https://www.faz.net/-hrx-7w4bf

Freundschaft : Wenn die Wege sich trennen

Bild: Thilo Rothacker

Wer eine Beziehung beendet, macht Schluss. Wem der Job nicht mehr passt, kündigt. Wie aber sagt man sich von Freunden los? Und wieso?

          6 Min.

          Das Ende der Freundschaft kam ausgerechnet an ihrem Geburtstag. Natascha Beckendorf* hatte in die Kneipe eingeladen, so, wie sie das gerne tut, um ihre Freunde an einem Tisch zu versammeln, ihr Netzwerk zu pflegen und neue Bekanntschaften zu stiften. Alles in allem ein gelungener Abend: interessante Gespräche in gelöster Atmosphäre. Nur ihre beste Freundin aus Studienzeiten nörgelte die ganze Zeit. Sie mäkelte am Essen herum, beharrte auf einem bestimmten Sitzplatz und verbreitete so viel schlechte Laune, dass Natascha Beckendorf anschließend von anderen Gästen gefragt wurde: „Wer war denn diese grauenhafte Person? Warum hast du die eingeladen?“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eigentlich gibt Beckendorf viel auf Verbindlichkeit und Treue. Die Zweiundfünfzigjährige hat keine Kinder. Ihr Kreis an Freundinnen ist ihr wichtiger als Familie. Wenn Frauen nur mit ins Kino kommen, weil es keinen Mann in ihrem Leben gibt, regt sie sich auf. Wenn eine auf Arbeitssuche ist, krank oder in Geldnot, hilft sie sofort. „Ich bin so eine Glucke, die ihre Freundinnen immer zusammenhält“, sagt sie.

          Den Kontakt zu der Kommilitonin jedoch, die ihr beinahe den Geburtstag verdorben hätte, brach sie ab. „Die war eine super Freundin für eine bestimmte Zeit“, sagt Beckendorf heute. „Aber manchmal entwickelt man sich auseinander. Da gibt es eine Grenze, wo man feststellt: Dann muss man es eben auch gehen lassen.“

          Die Hälfte unserer Freundschaften tauscht sich alle sieben Jahre aus

          Wer eine Liebesbeziehung beendet, macht Schluss. Wer eine Ehe auflöst, reicht die Scheidung ein. Wem sein Job nicht mehr passt, der schreibt eine Kündigung. Was aber passiert bei Freunden?

          Seit Sommer 2010 findet sich im „New Oxford American Dictionary“ eine neue Kulturtechnik. „Defriending“: Ein Klick, und eine Freundschaft bei Facebook, Twitter oder Xing ist zu Ende. Das deutsche Pendant „entfreunden“ hat es noch nicht in den Duden geschafft. Trotzdem ist die elektronische Auflösung von Kontakten nötig geworden, seit virtuelle soziale Netzwerke das Konzept der Freundschaft weit über das hinaus ausgedehnt haben, was Wissenschaftler für praktikabel halten: Zwei, drei, maximal eine Handvoll Herzensmenschen und etwa 15 Freunde im engeren Sinne, eingebettet in einen Bekanntenkreis von höchstens 150 Personen - das geht real. Wer diesen Rahmen sprengt, muss aussortieren. Klick und weg.

          Für das Beenden von Freundschaften jenseits des Internets gibt es weder einen Button noch ein gängiges Ritual. Das Gros schläft ein, sang- und klanglos und in den meisten Fällen auch ohne offene Kritik oder Streit. „Die meisten Freundschaften scheitern durch Nichtstun“, sagt der Berliner Psychotherapeut Wolfgang Krüger, der Freundschaften für einen wichtigen Baustein psychischer Gesundheit hält. Die Hälfte unserer Freundschaften, sagt Krüger, tausche sich alle sieben Jahre aus. Die tiefen Bindungen jedoch, wahre Vertrauensbeziehungen zu langjährigen Weggefährten, bestünden oft ein ganzes Leben.

          Größerer Abstand erhöht die wechselseitige Toleranz

          Natascha Beckendorf ist überzeugt, dass Freundschaften eine Menge aushalten können. Die Mädels, die jedes Mal für eine neue Liebe in der Versenkung verschwinden, um erst wiederaufzutauchen, wenn sie den Mann in die Wüste geschickt haben - geschenkt. Die Freundin in der anderen Stadt, die keine E-Mails schreibt und nicht zurückruft, wenn man ihr auf die Mailbox spricht - Beckendorf hat sich daran gewöhnt: „Sie ist einfach so ein Typ.“

