Shizzoe. Auf seinen zahlreichen eigenen Alben wechselt der Chansonnier zwischen Liedern in Französisch, Deutsch, Italienisch und Englisch. Nun in seinem Heimatdialekt singen zu können, sei gut für die Figuren in den Texten. „Da ist man gleich drin. Wenn ich Berndeutsch singe, habe ich eine dunklere Stimme als in der französischen Sprache und mehr Bässe, die ich nutzen kann. Rein technisch ist das ein Vergnügen. Es ist aber auch ein Nachhausekommen in der Sprache."

Als „Heimatlieder" wollen Martin Suter und Stephan Eicher die Songs aber nicht verstanden wissen. „Es gibt da diesen Heimatgroove", sagt Suter und spielt auf einen in der Schweiz verbreiteten Patriotismus an, der auch in entsprechenden Liedern auf Schweizerdeutsch Ausdruck findet. Dem begegnen der Schriftsteller und der Sänger mit Ironie. Nicht in den Liedern, „die sind ja oft sehr ernst gemeint", wie Suter sagt, sondern in den kurzen Texten zur Entstehungsgeschichte.

Einer schreibt und der andere komponiert

In diesen Miniaturen sind die beiden nicht nur Gourmets, Monopoly-Zocker, Hundeschlittenführer, Bergfexe oder gar Rudercracks von olympischem Rang. Sie tauchen auch in die Folklore ein, etwa beim Hornussen, einer in den Mittellandkantonen populären Mannschaftssportart, die Nichteingeweihte an Cricket oder Baseball erinnern dürfte. Oder sie gehen zum Kuhkampf, bei dem die stärkste Kuh ermittelt wird, die den Alpaufzug anführen darf. Oder sie hocken sich in einen Gasthof auf dem Land, eine Beiz, und beobachten die Menschen, die das Lokal bevölkern, das vielleicht „Bären" heißt.

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