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Zentrum für unerkannte Krankheiten : „Man muss Patienten zuhören“

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Von Ärzten hört man meist Beschwerden darüber, dass Patienten vor dem Praxisbesuch schon viel Unwahres im Internet recherchiert haben. Würden Sie denn auch Patienten raten, nach ihren unklaren Symptomen zu googeln?

Nein, davon rate ich klar ab. Sie haben ja keinen Zugang zu den medizinischen Datenbanken und lassen sich von Suchergebnissen wirklich leicht verunsichern, zumal es neben einigen guten auch sehr viele dubiose, unzertifizierte Foren im Netz gibt. Patienten fehlt einfach das entscheidende Wissen, die Ergebnisse richtig einzuordnen. Stellen sie sich vor, wie man sich fühlt, wenn bei blutig tingiertem Auswurf und Fieber gleich ein Parasitenbefall oder gar Lungenkrebs statt einer Lungenentzündung als Verdachtsdiagnose erscheint. Aber was ich raten kann, ist, sich nicht mit Schnelldiagnosen wie „das ist alles nur das Alter oder die Psyche“ vertrösten zu lassen.

Melden sich oft Patienten bei Ihnen, die von anderen Ärzten eine psychiatrische Diagnose bekommen haben, obwohl Sie am Ende eine körperliche Ursache für die Leiden finden?

Das kommt schon immer mal wieder vor.

Woran liegt das?

Ich behaupte nicht, dass in den Psychiatrien reihenweise Patienten untergebracht sind, die eigentlich primär eine körperliche Erkrankung haben. Ganz bestimmt nicht. Aber ich habe schon den Eindruck, dass manches Mal vor dem Vergeben einer Diagnose wie „schwere Depression“ keine umfassende internistische, endokrinologische Diagnostik gemacht wird. Aus meiner Erfahrung würde ich fordern, dass vor jeder Einweisung in die Psychiatrie gesetzlich geregelt eine Art „standard operation procedure“, also eine Standardvorgehensweise mit breiter internistischer Diagnostik stattfinden muss. Denn steckt ein Patient erst einmal in der „Psycho-Schublade“, kommt er da schwer wieder raus.

Mit solchen Äußerungen machen Sie sich aber keine Freunde unter Ihren psychiatrischen Kollegen?

Das glaube ich eigentlich nicht, denn kein Psychiater möchte einen Patienten mit Morbus Addison, Morbus Wilson oder Porphyrie fälschlicherweise als rein psychisch krank behandeln. Hier müssen andere ihre Hausaufgaben zuvor gemacht haben. Ich will niemanden pauschal kritisieren und finde auch nicht, dass es die Aufgabe von Psychiatern oder Hausärzten ist, seltene unklare Erkrankungen zu diagnostizieren. Das ist eine klassische Aufgabe für Unikliniken, einfachere Erkrankungen kann dagegen jedes Kreiskrankenhaus behandeln.

Unikliniken scheinen diese Aufgabe aber nicht ausreichend wahrzunehmen, sonst hätten Sie vermutlich nicht so einen großen Andrang von Menschen aus ganz Deutschland, die auf der Suche nach einer Diagnose sind.

Ja, aber die Frage ist doch, warum?

Warum?

Ich glaube, ein entscheidender Grund ist unser völlig desolates Abrechnungssystem, mit dem sich die Kliniken herumquälen müssen - das DRG-System. Das mag zwar für neunzig Prozent der Patienten passen, für unerkannte oder komplexe Erkrankungen, also genau die Patientengruppe, die gerade in Universitätskliniken oder Häusern der Maximalversorgung behandelt werden, ist es aber nicht anwendbar.

Professor Jürgen Schäfer gewann den Pulsus-Award als bester Arzt des Jahres 2013

Wie meinen Sie das?

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