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Yoga-Studios : Die Kunst des Entspannten

  • -Aktualisiert am

Weiße Kleidung soll von Äußerlichkeiten ablenken

Also bleibt Sattin auf dem Boden. Weder geht er mit der prominenten Klientel hausieren (“Einige kommen, einige gehen“), noch hebt er auf das tolle Design ab: „Wir mussten hier in Chelsea mit den Vorgaben des Raums zurechtkommen.“ Daher habe er sich dafür entschieden, das ursprüngliche Industriedesign beizubehalten und etwas daraus zu machen, was Spaß bringt. Die Inneneinrichtung gestaltete die Londoner Yoga-Lehrerin und Designerin Jane Kersel, die mit Sattin schon für das Studio in Soho zusammengearbeitet hatte.

So viel demonstratives Understatement hat Immanuel Grosser vom Y8 in Hamburg nicht nötig. Auch wenn die Gestaltung des von ihm und seiner Frau Benita im Jahr 2001 gegründeten Loft-Studios in ihrer weißen Schlichtheit, die an eine Segelyacht erinnert, Triyoga kaum nachsteht. Die Matten sind hier schwarz, die Tücher blaugrau, und an einem Seil an der Decke baumelt eine Schaukel. Doch modisch würde man das Y8 niemals nennen, auch wenn einige bekannte Hamburger Künstler und Medienleute hier üben.

Die Konzeptkünstlerin Channa Horwitz stellte ihre Installation „Displacement“ 2011 im Y8 aus.

Die Grossers betreiben ein äußerst ernsthaftes Sivananda-Yoga, eine Richtung des Hatha-Yoga, die mit dem klassischen Lehrer-Schüler-System arbeitet. Hier gibt es kein Switchen zwischen den Stilen, sondern eine klar definierte Tradition, nach der alle üben. Die Schüler sind weiß gekleidet, das soll von Äußerlichkeiten ablenken. Eine angegliederte Yoga-Boutique mit Wellness-Fashion wäre für die Grossers eine schreckliche Vorstellung.

Wo der Raum eine Haltung vermittelt

Auch über ihr Studio freuen sich Architekturmagazine. Doch ist es ihnen mit traumwandlerischer Sicherheit gelungen, die Balance zwischen Strenge und Zeitgeist zu halten. Die eigentliche Herausforderung liegt hier auch nicht in dem aufwendigen Innendesign – der pure nordische Stil wurde mit recht simplen Mitteln geschaffen. Ihnen geht es wirklich um die Kunst. Regelmäßig stellen bekannte zeitgenössische Künstler ihre Werke bei Y8 aus. Bis vor kurzem etwa gab es die Installation „Fireplace 12“ von Meg Cranston zu sehen: simple Einwegfeuerzeuge in den Modefarben der vergangenen Saison als Wandbemalung. Die amerikanische Künstlerin nimmt dabei ironisch das Ready-Made-Konzept der Pop-Art auf. Andere Installationen stammten von Größen der Konzeptkunst wie Carl André, Channa Horwitz, Katharina Grosse und Lawrence Weiner. Zum Teil erstreckten sie sich über den gesamten Raum, in dem geübt wurde. Die Übenden selbst scheint es nicht zu stören.

John Armleder ließ Tannen von der Decke des Hamburger Yoga-Studios hängen.

„Das Interessante ist“, sagt Immanuel Grosser, „dass viele Yoga-Schüler die Kunst gar nicht als solche wahrnehmen.“ Sie könnten zum Teil nicht einmal sagen, ob Feuerzeuge an die Wand gemalt worden seien oder ein anderes Motiv. „Die Leute, die wegen der Kunst hierherkommen, sind nicht immer die, die wegen des Yoga kommen.“ Grosser und seine Frau sind selbst Künstler. Sie interessiert an ihrem Projekt die unkommentierte Gegenüberstellung zweier Welten und ihre Wechselwirkung.

Von einem „sacred space“ ist im Y8 nicht die Rede. Entscheidend sei, meint Immanuel Grosser, dass der Raum eine Haltung vermittle. Er hat Recht. Feuerzeuge an der Wand oder schwarze Quader im Raum spielen für die Übungen kaum eine Rolle. Alle Lehrer im Y8 sind streng genug, um das gedankliche Abschweifen während der Stunde zu unterbinden. Für die innere Sammlung zählt letztlich der gute Unterricht mehr als die Umgebung.

Und dennoch: Es fällt schwerer, sich in einem kleinen, ungemütlichen und lieblos gestalteten Raum zu konzentrieren als in der lichten puren Umgebung des Y8. Die nervigste Yoga-Stunde meines Lebens erlebte ich in einem kleinen Studio in Düsseldorf, das an ein Öko-Wohnzimmer erinnerte. Um das Hirn dort zu entspannen, hätte ein Yogi wahrscheinlich knapp vor der Erleuchtung stehen müssen. Der „sacred space“ speist sich aus einer Ästhetik der Ruhe. Jonathan Sattin freut sich, wenn man von der Stille bei Triyoga überrascht ist, obwohl die Klimaanlage brummt. Dann huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Still ist im Yoga eben noch immer besser als Stil.

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