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Wolf Wondratschek : „Es kann gar nicht genug Raucher geben“

Das glaube ich tatsächlich. Demut spielt dabei eine große Rolle. Vor allem aber muss man das, was man tut, in diesem Fall das Rauchen, gerne tun, aufrichtig, man darf kein falsches Motiv haben. Keine Posen, nicht sich weltmännisch vorkommen wollen, oder  glauben, es mache einen Mann interessant oder attraktiv. Mein Motiv fürs Rauchen ist das Schreiben. Ich nehme an, ich habe meine Gedichte und Erzählungen und Romane nur schreiben können, weil ich so lebe wie ich lebe, also mit völliger Hingabe, mit aller Kraft und Konzentration – und eben mit den Zigaretten.

Hat es Sie nie interessiert, ob Sie möglicherweise ohne Zigaretten besser geschrieben hätten?

Nein.

Ihre Schriftsteller-Kollegin Judith Hermann hat aufgehört zu rauchen. Danach wurde sie gefragt, ob sich ihr Schreiben dadurch verändert habe. Sie antwortete: „Der Atem des Textes ist anders. Ohne Zigarette scheint mir alles knapper, lakonischer, sachlicher vielleicht auch. Ich habe einfach weniger Nerven für lange, elegische Sätze.“ Sollte sie wieder anfangen zu rauchen?

Ich würde ihr raten, hin und wieder zu kiffen. Für lange Sätze hat man dann die nötige unendliche Geduld.

Sie können bekifft schreiben?

Ich kann schweben oder abstürzen.

Welche Wirkung erhoffen Sie sich von Stimulanzien?

Die Frage sollte lauten: Wie komme ich in die Trance? Wie schön das Alexander Kluge gesagt hat: „Dies ist die eigentliche poetische Tätigkeit, die Herstellung einer Absenz.“ Die Surrealisten haben es mit ihrer écriture automatique versucht, andere saufen. Bei mir hilft Rauchen und Kaffee. Schauen Sie: Es gibt in meinem Kopf einen chronisch lebendigen Neinsager, einen typischen Besserwisser, einen unnötig lauten Dauergast, der bei allem, was ich schreibe, sagt: Nein, nicht gut, nicht gut genug. Nein, das kannst du nicht machen. Nein, das wird niemand verstehen. Nun gibt es Substanzen, die diesem Neinsager das Handwerk legen. Man muss diese Substanzen kennen, sie respektieren, sie zu Freunden machen – und das, was sie zu leisten imstande sind, angemessen dosieren. Man kann das lernen, und man muss es lernen, wenn man überleben will. Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift, wie Paracelsus uns sagte, allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. Ziehen wir gleich auch dem Verstand den Giftzahn.

Opfern Sie damit nicht den kritischnüchternen Blick auf den eigenen Text?

Man muss beim Schreiben ganz klar sein und doch daneben.

Das klingt alles nach einem irrsinnigen Kraftakt.

Nicht doch! Ich kenne kein vergleichbar befriedigendes Vergnügen wie das Schreiben. Ein Kraftakt, ja, das ist es. Aber auch ein Tanz. Aber auch Tänzer sind nach einer Vorstellung müde, erschöpft. Sie fühlen sich gekreuzigt. Aber sie wissen, wofür sie diese Anstrengung auf sich nehmen. Sie kennen das Glück, das ihr Geschenk ist. Ein Satz, der gelingt, ein Sprung, der gelingt, und eine Landung, die gelingt, das ist es, wofür Tänzer tanzen und Schriftsteller schreiben.

Sie haben sich viel mit Leistungssport, insbesondere mit dem Boxen beschäftigt. Liegt in der Bereitschaft zur völligen Verausgabung – bis hin zum Ruin der eigenen Gesundheit – womöglich eine enge Verwandtschaft zwischen dem Schreiben, dem Rauchen und dem Sport?

Es ist alles die Suche nach der Vollkommenheit, nach dem Wunder, nach dem Unerhörten. Diese Suche bindet alle Kräfte. Und wahrscheinlich ist man bereit, dafür zu sterben.

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