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Gemeinsam Führen : Worauf es bei der Arbeit als Doppelspitze ankommt

Auch die Psychologin Astrid Schreyögg ist Expertin für Doppelspitzen und hat schon häufig Duos gecoacht. Sie sieht diese Leitungsform allerdings kritisch: „Man wundert sich, wenn eine Doppelspitze mal gelingt. Die zwei müssen sich permanent abstimmen. Die Schwierigkeit ist: Es gibt ja immer unterstellte Mitarbeiter, Zuarbeiter. Die sind desorientiert, sobald die beiden sich nicht perfekt abstimmen, sobald sie nicht wie eine Person kommunizieren. Das gelingt oft überhaupt nicht.“

Schreyögg beobachtet viel Dissens, Konkurrenz und Streitereien, gerade unter Führungspersönlichkeiten mit großem Ego. „Viele Doppelspitzen, die ich coache, sind zerstritten. Und zwar komplett.“ Bei einer Doppelspitze, die Schreyögg beriet, arbeiteten ein älterer Herr und eine junge Frau zusammen – auf persönlicher Ebene klappte alles. Er unterstützte und förderte die Kollegin, wo es ging. Trotzdem: Die Kunden wollten lieber zu ihm, der mehr Erfahrung hatte. „Am Ende war sie stinksauer.“

Angst vor Führung

Die Geschichte der Brüder Adolf und Rudolf Dassler ist noch so ein Fall: Sie bauten gemeinsam eine Schuhmanufaktur auf – und zerstritten sich im Zweiten Weltkrieg. Sie sollen sich sogar gegenseitig bei den amerikanischen Militärbehörden denunziert haben. Die Dasslers teilten die Firma auf, und heute stehen in Herzogenaurach zwei der größten Sportbekleidungsunternehmen der Welt: Puma und Adidas. Der Streit setzt sich auch unter den Nachkommen fort. „Durch den Ort Herzogenaurach geht ein Riss“, sagt Schreyögg. „Entweder man ist für Adidas oder für Puma.“

Dass Doppelspitzen vermehrt eingesetzt werden, liegt nach Angaben der Psychologin nicht nur am Streben nach Parität. „Es gibt auch eine Angst vor Führung, die sitzt in Deutschland tief, mit dem Begriff 'Führer' in unserer Vergangenheit.“ Dass es dann keine klaren Leitlinien gibt und Angst vor der Verantwortung, sieht sie kritisch. „Es geht nicht so einfach, dass zwei diese Verantwortung übernehmen. Das wollen viele nicht. In einer Doppelspitze ist man wahnsinnig abhängig.“

Die Coaches Assig und Echter sehen das anders. Bei einer Doppelspitze entsteht nach ihrer Ansicht eine dritte Kraft. „Momentan brauchen wir verschiedene Perspektiven, eine Heterogenität an der Spitze“, sagt Echter. Der Diversitätsgedanke ist in den Führungsriegen angekommen. Auch Transparenz in der Führung entspricht dem Zeitgeist. Für Assig und Echter hat das aber nichts mit einem Hype oder Trend zu tun. „Es geht um Vielfalt, um Ambivalenz.“ Und das drückt sich eben auch in der Besetzung mit Doppelspitzen aus.

„Schauen Sie sich an, wie Barack und Michelle Obama gemeinsam agieren – wie großartig! Das ist nicht dem Paritätsgedanken geschuldet, sondern es kommen einfach unglaublich gute Kompetenzen zusammen“, sagt Assig. „Die Politik merkt es, die Unternehmen merken es: Die Welt ändert sich in einem unglaublichen Ausmaß. Frauen, Schwarze, Minderheiten wollen nicht mehr diskriminiert werden, ihre Fähigkeiten sollen gesehen werden – und das wollen sie natürlich auch in der Führung gespiegelt sehen.“

Ein Gegengewicht zum Rechtsruck

Dabei ist es den Beraterinnen wichtig, dass es sich bei dieser Entwicklung nicht um einen herbeigeredeten Kulturwandel handelt. „Es gibt eine unglaubliche Bewegung, eine organische Veränderung“, sagt Assig. „Wir stehen jetzt schon wieder ganz anders da als noch vor zehn Jahren – oder sogar vor fünf.“

Den Eindruck, dass sich einiges verändert, hat auch Astrid Schreyögg. „Ich habe das Gefühl, es gibt ein sozialpolitisches Gegengewicht zum Rechtsruck in Deutschland. Die Bereitschaft zur Dialogorientierung ist eine Gegenbewegung zu diesem rechten Wunsch nach Autorität. Und diese Bereitschaft begrüße ich.“ Sie vermisst nur, dass Führung auch als etwas Positives anerkannt wird. „Es gibt auch wahnsinnig gute Chefs, die ihre Mitarbeiter in ihre Entscheidungen einbeziehen. Führung kann sozial sehr konstruktiv sein.“

Doppelspitzen könnten also ein Zeichen von Wandel sein und uns zu einer gerechter besetzten Arbeitswelt verhelfen. Ein Restzweifel bleibt: Will man Frauen nicht allein das Ruder überlassen? „Das können wir aus unserer Sicht so nicht sagen“, sagt Echter. „Wir wissen heute: Es braucht einfach eine weibliche Perspektive.“ Trotzdem: Durch die Frauenquote ist der Anteil an Frauen in Aufsichtsräten auf die vorgeschriebenen 30 Prozent angehoben worden, liegt zum Teil sogar darüber. Der Anteil von Frauen in Vorständen der Dax-Unternehmen aber liegt bei 12,8 Prozent. Da ist noch Luft nach oben.

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