https://www.faz.net/-hrx-9ug6c

Beauty-Industrie : Wie viel Plastik muss und darf es sein für die Schönheit?

  • -Aktualisiert am

Oft in Plastik-Verpackungen verkauft: Nagellack, Mascara, Lidschatten und Lippenstift. Bild: Carlos Bafile

Dass Plastik häufig als Müll im Meer landet, hält viele Beautykonzerne bislang nicht davon ab, immer mehr davon als Verpackungsmaterial zu verwenden. Dabei ginge es auch anders – wie einige Hersteller beweisen.

          2 Min.

          Es klang vielversprechend, als der amerikanische Kosmetikchemiker Jules Montenier im Jahr 1947 Stopette entwickelte, das erste Deodorant in einem quetschbaren Plastikflakon aus Polyethylen, einem Kunststoff, aus dem heute unter anderem Einkaufstüten und Spielzeug hergestellt werden. Zum ersten Mal konkurrierte Plastik mit Glas und Keramik, die bis dahin bevorzugt als Verpackungsmaterialien für Schönheitsprodukte verwendet wurden. Stopette wurde ein Erfolg. Und bald nutzten auch andere Unternehmen Plastik als Verpackungsmaterial für ihre Cremes und Wässerchen.

          Heute wird über Plastik viel diskutiert in der Schönheitsindustrie. Plastik ist leicht, vielseitig verwendbar und billig. Dass das Verpackungsmaterial fast unkaputtbar ist und als Müll häufig im Meer landet, hat die meisten großen Beautykonzerne bislang nicht davon abgehalten, immer mehr davon zu verwenden. Ein großer Teil davon ist nicht wiederverwertbar. Das hängt auch damit zusammen, dass Pumpspender oder Deckel oft aus mehreren Komponenten bestehen und Badezimmermüll meist komplexer ist als Abfall, der in der Küche anfällt.

          Nun geben aber immer mehr Kunden zumindest vor, die Verpackung sei ihnen genauso wichtig wie der Inhalt. Manche machen ihrem Unmut auch Luft. Als die vor allem bei Millennials beliebte amerikanische Kosmetikmarke Glossier im Frühjahr ihre neue Make-up-Linie Glossier Play lancierte, war die Empörung groß. Alle Produkte waren nicht nur in einem Karton, sondern zusätzlich in einer bunten, glänzenden Plastikfolie verpackt. Ein ziemlich überflüssiger Gimmick. Glossier reagierte – und versprach, das Verpackungsmaterial in Zukunft einzusparen.

          Kann nicht ewig wiederverwertet werden

          Auch hierzulande ist noch Aufklärungsarbeit nötig. Es herrscht große Ungewissheit darüber, wie schädlich eine Plastikverpackung im Verhältnis zu einer aus Glas wirklich ist, wenn sie denn richtig recycelt wird. Die Drogeriemarktkette dm hat dafür im vergangenen Jahr mit Firmen wie Beiersdorf, Dr. Bronner's, Henkel, L'Oréal, Procter & Gamble und Weleda ein sogenanntes Rezyklat-Forum gegründet, um Verbraucher für die Kreislaufwirtschaft zu sensibilisieren. Die 32 Mitglieder wollen bereits im Entstehungsprozess von Verpackungen darauf achten, dass diese recyclingfähig sind.

          Die Großkonzerne L'Oréal und Unilever haben sich bis zum Jahr 2025 ein besonders hohes Ziel gesetzt: Alle Produktverpackungen sollen dann zu 100 Prozent recycelbar, wiederverwendbar oder kompostierbar sein.

          Doch das Problem beginnt schon damit, dass man Plastik nicht einfach ewig wiederverwerten kann. Oft leidet die Qualität des Materials unter dem Prozess. Auch farblich müssen Abstriche gemacht werden. Ein Beispiel: Das Duschgel Atlantic Kelp and Magnesium Body Wash der britischen Marke Ren wird vollständig aus recyceltem Plastik hergestellt. Die neue Verpackung ist im Gegensatz zum Vorgängermodell nicht mehr klar und durchsichtig, sondern gräulich transparent.

          Bei Lush sind die Produkte „nackt“

          Während die einen noch mit Plastik experimentieren, schwören andere schon auf die vermeintlich nachhaltigere Variante: Glas benötigt im Vergleich zu Kunststoff weniger Energie beim Recyceln, sieht edel aus und schützt die Inhaltsstoffe. Doch wegen seines Gewichts und der Bruchgefahr eignet es sich nur für kurze Transportwege.

          Ein weiteres Problem ist: Selbst wenn Verpackungen wiederverwertbar sind, könne man nie ganz sicher sein, ob sie tatsächlich im Recycling oder nicht doch in der freien Natur landen, sagt Mona Isotupa, die Gründerin der finnischen Naturkosmetikmarke Hetkinen. Sie verwendet für ihre Produkte weder Plastik noch Glas, sondern Kiefernholz. „Holz ist der einzige Werkstoff, der von selbst nachwächst“, sagt Isotupa.

          Dass es auch ganz ohne Verpackung geht, zeigt die britische Beautymarke Lush, die schon mehr als 240 Produkte „nackt“ anbietet: Duschgel, Peeling, Haarspülung. „Einige unserer Produkte stammen aus den achtziger Jahren“, sagt Mo Constantine, eine Mitgründerin der Marke. Da wären die Badebomben, die festen Shampoos, die in diesem Jahr ein Trendprodukt geworden sind. „Von der Zero-Waste-Bewegung werden sie jetzt wie eine neue Erfindung gefeiert.“

          Weitere Themen

          Alles auf Anfang

          Designer und ihre Anfänge : Alles auf Anfang

          Jeder fängt mal an. Wir haben Designer gebeten, sich an ihre Anfangszeit in der Mode zu erinnern – sie schickten uns frühe Stücke, deren Innovationskraft bis in die Gegenwart reicht.

          Topmeldungen

          Je mehr Privatpatienten in einem Gebiet, desto mehr Ärzte lassen sich dort nieder. Aber liegt das am Geld oder am sozialen Umfeld?

          Gesundheitswesen : Abschaffung der Privatkassen soll Milliarden sparen

          Der Beitrag für jeden gesetzlich Versicherten könnte um 145 Euro im Jahr sinken, wenn die Privatkassen abgeschafft würden. Das behauptet eine Studie der Bertelsmann Stiftung. Beamte, Ärzte und Wissenschaftler halten die Berechnungen für hanebüchen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.