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Geschlechterdarstellungen : Frauen im Büro

Beliebtes Bildermotiv: Der schlaue Mann erklärt der hübschen Frau etwas am Rechner. Bild: Imago

Während Männer auf Bildern von Büroarbeit meist schlau aussehen und Sachen erklären, werden Frauen grundsätzlich in High Heels gezeigt oder beim Yoga im Büro. Muss das sein?

          3 Min.

          Stellen Sie sich eine Frau im Büro vor! Nicht besonders schwer, oder? Vielleicht sind Sie sogar selbst eine. Sie hat dunkle oder helle Haare, lange Fingernägel oder kurze, vielleicht eine Brille oder Kontaktlinsen. Alles Eigenschaften, die andersgeschlechtliche Personen auch aufweisen, und nicht nur im Büro.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Umso verwunderlicher, dass das Einzige, was eine Frau im Büro zu einer Rarität macht, offenbar genau das ist. Zumindest, wenn man sich gängige Versuche anschaut, „die arbeitende Frau“ darzustellen – in der Stockfotografie, in der Bilder nach Schema F auf Vorrat und für Bilddatenbanken produziert werden. Geht es um Frauen im Berufsleben, in der „Arbeitswelt“, also in gläsernen Bürogebäuden oder Großraumofficegedönskomplexen, werden am liebsten erst einmal High Heels gezeigt. Was sollten Frauen auf der Arbeit auch anderes tun, als unbequeme, unpraktische und im heteronormativ und männlich geprägten Blick sexy machende Stöckelschuhe zu tragen. Warum sollte man Frauen beim Denken oder womöglich beim Arbeiten zeigen? Dann doch lieber Stöckelschuhe.

          Frauen halten natürlich keine Vorträge, sitzen nicht vor endlosen Exceltabellen, leiten kein Team. Auf Stöckelschuhen, in kurzen Röcken und durchsichtigen Blusen wedeln sie mit Pressemitteilungen, um ein Beispiel aus dem Film „Bridget Jones“ zu bemühen. Sie schmäht übrigens denjenigen, der ihre Tätigkeiten so zusammenfasst, hinterher: Lieber wäre sie „Saddam Husseins Arschabwischer“, als länger in seiner Nähe zu arbeiten.

          Help! Frauen, hilflose Wesen am Arbeitsplatz.

          Abbildungen, die etwas weiter fortgeschritten sind (allerdings nur den Bildausschnitt betreffend), zeigen auch gerne mal wohlgeformte Frauenbeine in durchsichtigen Strumpfhosen, die zu den Stöckelschuhen gehören. Hallo?! Wir Frauen haben schließlich noch mehr Körper, den man objektifizieren kann! Oft sind auch attraktive Frauen zu sehen, die im eng anliegenden Kostüm wunderbar ausschauen. Sie lächeln strahlend: Endlich dürfen wir ins Büro! Oder sie blicken ratlos drein: Büro? Das überfordert die Frau! Die schönen Beine überkreuzen sich womöglich unter einem Tisch, der womöglich sogar einer Chefin gehört, doch all das bleibt unserer Phantasie überlassen. Was zählt, sind nur die Stöckelschuhe.

          Ein weiteres beliebtes Motiv ist eine Frau, die, jung, schlank, weiß, attraktiv, am Rechner etwas nicht versteht. Kann ja mal vorkommen! Wie geht noch mal das Internet an? Wo ist noch mal Solitaire? Und wo finde ich die tolle Website, auf der ich Stöckelschuhe bestellen kann? Solche wichtigen Fragen beantworten, das kann im Büro nur eine besondere Spezies: der Mann. So finden sich in Fotoplattformen Unmengen an Bildern von superklugen Männern, die supersüßen Frauen etwas am PC zeigen: Hast du ihn mal neugestartet? DAS ist dieses Internet, und HIER kannst du anhand meiner schlauen Erklärungen erkennen, wie groß mein Penis ist.

          Sportlich und schön: Frauen, die in hohen Schuhen am Arbeitsplatz Tennis spielen – wer kennt sie nicht?

          Wenn Sie das alles für übertrieben halten, dann geben Sie mal „Frau“ AND „Büro“ in die Bildersuche ein. Eine große Plattform spuckt seitenweise Fotos aus von einer jungen Frau mit blondem Pferdeschwanz, die Yoga im Büro macht. Yoga! Ist ja klar, dass junge, blonde Frauen im Büro am liebsten Yoga machen. Nix da mit Arbeiten! Work-Life-Balance und gut aussehen und sportlich sein, damit die männlichen Kollegen einem noch lieber das Internet und die Welt erklären.

          Auch ein schönes Motiv: die verzweifelte Frau im Büro. Eine andere Bildersuche spuckt als zweiten Treffer eine Frau aus, die an ihrem Schreibtisch sitzt, umgeben von säuberlich sortierten Rechnungen und Kassenbelegen. Sieht eigentlich ganz manierlich aus! Aber nein, die arme Frau ist offenbar vom Rechnungswesen so erschöpft, dass sie den Kopf auf ihre verschränkten Arme gelegt hat. Wenn es doch wenigstens Rechnungen von Stöckelschuhen wären! Oder durchsichtigen Strumpfhosen!

          Frauen in dieser Position finden sich in vielen Varianten, mal mit dem Kopf so, als würden sie ihn gleich auf die Tischplatte schlagen, dann wieder sanft in die Arme gebettet, weil die schnelle, harte Arbeitswelt einfach nichts ist für ihr sanftes Gemüt, weil sie müde sind, so müde, und schwach, so schwach. Dabei sind sie wahrscheinlich einfach erschöpft, weil sie sich neben dem Vollzeitjob als Abteilungsleiterin noch um zwei Kleinkinder kümmern und sich zu viele Gedanken um den Gender Pay Gap machen.

          Was macht man noch auf der Arbeit? Arbeitsverträge unterschreiben, natürlich. In der Vorstellung der Agentur dpa müssen Frauen, die das tun, lackierte Fingernägel haben. Wo kämen wir denn da hin, wenn man Frauennägel und Männernägel nicht unterscheiden könnte?! (Gegenbeweis!) Dann würden Frauenhände womöglich noch versehentlich einen Arbeitsvertrag für einen Chefposten unterschreiben.

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