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Zentrum für unerkannte Krankheiten : „Man muss Patienten zuhören“

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Sind es wirklich nur die fehlenden Strukturen? Bisher hatten Sie auch kein ausgewiesenes Zentrum und haben Patienten, die woanders keinen Rat gefunden haben, geholfen?

Wir machen eine sehr konsequente Diagnostik, manchmal vielleicht konsequenter als andere Kliniken. Wenn wir nur den geringsten Verdacht haben, gehen wir diesem bis zum Schluss nach. Einige Fortschritte in der Medizin haben uns in den vergangenen Jahren die Suche nach unklaren Krankheitsbildern enorm erleichtert. Diese nutzen wir hier in Marburg voll aus.

Welche Fortschritte meinen Sie?

Genaugenommen sind es drei. Es ist die moderne EDV, insbesondere die speziellen medizinischen Suchmaschinen, die es wirklich erleichtern, zu einer Diagnose zu gelangen, gerade wenn es eine extrem seltene Erkrankung ist. Das andere ist die heutige Labortechnik. Wir können mittlerweile für relativ wenig Geld viele Antikörper, Spurenelemente und Gendefekte analysieren, zum Teil finden wir heute Marker, die wir vor wenigen Jahren nicht mal kannten. Das Dritte ist die exzellente apparative Bildgebung mit hochauflösenden Ultraschall- oder Röntgengeräten.

Welche Entwicklung halten Sie für die wichtigste bei der Ursachensuche von unklaren Krankheitsbildern?

Die moderne EDV mit ihren immer besser werdenden medizinischen Suchmaschinen.

Das überrascht mich. Warum?

Hatte man früher zum Beispiel vier Symptome bei einem Patienten, wie zunehmende Schwerhörigkeit, drohende Erblindung, Herzschwäche und Hüftschmerzen bei vor kurzem eingebauter künstlicher Hüfte, dann musste man früher tage- vielleicht wochenlang in der Bibliothek in dicken Fachbüchern wälzen, um sich der Diagnose zu nähern. Heute kann man die Symptome in eine der speziellen Suchmaschinen eingeben - notfalls sogar in Google -, und mit etwas Glück und Erfahrung hat man nach einer halben Stunde eine Liste von Erkrankungen und Syndromen, die weiterhelfen. Im konkreten Fall käme man auf eine Kobaltvergiftung durch eine defekte Hüftprothese. Das erleichtert die Diagnostik wahnsinnig und bietet neue Chancen. Das Internet und die modernen Suchmaschinen sind eine echte Revolution in der Medizin.

Das heißt, Ärzte von heute müssen gar nicht mehr viel wissen, sondern nur noch richtig in Internet-Datenbanken suchen?

Das ist sehr drastisch ausgedrückt, so habe ich es nicht gemeint. Von „Dr. Google“ sind wir noch immer weit entfernt. Aber ich denke schon, dass es heute zu den wichtigsten Aufgaben eines Diagnostikers gehört, erst mal wahrzunehmen, was der Patient an Symptomen und Verhalten zeigt, und ihm genau zuzuhören. Das ist wichtiger als sofort zu wissen, was dahinterstecken mag. Wenn wir wissen, nach was wir suchen, kann uns heute die moderne EDV enorm helfen. Die entscheidende ärztliche Kunst ist es dann, die Unmenge an Informationen der richtigen Diagnose und Therapie zuzuordnen.

Nutzt die Ärzteschaft die Vorteile des Netzes genügend?

Ich glaube, vielen ist das enorme Potential dieser Entwicklung noch nicht so richtig bewusst. Auch die Gesundheitspolitiker haben den Wert noch nicht erkannt. Sie sollten sich dafür einsetzen, dass jeder Arztpraxis ein gewisser Mindeststandart an moderner, zertifizierter EDV und speziellen Suchsystemen und Links zu den jeweiligen Experten bereitgestellt wird.

„Borreliose ist nun wahrlich keine seltene Erkrankung, nur leider eine, die allzu oft nicht erkannt wird.“

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