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Cellulite? Eher die anatomische Normalvariante des Unterhautfettgewebes. Bild: Prisma Bildagentur

Weder Krankheit noch Problem : Weshalb Cellulite kein Makel ist

  • -Aktualisiert am

Cellulite gilt als Makel. Dabei ist das Thema nur ein Symptom des Schönheitswahns. Man kann sich also locker machen.

          Ganz schön verrückt. Auf der einen Seite propagieren Klatschblätter immer wieder, dass so gut wie alle Frauen Cellulite haben: „Cellulite-Alarm bei Kim & Co.“ Oder: „Cellulite-Bilder: Auch Stars haben Orangenhaut“. Die gerade einmal 26 Jahre alte Selena Gomez? Ja! Jennifer Lopez, die einst gerüchteweise ihren Po für 27 Millionen Dollar versichern ließ? Aber ja! Und nicht einmal Sportlerinnen wie Venus Williams sind davor gefeit.

          Eigentlich müsste der Schluss sein: Na gut, ist eben so, Frauen haben Cellulite. Doch im Gegenteil: Das Geschäft mit Anti-Cellulite-Behandlungen läuft, viele Betroffene, je nach Studie zwischen 80 und 90 Prozent der Frauen, sind bereit, alles dafür zu tun, um sie loszuwerden.

          Früher war Cellulite kein Problem. Das typische Hautbild einer postpubertären Frau und ein rundlicher Körper galten in der Malerei des Barocks sogar als Schönheitsideal. Das Gemälde „Die Drei Grazien“ von Peter Paul Rubens, das zwischen 1630 und 1635 entstand, bildet Dellen auf Oberschenkeln, Po und Armen der nackten Frauen ab.

          „Die Vorstellung, dass Cellulite ein Makel sei, den es auszubessern gilt, entspringt der irrationalen Vorstellung, dass Frauen makellos sein sollen“, sagt der Düsseldorfer Dermatologe Manuel Cornely. „Aber natürlich ist kein Mensch makellos.“ Cellulite werde meist oberflächlich behandelt, in der Therapie wie in der Debatte. Diese oberflächliche Behandlung ist, wie die Haut selbst, allerdings eine mehrschichtige Angelegenheit. Unter der sichtbaren Oberfläche liegen weitere Schichten, die es zu sezieren gilt.

          Die erste dieser Schichten ist die medizinische. Cellulite sei keine Krankheit, eigentlich noch nicht einmal ein Problem, sagt der Mediziner Cornely. „Cellulite ist die anatomische Normalvariante des Unterhautfettgewebes bei Frauen an Beinen und Armen“, sagt er. „Die Bindegewebsstruktur bildet sich schon beim Embryo und betrifft somit jede Frau. Die Frage ist nur, wann die Ausprägung beginnt. Manchmal lässt sie sich schon bei Kindern erkennen.“ Außerdem betreffe Cellulite nicht nur übergewichtige Frauen, sie wird aber dann schneller sichtbar.

          Cremes, Schwämme und Bürsten

          Die Geschichte der Medizin, so schrieb der Philosoph Michel Foucault, ließ und lässt in ihrem Prozess den menschlichen Körper immer wieder als dekodierbares Objekt neu entstehen. Andersartigkeit sei in der Medizin oft pathologisiert worden. Hysterie war ein Dachbegriff für zahlreiche neurotische Frauenleiden, die man nicht erklären konnte oder wollte. Der Begriff leitet sich vom griechischen Wort für Gebärmutter ab – in der Antike nahm man an, eine Gebärmutter, die nicht häufig genug mit Sperma in Kontakt komme, schweife im Körper umher und setze sich schließlich im Gehirn fest. Hysterische Anfälle seien die Konsequenz. Als Behandlung wurde bis ins vergangene Jahrhundert die „Ovarienpresse“ verordnet, ein Gerät aus Metall und Leder, das Druck auf die Eierstöcke ausübte, oder es wurden ärztlich ausgeführte Massagen angewiesen, die zum Orgasmus führen sollten.

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          Ähnlich medizinisch unbegründet waren auch die ersten Cellulite-Diagnosen. Erstmals erwähnt wurde die Cellulite in einem französischen Lexikon, der zwölften Ausgabe des „Dictionnaire de médecine“, im Jahr 1873. Sie bezeichnete allerdings damals noch eine abszessartige Entzündung des Fettgewebes. Diese Meinung hielt sich lange Zeit: Ärzte fehldiagnostizierten die Cellulite als Entzündung oder als Ablagerung von Abfallprodukten, die auf „zu langes Sitzen, ermüdende Tätigkeiten, das Leben in der Stadt, Ehetraumata und – bei Jungfrauen – Störungen des Rhythmus der utero-ovarischen Zirkulation und der Hormonsekrete“ zurückzuführen seien, wie es Rossella Ghigi von der Universität Bologna 2004 in einem Artikel für die Fachzeitschrift „Travail, Genre et Sociétés“ beschreibt.

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