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Tarantino als Kinderfilmer : Once Upon a Time in Grundschule

Werdende Eltern: Daniella Pick und Quentin Tarantino Bild: AFP

Quentin Tarantino wird zum ersten Mal Vater. Gut möglich also, dass er bald einen Kinderfilm dreht. Wir werfen exklusiv einen ersten Blick ins Drehbuch.

          3 Min.

          Vor gut zwei Wochen hat Quentin Tarantino bekanntgegeben, dass seine Frau Daniella Pick, 35, und er ihr erstes Kind erwarten. Als Vater kann man sich den ewigen großen Jungen Hollywoods noch nicht so recht vorstellen, und er hat sich für dieses Projekt ja auch viel mehr Zeit gelassen als für jeden seiner Filme: Während sein eigener Vater bei seiner Geburt 21 und seine Mutter sogar erst 16 war, wird Tarantino seinen Nachwuchs im Alter von 56 Jahren begrüßen.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Andererseits hinterlässt die Elternschaft noch beim größten Kindskopf ihre Spuren, und so dürfte sie auch Tarantinos Blick auf die Welt verändern. Wir sind davon sogar überzeugt, wissen wir doch aus hoffentlich halbwegs sicherer Quelle von einer Sensation, die in der Kinolandschaft ein Erdbeben auslösen wird: Quentin Tarantinos zehnter Film – womöglich, wie er einst angekündigt hat, auch sein letzter – wird ein Kinderfilm sein.

          Eine erste Fassung des Drehbuchs zeigt uns den Meister von ganz neuer Seite und trägt doch unverkennbar die Handschrift Tarantinos. Wir gewähren unseren Lesern hiermit einen exklusiven Einblick und hoffen sehr, dass unser Justiziariat die Anwälte von Sony Pictures in Schach halten kann.

          In der ersten Szene des Films sitzen die beiden Freunde Butch und Bill (gespielt von Knox Leon Jolie-Pitt, 11, und Benjamin Travolta, 8) im Fastfood-Lokal „Denny’s“ am Sunset Boulevard, mampfen Mac and Cheese und Corn Dogs und debattieren darüber, warum Lloyd Garmagan in den ersten sieben Staffeln von „Lego Ninjago“ schwarze Augen hat und danach mit einem Mal grüne; ihr zwanzigminütiger, pointenreicher Disput endet mit dem Auftauchen von Beatrix (Mabel Ray Willis, 7), die bitterlich weint.

          Eine Frage der Ehre

          Die gefürchtete deutsche Austauschlehrerin Hanna Landa (Christoph Waltz, wiederum Oscar-reif, in seiner ersten Frauenrolle) hat ihr fürs Geschichtsreferat eine Fünf gegeben, weil sie als leidenschaftliche Cineastin darin die These verfochten hat, dass Adolf Hitler von den „Inglourious Basterds“ abgemurkst wurde. Für Bill und Butch steht fest: Sie müssen Beatrix’ Ehre verteidigen.

          In der folgenden, dreißig Minuten langen Szene begleiten wir die beiden dabei, wie sie in ihrem getunten und tiefergelegten Tretauto-Cabrio durch L.A. cruisen, „Red Apple“-Schoko-Zigaretten kauen und in einem witzigen Dialog abwägen, ob die Sinister Six aus den Marvel-Comics unter der Führung von Mysterio noch finsterer waren als unter Dr. Octopus.

          Beatrix legt derweil eine mitreißende Tanz-Performance mit einem Hula-Hoop-Reifen hin. Ihre Oma (auf alt geschminkt: Uma Thurman) merkt derweil, dass etwas nicht stimmt; vorsorglich holt sie ihren alten Kung-Fu-Anzug aus dem Schrank, den sie hinter einem Vorhang aus beigefarbenen Mänteln versteckt hat.

          Schließlich kommt es, wie stets bei Tarantino, zu einer Orgie der Gewalt, bei der Butch und Bill gegen die fiese Lehrerin alles aufbieten, was die Spielzeugabteilung von Walmart hergibt: Zwillen, Wasserpistolen, Knallfrösche, Stinkbomben. In einer gnadenlosen Slime-Schlacht ringt Hanna Landa die beiden Jungen nieder, und es kommt zu einer vierzigminütigen Folterszene, die zu grausam ist, um sie hier wiederzugeben (wir sagen nur: Kreide auf Schultafel).

          In letzter Sekunde erscheint Oma Thurman und erschlägt die Lehrerin mit einem Geschichtsbuch. Und wieder ist es Quentin Tarantino gelungen, die Historie umzuschreiben: Für ihr Referat bekommt Beatrix nun eine Eins mit Sternchen.

          Lassies Urenkelin

          Auch mit seinem neuesten Werk verbeugt sich Tarantino vor der Kinogeschichte: Omas Bridge-Runde besteht aus den letzten Überlebenden vom Original-Cast der „Kleinen Strolche“, und Bills Hund, der in einem Moment voll absurder Komik Hanna Landas Wade durchbeißt, wird von einer Ururenkelin der echten Lassie gespielt. Die Szene, in der Bill, Butch und zehn Freunde in der Schulkantine ihr Mittagsmahl einnehmen, ist unschwer als Hommage an einen von Tarantinos Lieblinsgsfilmen zu erkennen, „Das dreckige Dutzend“.

          Der vom Regisseur in bewährter Manier persönlich zusammengestellte Soundtrack umfasst Kinderlied-Klassiker („Old McDonald had a farm“, „Twinkle, twinkle, little star“, „In the Christmas Bakery“) aber auch Abseitigeres, zum Beispiel ein paar Titel vom nahezu vergessenen Album „Die Schlümpfe singen Ennio Morricone“.

          Keine Frage: Wie noch jeder Tarantino-Film wird auch dieser für Kontroversen sorgen. In Vorahnung einer solchen weist der Regisseur in einer handschriftlichen Notiz am Ende des Drehbuchs schon einmal den Vorwurf der Mädchenfeindlichkeit zurück, der aufkommen dürfte, weil die kleine Beatrix im gesamten Film keinen einzigen Satz zu sagen hat. „Sie hatte die ganze Zeit einen Schokokuss im Mund“, versichert Tarantino vorsorglich seinen Kritikern. „Sprechen Sie mal mit einem Schokokuss im Mund!“

          Wenn alles glatt läuft, wird der Film unter dem Titel „Once Upon a Time in Grundschule“ Weihnachten 2020 ins Kino kommen und dann eine doppelte Premiere feiern: als erster Kinderfilm, der erst ab 16 Jahren freigegeben ist.

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