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Zudringlichkeit im Netz : Auf Instagram gegen digitale Belästigung

  • -Aktualisiert am

Die zwei Wienerinnen Caro (links) und Kim (rechts) machen sexuelle Belästigung in sozialen Netzwerken sichtbar. Bild: TruDoku

Zwei Wienerinnen haben es sich zur Aufgabe gemacht, sexuelle Übergriffe in sozialen Netzwerken sichtbar zu machen. Ihre Veröffentlichungen sind besorgniserregend.

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          Eigentlich sollen soziale Netzwerke Spaß machen. Deswegen spielt sich auch Caros und Kims Leben – wie das vieler junger Menschen – zu einem beachtlichen Teil im digitalen Raum ab. Doch zwischen Katzenvideos, Beauty-Influencern und Dating-Plattformen hat sich in den vergangenen Jahren ein Phänomen eingeschlichen, das in vielen Fällen unbeachtet bleibt: sexuelle Belästigung.

          Davon sind auch die beiden Wienerinnen nicht unberührt geblieben. Die beiden Frauen, die öffentlich nur ihre Vornamen nennen wollen, haben sich über Instagram kennengelernt, waren bei Posts zur Gleichberechtigung oft einer Meinung. Und auch ihre Erfahrungen mit übergriffigen Nachrichten und unerwünschten Nacktbildern teilten die beiden jungen Frauen – und sie gewannen zunehmend den Eindruck, dass Belästigungen via Direktnachricht geradezu Alltag sind. Beide verspürten den Drang, das Problem publik zu machen – und gründeten Antiflirting, eine Instagram-Seite, die den Status quo ändern soll.

          Seitdem sind fast acht Monate vergangen. Acht Monate, in denen die beiden Gründerinnen in mehreren hundert Posts sexuelle Belästigungen aus den Direktnachrichten in die Öffentlichkeit trugen. Das Prinzip ist simpel: Betroffene können an den Account Screenshots der Unterhaltungen senden, in denen sie dem eigenen Empfinden nach sexuell belästigt oder die Verfasser übergriffig wurden.

          Dabei gibt es wie auch im analogen Leben keine klaren Abgrenzungen, da es zu einem großen Teil um Kontext und das subjektive Empfinden der Betroffenen: Wie stehe ich zu dem Menschen, der mir diese Nachrichten schreibt? Habe ich um die anzüglichen Fotos und Nachrichten gebeten? Wie geht es mir dabei? Antiflirting sei ein „safe space“, sagt Caro. „Wir werten nicht und sprechen den Betroffenen ihr Gefühl nicht ab. Deshalb zeigen wir so eine große Bandbreite an Nachrichten.“

          50 bis 100 Nachrichten pro Tag

          Während die einen zunächst vermeintlich harmlos und alltäglich klingen, müssen bei anderen Screenshots aufgrund der expliziten Aussagen sogar Warnungen dazugestellt werden. Oft spielen dabei Themen wie Rassismus, Homophobie und sexualisierte Gewalt eine Rolle. Immer wieder wird ber auch die Absurdität der Nachrichten deutlich: Mitten in eine normale Konversation oder einen Ebay-Kleinanzeigen-Deal platzen Nacktbilder, oft sogenannte Dickpics (Penisbilder) oder niedergeschriebene Sexfantasien.

          Auch deshalb müssen die beiden Aktivistinnen die Nachrichten für sich selbst verarbeiten und ziehen sich manchmal von der Arbeit an dem Account zurück. Jeden Tag erhalten sie zwischen 50 und 100 Nachrichten, in denen die Opfer sexueller Belästigung sich ihnen öffnen. „Wir nehmen verschiedene Rollen ein und sind oft so was wie eine Freundin oder Bezugsperson“, erklärt Caro. Professionelle Hilfe oder Anlaufstellen wollen sie nicht ersetzen, verweisen in entsprechenden Situationen vielmehr auf sie.

          90 Prozent der Einsendungen stammen von Frauen

          Immer wieder müssen sich Caro und Kim vorwerfen lassen, dass sie Männerhasserinnen seien und vornehmlich männliche Verfasser an den Pranger stellen. Dabei achten die Aktivistinnen in ihren Postings genau darauf, geschlechtsneutral zu formulieren und keine verräterischen Details veröffentlichen. „Bei den meisten Chats sieht man, dass die Belästigung von männlichen Nutzern ausgeht. Trotzdem ist übergriffiges Verhalten nicht geschlechtsspezifisch. Wir erhalten einfach nur zu etwa 90 Prozent Einsendungen von weiblichen Personen“, erzählt Caro.

          Dieser Wert bilde ihrer Meinung nach auf keinen Fall die Realität ab, zeige vielmehr deutlich, dass nicht alle Bereiche der Gesellschaft sich gleichermaßen mit dem Thema Belästigung beschäftigen – geschweige denn offen darüber reden. „Auch Männer sollten das vermehrt tun. Nur so ändert sich ein System: wenn es alle miteinbezieht“, sagt die Aktivistin. Das treffe sowohl auf Zeugen und Täter als auch auf Betroffene zu.

          In den acht Monaten ihrer Arbeit mussten Caro und Kim mehrere Rückschläge einstecken. Allen vorweg wegen der Plattform Instagram selbst, die bereits zweimal den Account der jungen Aktivistinnen sperrte. Das erste Mal im November, als sie sich ohne Vorwarnung nicht mehr einloggen konnten – keine Kontaktmöglichkeit, keine Benachrichtigung. Während sie den allgemeinen Support kontaktierten, eröffneten sie Antiflirting2 und bauten ihre Accountgröße mit inzwischen 15.000 Followern stückchenweise wieder auf. Einen Monat später gab Instagram den alten Account für vier Tage wieder frei, bevor die Plattform ihn endgültig löschte.

          Erst zwei Monate später wurden die Aktivistinnen direkt von den Betreibern kontaktiert, die ihnen die Sperrung erklärten: Weil sie in ihren ursprünglichen Postings die explizite Sprache und einige Bilder nicht ausreichend zensiert hatten, wurden sie oft gemeldet, beispielsweise aufgrund von Nacktheit. Sobald ein gewisser Punktestand an Meldungen erreicht ist, sperrt Instagram den Account, ohne ihn individuell zu prüfen. Technisch sei es demzufolge unmöglich, Antiflirting zurückzuholen. „Die Kontaktpersonen machten uns klar: Sie haben das Anliegen verstanden, sehen es auch als Bildungsarbeit an“, sagt Caro. Unter der Prämisse, dass Antiflirting2 konsequent Nacktheit, Beleidigungen und anzügliche Formulierungen zensiere, könne ihr Projekt weiterlaufen – und die Plattform wieder ein bisschen ernster machen.

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