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Fitnesstraining : Quäl dich doch mal, du Flasche!

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Sport muss sich gut anfühlen: Experten raten den meisten Menschen von zu anstrengendem High Intensity Training ab. Bild: plainpicture/Millennium/Beata Sz

Die Devise für das Fitnesstraining lautet heute immer häufiger: härter, anstrengender und schneller. Aber was tun wir uns und unseren Muskeln, Knochen und Gelenken da eigentlich an?

          Aufgewärmt wird mit Laufen. Direkt aus der Laufbewegung heraus geht es runter auf den Boden, in den Stütz. In der Liegestützposition werden die Beine wie beim Hampelmann im Sprung geöffnet und geschlossen. Übungen auf dem Boden wechseln sich zackig ab mit Übungen im Stehen. Dann Kniebeugen. Endlich Luft holen? Weit gefehlt. Aus der Kniebeuge heraus geht es im explosiven Sprung mit gestreckten Armen nach oben. Nach kurzer Zeit laufen die ersten Schweißtropfen über die Gesichter.

          Die Kursteilnehmer in dem Braunschweiger Fitnessstudio erleben an diesem Sonntagmorgen einen Kaltstart. Die Trainerin drückt das Gaspedal von Anfang an voll durch. Dabei gibt sie nur einen harmlosen Bodyworkout-Kurs. Oder besser: Das, was einmal ein harmloser Bodyworkout-Kurs war. So lange ist es nämlich noch gar nicht her, da begann die Stunde mit einer lockeren Choreographie, bei der mindestens ein Bein immer Bodenkontakt hatte - ohne Joggen und ohne Sprünge. Die Muskeln wurden erst im Stehen und dann auf der Matte gekräftigt. Das war durchaus anstrengend, aber für Einsteiger wie Fortgeschrittene geeignet. Seit der Kurs unangekündigt zum Elitetraining mutiert ist, sind Ältere, Übergewichtige und Neulinge dort nicht mehr gut aufgehoben.

          Auch Freeletics setzt auf Hardcore-Übungen

          Freizeitsport, das bedeutet inzwischen immer häufiger, sich zu quälen. Statt entspannt vor sich hin zu joggen, soll man Tabata-Intervalle laufen - im Wechsel zwanzig Sekunden sprinten und zehn Sekunden Pause machen, insgesamt achtmal. Wer es noch nicht gemacht hat: Es ist die Hölle! Auch andere Ausdauersportarten wie Schwimmen oder Radfahren werden vom Intervall-Hype nicht verschont. Und statt einfacher Liegestütze stehen jetzt in vielen Kursen Burpees auf dem Programm: Liegestütze und Hochspringen im Wechsel. Was sich harmlos anhört, bringt den durchschnittlichen Freizeitsportler in kürzester Zeit an seine Grenzen.

          Auf solche Hardcore-Übungen setzt auch Freeletics, ein Fitnessanbieter, der seine Programme seit Frühjahr 2013 via App und Website an den Kunden bringt. Die Trainingspläne basieren auf hochintensivem Training ohne Geräte. Ein Jahr nach dem Start sind bei Freeletics bereits eine Million Nutzer weltweit registriert. „Härter, schneller, stärker, besser“ - so stand es vor kurzem in der Betreffzeile des Freeletics-Newsletters. Und das ist durchaus Programm.

          Ist das die neue Fitnesswelt? Cross-Fit, High Intensity Intervall Training, Short Intensive Training, Zirkel-Intensiv-Programm - immer häufiger setzen Fitnessanbieter auf kurzes und intensives Training. Freizeitsportler sollen an ihre individuellen Grenzen gehen, und darüber hinaus. Warum sind wir so hart zu uns? Wollen wir das wirklich?

          Was bringt der Nachbrenneffekt wirklich?

          „Die Menschen haben immer weniger Zeit, sie wollen aber trotzdem intensiv trainieren“, erklärt Alexander Richter, der bei Fitness First für die Entwicklung der Kursprogramme verantwortlich ist. Fitness First gehört mit mehr als 80 Studios zu den größten Fitnessstudioketten in Deutschland. Seit drei Jahren setzt man dort verstärkt auf hochintensives Intervalltraining. Am Anfang seien einige Mitglieder skeptisch gewesen: „Vor allem Frauen wollen selten so hart trainieren“, sagt der Fitnessmanager. Das Argument, dass intensiveres Training besser zum Abnehmen sei, hätte dann doch die meisten überzeugt: „Ich brauche eine hohe Muskelaktivität, um viele Kalorien zu verbrennen. Dafür ist hochintensives Intervalltraining ideal. Dazu kommt der Nachbrenneffekt, der bis zu 72 Stunden andauert. Beim normalen Training sind es nur etwa acht Stunden“, sagt Richter.

          Mit Nachbrenneffekt ist die gesteigerte Aktivität des Stoffwechsels nach den Training gemeint. Ein Stoffwechsel, der während des Trainings auf Hochtouren arbeitet, stoppt nicht von jetzt auf gleich, sobald die Aktivität vorbei ist. Je anspruchsvoller das Training, desto länger bleibt der Stoffwechsel anschließend auf Hochtouren, und desto mehr Kalorien verbrennt der Körper, heißt es. Allerdings: Ob der Nachbrenneffekt wirklich so eine große Rolle spielt, darüber ist sich die Fachwelt nicht einig. Es gibt Studien, nach denen der Kalorienverbrauch als so minimal angesehen wird, dass er vernachlässigbar ist. In anderen ist von bis zu 200 zusätzlich verbrannten Kilokalorien nach hochintensivem Kraft-Zirkeltraining die Rede - also einer halben Tafel Schokolade. Die Lösung für ernsthafte Gewichtsprobleme ist das bei zweimal Training pro Woche nicht.

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