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Freundschaft : Wenn die Wege sich trennen

Die Kunst der Balance

Auch das Ende ist Ermessenssache, rein subjektiv. Eine Indiskretion, die in der einen Freundschaft der absolute Vertrauensbruch wäre, kann in einer anderen entschuldigt werden. Grundsatzkritik, in manchen Freundschaften verpönt, ist in anderen erwünscht. Zwar hält Psychotherapeut Krüger generell fest: „Die großen Kränkungen sind nicht heilbar.“ Aber Susanne Lang präzisiert: „Die Frage, wann es kippt, hängt von den beiden Freunden ab.“

Typisch sind Entfreundungsgeschichten, in denen Beziehungen aus dem Gleichgewicht geraten sind. Offenbar ist Freundschaft eine Kunst der Balance: Geben und Nehmen müssen sich die Waage halten, ohne dass tatsächlich aufgerechnet oder je darüber gesprochen würde. Entsteht jedoch eine Schieflage, die zumindest einer nicht mehr tolerieren kann, droht der Bruch. Natascha Beckendorf sagt über ihre ehemalige Studienfreundin: „Es musste sich immer alles um sie drehen, auch an einem Abend, wo es eigentlich um jemanden anders gehen sollte.“

Auch Sonja Pilling hat jahrelang um Balance gerungen. Sie hatte Nike nach der Geburt ihrer Tochter kennengelernt. Krabbelgruppe, Latte macchiato trinken, Nachmittage auf der Kante des Sandkastens: Die Mädchen wurden Freundinnen. Die Mütter auch. Pilling bewunderte Nike, die Musikerin, für ihre Unangepasstheit, ihre Stärke, ihren Mut. Neben der neuen Freundin kam sie, die Steuerberaterin, sich manchmal spießig vor. Wenn sie abends ihr Kind abholte, um es pünktlich ins Bett zu stecken, während Nikes Kleine den Sommerabend auf der Straße verbringen durften, schämte sie sich fast. Und immer gab Nike den Ton an. Welche Musik man hörte. Auf welche Partys man ging.

Das Ideal der Freundschaft entzaubern

Dann kam der gemeinsame Urlaub. Nike, die Lebenskünstlerin, lebte in die Tage hinein und ließ sich sogar von der Freundin wecken, um es am letzten Morgen pünktlich zum Flughafen zu schaffen. Pilling räumte anschließend die Chipstüten weg. Als wäre es allein ihr Job, die Ferienwohnung besenrein zu übergeben.

Seitdem geht sie auf Distanz. „Das war keine Freundschaft, wo ich mich entspannen konnte, sondern wo ich mich immer ein bisschen unwohl gefühlt habe“, sagt Pilling heute. Nicht, dass sie je mit Nike darüber gesprochen hätte. Aber ihre Tochter hat sie auf eine andere Schule geschickt. Ihrem Selbstbewusstsein, sagt Pilling, sei dieser Abstand gut bekommen.

Je brüchiger Familien und Paarbeziehungen in unserer Gesellschaft werden, desto wichtiger werden Freundschaften. Das jedenfalls glaubt Autorin Lang, die eine Gefahr darin sieht, dass wir die frei gewählten Bindungen mit Erwartungen überfrachten. „Da sind wir lustigerweise bei den Liebesbeziehungen fast weiter“, sagt Lang: Während wir akzeptiert hätten, dass Mann und Frau auch Lebensabschnittsgefährten sein könnten, weil nicht jede Liebe von Treue, Exklusivität und Ewigkeit geprägt sei, sollten Freunde nach wie vor am besten Seelenverwandte sein. Lang plädiert dafür, das „Ideal der Freundschaft zu entzaubern“. Mit etwas mehr Pragmatismus könne man auch in Kontakten, die an eine begrenzte Lebensphase wie Studium, Berufseinstieg oder Elternschaft geknüpft seien, fürsorgliche Beziehungen aufbauen. Wenn es dann eines Tages nicht mehr passe und man eben auseinandergehe, müsse sich niemand als Versager fühlen oder als schlechter Mensch. „Das tut weh“, sagt Lang. „Das ist auch nicht schön. Aber so etwas passiert eben.“

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