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Gemeinsam Führen : Worauf es bei der Arbeit als Doppelspitze ankommt

Die Grünen haben schon lange eine: Robert Habeck und Annalena Baerbock als Doppelspitze Bild: EPA

Keine Teamarbeit, kein Konsens: Doppelspitzen werden immer häufiger eingesetzt, dabei muss die Arbeit als Zweier-Führungsspitze gelernt sein. Einiges kann schiefgehen.

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          Die Berlinale hat eine. Das Berliner Ballett hatte eine. Die Grünen haben schon längst eine, und auch die SPD kann nun eine vorweisen. Selbst bei SAP, einem börsennotierten Unternehmen, war schon eine im Einsatz – wenn auch nur kurz. Die Rede ist von Doppelspitzen. Einer Leitungsform also, die darauf baut, dass zwei Chefs besser sind als ein Chef. Oder zumindest weniger kontrovers.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin

          Was auch dazugehört: Doppelspitzen werden immer häufiger eingesetzt, um den Paritätsgedanken zu erfüllen. Eine Frau an der Spitze, neben einem Mann. Eher selten: eine Frau allein an der Spitze. Dabei scheitern Doppelspitzen häufig, zumindest die, die in der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Die SAP-Doppelspitze, die nebenbei zum ersten Mal in der Geschichte eine Frau an die Spitze eines Dax-Unternehmens brachte, hielt sich gerade einmal sechs Monate. Gegangen ist die Frau.

          Dabei scheint eine Doppelspitze doch, zumindest im ersten Moment, eine hervorragende Idee zu sein: Der ganze Stress, die ganze Verantwortung hängen nicht mehr nur an einer Person.

          Die Frage nach dem Mann-Frau-Thema

          Als Dorothea Assig und Dorothee Echter sich kennenlernten, bewunderten sie einfach die Arbeit der jeweils anderen. Sie sind beide Coaches fürs Topmanagement, begegneten sich auf Kongressen und Seminaren, arbeiteten immer mal wieder zusammen. „Wir hatten eine lange Erprobungszeit“, sagt Echter. Die war wichtig, für beide, um, wie sie sagen, „organisch zusammenzuwachsen“. Inzwischen beraten Assig + Echter nicht nur viele Doppelspitzen – sie bilden selbst eine.

          Sie schreiben zusammen Bücher und Newsletter, sie leiten auch gemeinsam Seminare. Das ist nicht so leicht. „Wir mussten lernen, der anderen in bestimmten Situationen das Feld zu überlassen“, sagt Assig. Die Größe zu haben zuzugeben: Da weiß die andere mehr, da ist sie kompetenter. „Das mussten wir üben. Entscheidend ist: Nach außen ist man immer eine Einheit, immer. Man hat zwei verschiedene Kompetenzen, die sich zu etwas Neuem zusammenfügen.“

          Irgendwann trafen sie die Entscheidung: Von jetzt an machen wir alles zusammen. Was nach Teamarbeit klingt, ist für Assig und Echter etwas ganz anderes, nämlich eine Führungsspitze, gleichberechtigt. „In der Doppelspitze gibt es keine Teamarbeit, es gibt auch keinen Konsens – sondern eine Rollenteilung. Und man muss einander vertrauen“, sagt Echter. „Jemand muss die eigene Größe klar sehen und deutlich formulieren können, was ihn oder sie groß macht. Es geht da um ein Branding: Wofür stehe ich selbst? Was kann ich gut? Dann kann ich auch den anderen und seine Stärken anerkennen.“

          Eine Doppelspitze bedeutet immer auch: die Frage nach dem Mann-Frau-Thema. Wird die Doppelspitze in Branchen, die eher weiblich besetzt sind, öfter eingesetzt? Die Modebranche, die Jürgen Müller mit seiner Agentur Suits vorrangig in Personalfragen berät, hat einen hohen Frauenanteil. Nur die Führungspositionen sind weitgehend männlich besetzt. Das fällt auf. „Es gibt natürlich Ausnahmen wie H&M, da sind viele wichtige Positionen von Frauen besetzt.“ Auch C&A Europe hat gerade zwei Frauen als CEO und CFO berufen.

          Viel Dissens, Konkurrenz und Streitereien

          Doch ansonsten herrschen in der „Frauenbranche“ Mode nach wie vor: Männer. Doppelspitzen, glauben viele, könnten das Problem lösen. „Solche gemischten Doppelspitzen funktionieren genau dann gut, wenn die Aufgabenbereiche klar verteilt sind“, sagt Müller. „Und wenn das nicht nur schriftlich niedergelegt ist, sondern auch gelebt wird.“ Und wenn beide autonome Entscheidungen treffen können, auf ihrem jeweiligen Gebiet. Das setze natürlich gegenseitiges Vertrauen voraus, sagt Müller. „Dann kann eine Doppelspitze funktionieren und eine Stärke sein – weil zwei mehr schaffen können als einer allein.“ Bemühungen, paritätische Doppelspitzen zu bilden, hat Müller in der Modebranche allerdings noch nicht beobachtet.

          Dabei eignet sich der Kreativbereich für Doppelspitzen besonders gut, das hat die Vergangenheit gezeigt: „In vielen Firmen gibt es eine informelle Doppelspitze. Dass also eine Person nur fürs Design, rein fürs Kreative zuständig ist.“ Die andere regelt die Finanzen, für die viele kreative Freigeister wenig Sinn haben. Wenn die Grenzen so klar abgesteckt sind, funktionieren Doppelspitzen nach Müllers Erfahrung gut.

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