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Primal Scream : Wie ich einmal aus Versehen Fan wurde

Man müsste vor ihm auf die Knie gehen: Bobby Gillespie aber zeigt in Glastonbury die Größe, sich vor seinen Fans klein zu machen. Bild: EPA

Noch mal Fan werden, mit über 30? Gar nicht so leicht, findet unsere Autorin. Geht aber: Sie hat eine alte Band ganz neu für sich entdeckt – durch Zufall.

          6 Min.

          Früher war alles schlechter. Die Bahnverbindungen, die Essensauswahl, und dann noch nicht mal Internet! Trotzdem erinnern wir uns an unsere Jugend mit dieser Wehmut, die alles auffrisst: Die Musik war besser, die Filme schöner, die Menschen auf der Straße grüßten höflich, und sowieso benahmen sich alle besser. Warum das so ist? Weil man nie so viel fühlt wie in jungen Jahren, nie so intensiv lebt und erlebt, weil man sich nur einmal zum ersten Mal verlieben, nur einmal zum ersten Mal Bier trinken kann und dieses eine Lied, das einen für immer begleiten wird, nur einmal zum ersten Mal so hört, dass es etwas auslöst. Es ist also gar nicht so leicht, Fan zu werden, obwohl man nicht mehr 16 ist.

          Johanna Dürrholz
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Mir ist es trotzdem passiert, im Sommer, aus Versehen. Es gibt ja wenige so gute Sachen wie ein Konzert im Freien. Der Sound verwischt meistens ein bisschen, Gitarrenklänge wehen rüber, vermischen sich mit fernem Klatschen, das Echo des Mikros verzerrt die Stimmen, jemand ruft etwas, alle antworten. Es kommt einem oft so vor, als würde ein aufrührerischer Wind die langen Haare aus den Gesichtern der Musiker flattern lassen und die Fans im Nacken kitzeln, damit sie noch ein bisschen lauter kreischen, damit sie die um sie herum aufsteigende Stimmung als ihre eigene fühlen, damit sie mit einem Mal ein Teil von etwas Größerem sind.

          Jenseits der vierzig

          Selbst wer Abstand hat zur Bühne, merkt meistens, was los ist, welche Energien freigesetzt werden oder nicht, selbst wenn nur Fetzen von Musik und Menschenlärm ankommen. Die ersten Akkorde eines bekannten Lieds, der einsetzende vielstimmige Gesang der Menge – besser kann Sommer nicht klingen. So ging es mir an einem Freitagabend. Ich war allein auf dem Glastonbury Festival. (Aber ist man wirklich allein-allein unter 200.000 Menschen? Eben.) Zuletzt hatte ich mir Billie Eilish angeschaut.

          The night’s still young, erster Abend auf dem Festival, kein Regen (was in England wirklich fabelhaft ist), überall Menschen, die noch etwas erleben wollten. Ich war müde, die Anreise und zwölf Stunden Konzerte steckten mir in den Knochen, also machte ich mich auf den Rückweg. Es war dunkel, ich hatte einen Cider getrunken und ließ mich von den Massen treiben, lauschte glückselig dem Geschnatter um mich herum und schaute mir die feiernden Briten an, die keinen besonderen Vorwand zum Stehenbleiben und Trinken brauchten.

          Eine Gruppe von etwa 50 schön angetüdelten Personen hatte sich zum Beispiel an einem Eisstand versammelt, der eine recht ordentliche Anlage hatte – und tanzte und grölte zu jedem Lied. So lief ich dahin, ohne genau zu wissen, ob ich überhaupt in Richtung Ausgang lief, aber irgendwohin würden mich die Menschenströme schon bringen, die ein Ziel zu haben schienen, zumindest irgendeines. Wir passierten eine andere große Bühne, die sich unter einem riesigen Zirkuszelt befand, dessen Seitenrand offen war für alle Menschen unter drei Metern. Sehr viel Licht und sehr viel Lärm drangen heraus.

          Glastonbury ist eines der größten Musikfestivals der Welt.
          Glastonbury ist eines der größten Musikfestivals der Welt. : Bild: AFP

          Und sehr viel Energie. Wie von selbst schubste mich die Menge hinüber. Plötzlich stand ich am Rand des Zelts, in dem jede Menge Leute tanzten und sangen, die meisten von ihnen jenseits der 40. Auf der Bühne stand ein schöner, alter Rocker: schlaksig, androgyn, lange dunkle Haare, Schlaghose, Spuren der Zeit unter den Augen. Mit ihm sangen fabelhafte Gospelsängerinnen (und ein Gospelsänger, der um sein Leben sang). Eine Frau mit schwarzem Pony und in schwarzer Lederhose spielte Bass. Das Ganze wurde auf riesigen Leinwänden nur in Schwarz-Weiß gezeigt, was natürlich alles wahnsinnig cool und die Menschen auf der Bühne noch ein bisschen schöner machte.

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