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Duftforschung : „Weihnachten ist Riechzeit“

Weihnachtliche Duftbombe: Glühwein, Zimt, Orangen und Plätzchen. Bild: ddp Images

Kerzen, Gewürze und Tannennadeln - Die Weihnachtszeit ist ein Fest für den Geruchssinn. Duftforscher Thomas Hummel verrät, warum uns manche Gerüche besonders zu Herzen gehen.

          Herr Professor Hummel, Sie leiten das interdisziplinäre Zentrum „Riechen und Schmecken“ der Uniklinik Dresden. Überall duftet es jetzt wieder nach Kerzen und Gewürzen: Sind Advents- und Weihnachtszeit auch ein Fest für unseren Geruchssinn?

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das kann man so sagen. Weihnachten ist eine klassische Riechzeit.

          Gibt es so etwas wie einen typischen Weihnachtsgeruch?

          Ja, der kann allerdings regional verschieden sein. Bei uns zum Beispiel sind Glühwein oder Gewürznelken ANTWORT: ein typischer Geruch. In England wird mit Gewürznelken eher der Zahnarzt verbunden.

          Werden wir bei Gerüchen, wie bei so vielem anderen auch, vor allem durch unsere Kindheit geprägt?

          Ja, bei Gerüchen scheint vor allem der Erstkontakt wichtig zu sein - und dabei, wie sich unsere Umgebung zu dem Duft äußert. Das sind dann unsere Erfahrungen. Es kann sich aber auch ändern: Das Lernen spielt bei Düften eine große Rolle. So wie man sich beim Essen an neue Speisen gewöhnen und sie nach einer Weile sogar lieben kann, so ist es auch bei Gerüchen.

          Werden durch Gerüche unser Emotionen stärker angesprochen als etwa durch Geräusche oder Geschmack?

          Das kann man so sagen. Auf jeden Fall anders und vielleicht sogar nachhaltiger. Das hängt möglicherweise mit der Anatomie zusammen: Das Riechen ist mit Hirnteilen verbunden, die sehr viel mit Emotionen zu tun haben. Düfte werden fast immer als angenehm oder unangenehm empfunden. Bei angenehmen Düften, die mit Essen assoziiert sind, sehen wir auch eine Aktivierung in solchen Hirnarealen, die etwas mit Belohnung zu tun haben. Interessant ist auch, dass bei Düften sehr viel subtil abläuft. Mit jedem Atemzug müssten Sie ja eigentlich einen Riecheindruck haben - haben Sie aber nicht. Düfte kommen nur dann vordergründig ins Bewusstsein, wenn es etwas Besonderes ist: Entweder weicht es stark von der Norm ab, oder es ruft bestimmte Erinnerungen wach.

          Auf manche Menschen kann ja auch der Weihrauch in der Kirche berauschende Wirkung haben.

          Na, die Dröhnung kriegen Sie damit nicht, soweit ich weiß. Aber Weihrauch ist ein ganz tolles Beispiel für Duftmarketing: Weihrauch ist ganz eindeutig Kirchengeruch.

          Als typischer Weihnachtsgeruch gilt auch Tannenduft. Doch kennen den heutige Großstädter überhaupt noch?

          Ich bin auf dem Dorf groß geworden, aber Weihnachten ist auch für mich nicht der Geruch von Tanne. Weihnachten ist Gebäck, Vanille, Zimt, Gewürznelke. Und am Heiligabend der Duft von Bienenwachskerzen. Aber das ist ein sehr privater Eindruck und kann für andere ganz unterschiedlich sein.

          Viele klassische Weihnachtsgewürze wie Zimt, Nelken oder Safran sind ganzjährig Bestandteile der orientalischen Küche, die auch hierzulande immer populärer wird. Verlieren diese Gewürze für die Menschen dann irgendwann ihren Weihnachtsbezug?

          Das kann schon sein - aber vielleicht auch nicht. Bei Zimt etwa sagen viele Leute: „Hmm, das riecht nach Weihnachten.“ Obwohl Zimt ganz verbreitet ist. Cola zum Beispiel ist ein Zimtgetränk, und es gibt auch sehr leckere Braten mit Zimt. Oder Zimtschnecken, die isst man auch im Sommer. Doch bei Weihnachten geht es ja nicht allein ums Essen, sondern um eine emotionale Erfahrung, die uns berührt. Diese Gedächtnisspur von Weihnachten und Zimt ist tiefer.

          Sie haben in einer Studie nachgewiesen, dass Menschen zum Beispiel Zimt dann als angenehmer empfinden, wenn er mit Weihnachten assoziiert ist, als im Sommer. Haben Sie dafür eine Erklärung?

          Das hängt wie bei ganz vielen Sachen mit dem Kontext zusammen. Ein Beispiel: Wenn ich Sie unter Wasser ein Gedicht lernen lasse, dann reproduzieren Sie dieses Gedicht über dem Wasser schlechter als darunter.

          Wenn uns die Weihnachtszeit ein Gefühl der Geborgenheit und des Friedens verleiht, warum umgeben wir uns mit ihren Düften eigentlich nicht das ganze Jahr?

          Das tun ja ganz viele Leute mit ihrer Heimbeduftung. Dann kommt der Duft aus der Steckdose, und es riecht nach Lavendel. Sie schaffen sich eine Art Zuhausegeruch, der für verschiedene Leute ganz verschieden sein kann.

          Wenn sie umziehen, nehmen sie ihn mit, und schon ist die neue Wohnung wieder ihr Zuhause. Persönlich finde ich das eher störend. Mir ist eine duftneutrale Umgebung am liebsten.

          Wie halten Sie es denn dann auf einem typischen Weihnachtsmarkt aus? Da gibt es von allen Seiten Duftwolken von Bratwurst, Räucherkerzen, gebrannten Mandeln, es ist die totale olfaktorische Reizüberflutung.

          Das ist schon wieder etwas anderes, das muss so sein. Wenn es nicht riechen würde, wäre es kein Weihnachtsmarkt.

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