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Magersucht bei Männern : Hungrig nach dem Gefühl, nicht essen zu müssen

  • -Aktualisiert am

Wahlberliner Aron Boks hat über seinen Kampf gegen die Magersucht ein Buch geschrieben. Bild: PR

Aron Boks litt über Jahre an Magersucht. Bei seiner Genesung half ihm das Schreiben.

          2 Min.

          Aron Boks steht sinnbildlich für eine Generation, für die Druck Alltag ist, weil alles schnell gehen muss im Selbstoptimierungs-Jungle, indem man so viel fühlt, dass es irgendwann besser ist, nichts mehr zu fühlen. Der 22 Jahre alte Wahlberliner erzählt in seinem Buch „Luft nach Unten“  von seinem Leben mit Magersucht, einer Krankheit, die in der Gesellschaft zunimmt, oft viel zu spät erkannt und meistens unterschätzt wird. Anorexie ist ein Tabuthema. Dabei ist sie ein Hilferuf, eine Art der Selbstzerstörung, die einem Gefühl entspringt, so wie man sei, nicht in diese Welt zu passen. „Das hat schon viel mit Selbstwert zu tun“, sagt Boks.

          Er ist überzeugt, dass das Selbstoptimierungsnarrativ zu abnormalem Essverhalten führen kann, aber nicht zu einer Magersucht. Das ist mehr, als nicht essen können. Magersüchtig sein bedeutet Selbsthass und Ekel, soziale Isolation und Gefangenschaft. „Das ist wie Drogen nehmen“, sagt Boks. „Man will alles andere ausblenden.“ Boks war fünf Monate in einer Klinik in Berlin. Als Hülle seiner selbst hat er gegen die Krankheit gekämpft, jeden Tag und jede Kalorie aufs Neue. Die Waage als Bezugspunkt, die Krankheit als einzige Vertraute.

          In seinem Buch wird deutlich, wie tief Anorexie in die Persönlichkeit vordringt. Wie sie nicht nur den Körper, sondern auch den Geist aushöhlt – so lange, bis die Gehirnrinde schrumpft und die Organe versagen. Boks beschreibt, wie er seinem Körper eine Hungersnot suggerierte, die alles betäubt, außer das Gefühl, nie wieder warm zu werden. Magersucht kühlt von innen aus. Magersucht kennt keine Emotionen, sie ist ewig hungrig, nach dem Gefühl, nicht essen zu müssen. Die Krankheit versetzt den Betroffenen in einen manischen Zustand, der ihm das Gefühl gibt, zu schweben. Der Betroffene fliegt, bis er abstürzt - jeden Tag aufs Neue und jeden Tag tiefer.

          Wie eine toxische Liebesbeziehung

          Es hat ewig gedauert, bis er sich für ein gesundes Leben entscheiden konnte. Boks erzählt von Anorexie, wie von einer toxischen Liebesbeziehung. Sie begleite einen ständig und man denkt, man könne nicht ohne sie leben. In schwachen Momenten ist sie der einzige Halt, so Boks. Beziehungen kann man beenden, wenn man mutig und stark ist. Boks ist radikal und kompromisslos und führt einen monatelangen Kampf gegen sich selbst und die innere Stimme, die ihn schreiend versucht zu manipulieren. Boks, der in Berlin Psychologie studiert, schreibt all das auf: Über die Socken voller Essensreste, die abgesagten Treffen, die Lügen und die schlaflosen Nächte. Boks schreibt und schreibt, Boks schreibt sich gesund. „Damit habe ich geübt, klar zu kommen“, sagt er über das Buch, was daraus entstanden ist. „Ich hatte keine Chance mich zu verstecken.“

          „Luft nach unten“ ist weder eine blumige Genesungsgeschichte, noch ein trockener Ratgeber oder ein Aufklärungsbuch. Boks hat einen Erfahrungsbericht geschrieben, der auf die persönlichste Art Magersucht als dysfunktionale Emotionsregulationsstörung enttarnt und sie als Teil einer Gesellschaft einordnet, die ebenfalls krankt.

          Essstörungen seien auch Folgen des Kapitalismus und Ableger des Patriarchats und werden deshalb oft mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht. „Die Frau soll kontrolliert und mit wenig Energie versorgt werden, um nicht zu viel Platz einzunehmen“, sagt Boks und vertritt damit den Standpunkt der britischen Autorin Laurie Penny. Er spricht auch über toxische Maskulinität und das traditionelle Selbstbild des Mannes. Dieses Selbstbild kennt keine Essstörungen, in diesem rosa-blauen Weltbild sind Jungs stark und Mädchen Prinzessinnen. „Die Dunkelziffer magersüchtiger Männer ist hoch“, sagt der Autor und appelliert an eine Enttabuisierung des Themas Essstörung. Magersüchtige sind wie Drogenabhängige: zum Großteil unzurechnungsfähig und unberechenbar. Und sich selbst ausgeliefert. „Eine Therapie ist unumgänglich. Je früher desto besser, wenn die Krankheit erkannt wird, dann kann sie behandelt werden, bevor sie chronisch ist.“

          Heute geht es Boks gut. Er hat eine Lesebühne gegründet, lebt in Neukölln in einer WG und studiert. „Vergessen kann man sie nicht“, sagt er. Und es hört sich an, als spreche er von einer Liebe, die auf bittere Weise zu Ende gegangen ist.

          Das Buch „Luft nach unten“ (14,99 Euro) von Aron Boks ist im Schwarzkopf Verlag erschienen.

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