          Und dann ist da Maja, die Freundin, in deren Leben sich viel zu viel um Männer dreht. Findet jedenfalls Beckendorf. Jeden Sonntag beim Kaffee die gleichen Gespräche. Kerle, Kerle, Kerle! Einmal sind sie zusammen verreist. Während Beckendorf sich einen Mädchenurlaub gewünscht hätte, war Maja ständig mit ihrer Wirkung auf Typen beschäftigt. Da hat Beckendorf sich beschwert. Maja war gekränkt. Beckendorf auch. Erst nach einer Weile näherten sich die Freundinnen wieder an. Wenn es seitdem beim Sonntagskaffee um Männer geht, versucht Beckendorf nur, das Thema charmant abzukürzen. „Sie ist mir so wichtig, dass ich versuche, das auszuhalten.“

          Das ist das Ideal von Freundschaft: Beständigkeit in einer Beziehung, in der jeder er selbst sein darf und sich angenommen fühlt als Person, Macken inklusive. Therapeut Krüger sagt: Gerade der wohltuende Abstand, der größer sei als in Liebesbeziehungen, weil man nicht den gesamten Alltag teile, sondern frei über Nähe und Distanz entscheiden könne, erhöhe die wechselseitige Toleranz.

          Er hat einfach die Tür nicht aufgemacht

          Wann aber ist Schluss? Wo ist der Punkt, an dem der Bogen überspannt ist? Warum kommt es zum Bruch?

          „Wenn es um Geld geht und um Frauen, hört die Freundschaft auf“, sagt der türkische IT-Fachmann, der seinen besten Freund aus der Wohnung schmiss, als er begriff, dass dieser eine Affäre mit seiner Frau begonnen hatte.

          „Wenn es nicht mehr so viele Gemeinsamkeiten gibt“, sagt der Hostelbetreiber, der viel gereist ist und im Ausland lebte, während seine Jugendfreunde in der Kleinstadt Kinder bekamen, Karriere machten, Häuser bauten. Mehr als ein Bier auf Heimatbesuch war irgendwann nicht mehr drin.

          „Wenn es einen stresst“, sagt der Medieningenieur, „wenn es nicht mehr so leicht ist, so’n Umgang.“ Dann erzählt er von einem Freund von früher, der sich nach einer Trennung plötzlich im Kreis gedreht habe und ein Fall für die Psychiatrie zu werden drohte. Einmal, mitten in der Nacht, habe er einfach die Tür nicht aufgemacht, als der andere Sturm klingelte. Ein wichtiger Termin am nächsten Tag, erklärt er heute. Schnell fügt er an: „Er war nicht mein bester Freund.“ Noch zwanzig Jahre später klingt das entschuldigend. Als habe er einen Verrat begangen.

          Nutz-, Spaß- und Herzensfreunde

          Wechselseitige Unterstützung, gerade in schweren Zeiten, gehört zu unserem Ideal von Freundschaft unbedingt dazu. Stefan Koch hat deshalb einen engen Freund zum „Buddy“ degradiert. „Immer, wenn ich ein ernsthaftes Problem hatte, sei es in der Beziehung oder im Job, war Andi einfach nicht da. Er war mit sich beschäftigt, ihm war das zu viel“, sagt Koch, ein Fotograf Anfang vierzig. „Und ich fühlte mich hängengelassen.“ Irgendwann reichte es ihm. Die Freunde hatten sich gemeinsam eine neue Wohnung gesucht. Und dann renovierte Koch ganz allein. Mitten in der Trennung von seiner Freundin. „Von Andi kam - nichts.“

          Die Männer sind trotzdem zusammengezogen. Sie gehen bis heute gemeinsam Bier trinken und schauen in großer Runde Fußball. Für Gespräche über persönliche Dinge aber hat Koch andere Menschen. Ein sexuelles Abenteuer sei schließlich auch etwas anderes als Liebe, sagt er: „Zum Spaßhaben reicht das eine. Aber Intimität und Wahrhaftigkeit gibt’s nur beim anderen.“

          Schon Aristoteles unterschied zwischen Nutz-, Spaß- und Herzensfreunden. Welche Beziehung aber in welche Kategorie fällt, ist nicht unbedingt eindeutig. Liebespaare erinnern sich an ihr erstes Date und verständigen sich ausdrücklich, von wann an sie eine Beziehung führen. Freundschaften beginnen selten mit einem fixen Datum, ihre Regeln schreibt niemand auf, ihr Fundament bleibt unbestimmt. „Das ist ein Prozess, der auf Gegenseitigkeit beruht. Aber da ist ganz viel unausgesprochen“, sagt die Autorin Susanne Lang, deren Buch „Ziemlich beste Freunde. Warum der Freundeskreis heute die bessere Familie ist“ diesen Sommer erschienen ist.

