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Holzmindener Duftnote : Wie eine künstliche Intelligenz Parfums entwickelt

  • -Aktualisiert am

Im Labor von Symrise: Der richtige Duft entsteht nur durch das exakte Abwiegen der Zutaten. Bild: Patrick Slesiona

Philyra denkt sich besonders gute Parfums aus: Bei der Firma Symrise entwickelt man nun auch mit künstlicher Intelligenz neue Düfte. Aber kann sie den menschlichen Parfümeur wirklich ersetzen?

          5 Min.

          Holzminden riecht nach frischer Wäsche, zumindest vor der Firma Symrise. Das Unternehmen beliefert Parfum- und Lebensmittelfirmen mit Duft- und Geschmacksstoffen und machte damit 2018 rund 3,2 Milliarden Euro Umsatz. Kein Wunder, dass sich der 20.000-Einwohner-Ort zwischen Kassel und Hannover stolz „Stadt der Düfte und Aromen“ nennt.

          Maria Wiesner
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Schon vor anderthalb Jahrhunderten strömte von Holzminden Wohlgeruch aus. 1874 entdeckten Ferdinand Tiemann und Wilhelm Haarmann ein Verfahren, um den synthetischen Duftstoff Vanillin herzustellen. Sie gründeten die Firma Haarmann & Reimer und belieferten mit dem Duft französische Luxushäuser wie Guerlain. Es war eine Revolution in der Parfumherstellung. Der zitrisch-aromatische Guerlain-Klassiker Jicky von 1889, der das warmorientalische Vanillin als Basisnote nutzt, verdankt dem synthetischen Duftstoff aus Niedersachsen seine Existenz.

          Dank der neuen Verfahren, die Duftmoleküle isolierten und synthetisch nachbauten, konnte man rare, teure Duftstoffe günstig im Labor herstellen. Und sie ermöglichten neue Kompositionen. So hätte ohne das Patent aus Holzminden ein paar Jahrzehnte später auch eine neuartige Komposition wie der Chypreduft Chanel No. 5 nicht entstehen können.

          Wie sieht eine KI aus, die Düfte kreiert?

          „Für die Produktion eines Kilos Vanillin brauchte man damals das Holz von rund 5000 Bäumen“, erklärt „Senior Perfumer“ Marc vom Ende, der bei Symrise in der Duftforschung arbeitet. Holzminden heißt nicht ohne Grund so: Noch heute führt die Landstraße durch dichten Wald. Bäume in Niedersachsen zu fällen, um einen synthetischen Duftstoff herzustellen, war vor 140 Jahren noch immer günstiger, als die echte Vanille zu importieren.

          Die Duft- und Geschmackshersteller Dragoco und Haarmann & Reimer schlossen sich 2003 zusammen: Symrise stellt synthetische und natürliche Duftstoffe her. Die Ausweitung des Angebots zählt auch zum Gebiet von Marc vom Ende. Der Parfümeur erzählt von der Rohstoffgewinnung auf Madagaskar, wo Vanille-Orchideen, Zimt, Nelken und Geranium angebaut werden. „Wir stellen sowohl synthetische Stoffe als auch eigene ätherische Öle her. So produzieren wir 'Captives', also captive Riechstoffe, die nur den Symrise-Parfümeuren zur Verfügung stehen. Dadurch erhalten unsere Düfte eine eigene Handschrift.“

          Von einem Algorithmus entwickelt: Parfum Berlin 3.0
          Von einem Algorithmus entwickelt: Parfum Berlin 3.0 : Bild: Patrick Slesiona

          Mit solchen captiven Riechstoffen, deren Zusammensetzungen geheimgehalten werden, setzt sich ein Duftunternehmen von der Konkurrenz ab. Diesem Zweck dient auch eine weitere Neuentwicklung: Gemeinsam mit IBM erarbeitete das Unternehmen eine künstliche Intelligenz, die den Parfümeuren beim kreativen Prozess assistieren soll. Um zu zeigen, wie das konkret aussieht, lädt Marc vom Ende in sein Büro. An der Wand hängt Hochglanz-Parfumwerbung.

          Was kann man von Philyra erwarten? Wie sieht Künstliche Intelligenz aus, die nach der griechischen Nymphe benannt ist, die einen Zentauren gebar und sich aus Scham darüber in einen wohlriechenden Lindenbaum verwandelte? Trägt sie gar menschliche Züge, wie der Doktor vom Raumschiff Voyager, der das gesamte medizinische Wissen vom Zeitpunkt seiner Programmierung abrufen kann?

          Nein, so schlimm ist es nicht. Auf dem Bildschirm von Marc vom Ende erscheint eine Eingabeoberfläche. Er legt die Parameter fest, nach denen Philyra arbeitet. Sie soll ein Parfum kreieren für eine Frau, mit blumigen Noten. Der Rechenprozess kann beginnen.

          „So etwas habe ich noch nie gesehen“

          Einer, der Philyra für diese Arbeit trainieren musste, ist Dave Apel. Er begann in den achtziger Jahren als Chemiker mit Duftrohstoffen zu arbeiten und wurde über Umwege Parfümeur. Er hat Düfte wie Tom Fords Black Orchid erfunden und arbeitet seit mehr als zehn Jahren für Symrise in New York. Am Telefon erzählt er von der Arbeit mit künstlicher Intelligenz: „Philyra greift auf den umfassendsten Datensatz zu, den sich ein Parfümeur vorstellen kann: mehr als 2,25 Milllionen Parfums, komplette Kompositionen aus Basis und Akkorden, die gesamte Struktur, alle Rohmaterialien, die jemals im Archiv von Symrise gesammelt wurden.“

          Unschlagbar: Parfümeur Marc vom Ende nutzt die künstliche Intelligenz Philyra als Assistentin bei der Duftkomposition.
          Unschlagbar: Parfümeur Marc vom Ende nutzt die künstliche Intelligenz Philyra als Assistentin bei der Duftkomposition. : Bild: Patrick Slesiona

          Darunter seien auch die Kompositionen der besten Parfums, von Guerlain über Chanel bis zu Dior. „Auf dieser Datenbasis kreiert Philyra Parfums und kommt so auf Kombinationen, über die ich niemals gestolpert wäre.“

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