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Pflegebedürftige : Eigentlich hatten wir andere Pläne

  • -Aktualisiert am

Bewohner in der Hausgemeinschaft eines Pflegedienstes. Bild: Frank Röth

Wenn schon junge Menschen plötzlich ihren Partner pflegen müssen, bringt das manche Beziehung an ihre Grenzen. Doch die extreme Situation kann eine Partnerschaft auch intimer und stärker machen.

          „Und jetzt bitte die Achsel“, sagt mein Freund und hebt den Arm. Er sitzt auf dem Badewannenrand und lässt sich von mir waschen. Tim ist zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alt, ich bin 24. Irgendwie dachte ich, diese Pflege-Sache hätte noch mindestens 50 Jahre Zeit. Aber dann hatte Tim einen Fahrradunfall, musste an der Schulter operiert werden und brauchte plötzlich Hilfe – beim Waschen, beim Anziehen, beim Essen, bei ganz vielem, über das wir sonst kein Wort verlieren. Eine ungewohnte Situation für uns beide, pochen wir doch ständig auf unsere Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

          Um sich dies während der Zeit mit der verletzten Schulter trotzdem so gut wie möglich zu bewahren, gab Tim mir Anweisungen, wann immer es ging und ich gerade etwas für ihn tat: Nicht so viel Shampoo nehmen, nicht dieses T-Shirt. Ich kann das verstehen. Trotzdem fiel es mir schwer, nach seiner Pfeife zu tanzen, und oft stritten wir uns deshalb in diesen Wochen. „Ich wasche mir schon lange genug selbst die Haare, um zu wissen, wie viel Shampoo man braucht“, blaffte ich ihn dann immer an. Und er motzte zurück: „Aber ich mache es nun mal anders!“

          Trotz all der banalen Streitigkeiten sind wir uns in dieser Zeit noch näher als bisher. Tim, der sonst nur ungern etwas aus der Hand gibt, musste zulassen, dass ich alles auf meine Weise regelte. Und ich, die ich mich vor Dingen wie Kochen oder Autofahren gern drücke, hatte nun keine Wahl und musste mich überwinden. Das Beziehungsgefüge veränderte sich. Wir wussten aber immer, dass wir nach und nach zum Normalzustand zurückkehren würden.

          Viele Menschen können das nicht. Das gilt für alte wie junge gleichermaßen, wenn sie plötzlich mit einem Pflegefall konfrontiert sind. Drei Millionen Pflegebedürftige gibt es insgesamt in Deutschland; unter 60 Jahre alt sind davon etwa 13 Prozent. Nahezu alle von ihnen werden zu Hause versorgt, hauptsächlich von den Eltern oder dem Partner. Neben den psychischen und physischen Belastungen, die eine solche Situation für Pfleger wie Gepflegte unausweichlich mit sich bringt, kommt bei jungen Menschen erschwerend hinzu, dass sie ein gutes Stück ihres Lebens noch vor ihnen liegt, sie häufig Zukunftspläne und -träume geschmiedet haben. Aber mit einem Mal kann von einem Zurück zu einem „Normalzustand“ in vielen dieser Fälle keine Rede mehr sein.

          „Ohne ihn wäre ich durchgedreht“

          So ist es auch im Fall von Sarah und Martin (alle Namen geändert). 2012 wird bei der damals 28-Jährigen erst eine Gebärmuttererkrankung und wenig später Brustkrebs diagnostiziert. Da sind die beiden gerade einmal ein Jahr ein Paar. Trotzdem war für beide klar, dass sie den Kampf gegen die Krankheit gemeinsam führen würden: „Ich habe mir gedacht: Wir waren zusammen, als sie fit war, dann behalte ich sie jetzt halt mal“, scherzt Martin, und Sarah sagt: „Ohne ihn wäre ich durchgedreht.“

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