          Die Kunst der Balance

          Auch das Ende ist Ermessenssache, rein subjektiv. Eine Indiskretion, die in der einen Freundschaft der absolute Vertrauensbruch wäre, kann in einer anderen entschuldigt werden. Grundsatzkritik, in manchen Freundschaften verpönt, ist in anderen erwünscht. Zwar hält Psychotherapeut Krüger generell fest: „Die großen Kränkungen sind nicht heilbar.“ Aber Susanne Lang präzisiert: „Die Frage, wann es kippt, hängt von den beiden Freunden ab.“

          Typisch sind Entfreundungsgeschichten, in denen Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten sind. Offenbar ist Freundschaft eine Kunst der Balance: Geben und Nehmen müssen sich die Waage halten, ohne dass tatsächlich aufgerechnet oder je darüber gesprochen würde. Entsteht jedoch eine Schieflage, die zumindest einer nicht mehr tolerieren kann, droht der Bruch. Natascha Beckendorf sagt über ihre ehemalige Studienfreundin: „Es musste sich immer alles um sie drehen, auch an einem Abend, wo es eigentlich um jemanden anders gehen sollte.“

          Auch Sonja Pilling hat jahrelang um Balance gerungen. Sie hatte Nike nach der Geburt ihrer Tochter kennengelernt. Krabbelgruppe, Latte macchiato trinken, Nachmittage auf der Kante des Sandkastens: Die Mädchen wurden Freundinnen. Die Mütter auch. Pilling bewunderte Nike, die Musikerin, für ihre Unangepasstheit, ihre Stärke, ihren Mut. Neben der neuen Freundin kam sie, die Steuerberaterin, sich manchmal spießig vor. Wenn sie abends ihr Kind abholte, um es pünktlich ins Bett zu stecken, während Nikes Kleine den Sommerabend auf der Straße verbringen durften, schämte sie sich fast. Und immer gab Nike den Ton an. Welche Musik man hörte. Auf welche Partys man ging.

          Das Ideal der Freundschaft entzaubern

          Dann kam der gemeinsame Urlaub. Nike, die Lebenskünstlerin, lebte in die Tage hinein und ließ sich sogar von der Freundin wecken, um es am letzten Morgen pünktlich zum Flughafen zu schaffen. Pilling räumte anschließend die Chipstüten weg. Als wäre es allein ihr Job, die Ferienwohnung besenrein zu übergeben.

          Seitdem geht sie auf Distanz. „Das war keine Freundschaft, wo ich mich entspannen konnte, sondern wo ich mich immer ein bisschen unwohl gefühlt habe“, sagt Pilling heute. Nicht, dass sie je mit Nike darüber gesprochen hätte. Aber ihre Tochter hat sie auf eine andere Schule geschickt. Ihrem Selbstbewusstsein, sagt Pilling, sei dieser Abstand gut bekommen.

          Je brüchiger Familien und Paarbeziehungen in unserer Gesellschaft werden, desto wichtiger werden Freundschaften. Das jedenfalls glaubt Autorin Lang, die eine Gefahr darin sieht, dass wir die frei gewählten Bindungen mit Erwartungen überfrachten. „Da sind wir lustigerweise bei den Liebesbeziehungen fast weiter“, sagt Lang: Während wir akzeptiert hätten, dass Mann und Frau auch Lebensabschnittsgefährten sein könnten, weil nicht jede Liebe von Treue, Exklusivität und Ewigkeit geprägt sei, sollten Freunde nach wie vor am besten Seelenverwandte sein. Lang plädiert dafür, das „Ideal der Freundschaft zu entzaubern“. Mit etwas mehr Pragmatismus könne man auch in Kontakten, die an eine begrenzte Lebensphase wie Studium, Berufseinstieg oder Elternschaft geknüpft seien, fürsorgliche Beziehungen aufbauen. Wenn es dann eines Tages nicht mehr passe und man eben auseinandergehe, müsse sich niemand als Versager fühlen oder als schlechter Mensch. „Das tut weh“, sagt Lang. „Das ist auch nicht schön. Aber so etwas passiert eben.“

          Weitere Themen

          Stellt euch in die zweite Reihe

          Rassismus in Amerika : Stellt euch in die zweite Reihe

          Für viele Amerikaner bedeutet der falsche Polizist Lebensgefahr: In den Vereinigten Staaten gewinnt die Bewegung gegen die strukturelle weiße Vorherrschaft immer mehr Unterstützer.

          Topmeldungen

          Schulen und Kindergarten virenfrei? Kurz vor Pfingsten wurden in einem Kindergarten in Athen die Lockerungsmaßnahmen aus dem Lockdown vorbereitet.

          Verbesserte Drosten-Studie : Kein bisschen Rückzieher

          Es darf weiter gestritten werden, ob Kinder so ansteckend sind wie Erwachsene. Eins haben die gescholtenen Charité-Forscher um Christian Drosten mit ihrer umgearbeiteten Viruslast-Studie gezeigt: Gute Kritik ist die beste Medizin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.