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Was tun? : Wenn das Tattoo länger hält als die Liebe

  • -Aktualisiert am

Bleibender Wert: Die Zeilen von William Carlos Williams überstehen jede Liebe. Bild: Luisa Thomé

Sie sind ein kleiner Gruß an die Ewigkeit: Liebes-Tattoos sind so alt wie die Menschheit selbst. Aber wie kann man sich sicher sein, dass die ewige Liebe so lange dauert?

          4 Min.

          Vor nicht allzu langer Zeit sprach ich mit einem Freund aus Berlin bei einem Bier über Tätowierungen. Eines seiner Bilder haute mich vom Hocker: Er erzählte mir von einem Gedicht, das er sich in der Beziehung mit seiner damaligen Freundin auf Schlüsselbein und Oberarm hatte tätowieren lassen – einige Zeilen aus „This is just to say“ von William Carlos Williams. Es wirkt, als wäre es ein abgerissenes Zettelchen, das am Morgen auf dem Küchentisch liegt. Die Worte sind alltäglich, fast banal und doch voller Zärtlichkeit. Mein Freund hat sich die Vertrautheit, die er mit der damaligen Freundin leben wollte, auf den Körper schreiben lassen. In ihrer Handschrift. Er ist nicht der erste Mensch und wird nicht der letzte sein, der sich ein Liebes-Tattoo stechen ließ. Aber wie kann man sich sicher sein, den anderen so zu lieben, dass man ihn auf seinem Körper verewigen will?

          Liebes-Tattoos sind so alt wie die Menschheit selbst. Einige indigene Völker trugen sie auf ihren Körpern, um eine tiefe Verbindung zu ihren Göttern oder Partnern zu demonstrieren. Von der Steinzeit bis zur Digitalisierung: Manche Rituale ändern sich nicht. Auch in Westeuropa sind sie nicht unbekannt. Seeleute, Soldaten und Reisende trugen solche Bildchen aus Tinte. In den Weltkriegen zierten neben patriotischen Bildern auch Liebesschwüre die Haut amerikanischer Soldaten. Heute wie damals sind es Namen, Herzen, Symbole oder Zeilen. Sie begleiten die Liebenden bis zum Ende ihrer Tage.

          Die tägliche Erinnerung an eine vergangene Zeit

          Bei meinem Freund kam es – wie bei so vielen jungen Paaren – anders. Nach einigen Jahren war die Liebe verblichen. Was blieb, waren der Schmerz, das Tattoo und mit ihm die tägliche Erinnerung an eine vergangene Zeit. Versteinert wie vor meinem ersten Tattoo saß ich meinem Freund gegenüber. Der Gedanke, einen Menschen sein gesamtes Leben lang auf der Haut mitzutragen, macht mir Angst. Er ist ein Zugeständnis, das in unserer launischen und wechselhaften Generation Y bis Z so selten ist wie eine Hochzeit in den frühen Zwanzigern, nicht unmöglich, aber äußerst rar: Liebes-Tattoos symbolisieren den Wunsch, dass etwas bleibt, das wir nicht kontrollieren können. Sie schenken trügerische Sicherheit. Bei dem Gedanken, dass mich ein Tattoo tagtäglich an meine frühere Partnerin erinnern könnte, zucke ich zusammen: Wie kann man nur so verliebt sein? Oder fehlte mir einfach der Mut zu sagen: Dieser Partner oder diese Partnerin gehört zu mir?

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          Immerhin ziert mein Handgelenk ein Freundschafts-Tattoo, ein „LIT“ in Druckbuchstaben. Ich habe es mir damals mit drei Freunden während eines Roadtrips stechen lassen. Es war mein erstes Tattoo, an einer Seitengasse um zwei Uhr morgens in Hamburg gestochen. Ich erinnere mich genau daran, wie eine Freundin mir beim Stechen die Hand hielt: „Keine Sorge“, sagte sie, „es wird nicht wehtun.“ Der Tätowierer führte die Nadel an meine Haut. Es schmerzte kurz, und nach einiger Zeit war sie da – die Verbindung fürs Leben.

          Wir dachten, dass uns diese Freundschaft wie das Tattoo immer begleiten würde. Heute fühlt es sich eher an, als würde ich an einer Zeit festhalten, die kaum noch etwas mit mir zu tun hat. Heute streiche ich über diese Stelle und werde traurig, dass sich das Leben anders entwickelt hat. Ich versuche nachzuvollziehen, wie mein Freund sich mit seinem Tattoo fühlen muss.

          Ein Freundschafts-Tattoo ist kein Liebes-Tattoo: Im Vergleich zur Liebe ist die Freundschaft ein Sofa, auf dem man oft einfach sitzen bleibt, es ist bequem und passt gut. Eine Partnerschaft verlangt, dass Liebende aufstehen, das bequeme Polster verlassen und sich mit sich selbst und dem anderen auseinandersetzen. Diese Hingabe wollen sich viele auch auf der Haut beweisen. Oft befinden sich die Tattoos an nicht einsehbaren Stellen, von denen nur die Partner wissen. Mit dem Tattoo schafft man sich eine Basis, auf die man zugreifen kann. Es ist eingeritzt in die Haut des anderen, wie man es in alten kitschigen Filmen mit den Initialen an einem Baum gemacht hat. Beides sind Wunden von Liebenden, um vereint zu sein.

          Was bleibt?

          Schon der französische Philosoph Georges Bataille schrieb 1944 von dieser Verbindung: „Liebe bedeutet nicht, dass der eine im anderen sein Wesen erblickt, sondern seine Wunden und das Bedürfnis, verloren zu sein: Es gibt keine größere Begierde als die eines Verwundeten für eine andere Wunde.“ Nur dass die Wunden, die Liebende sich zufügen, echt sind. Sie beziehen ihre Identität aus den Motiven, fühlen sich individuell an und haben ein gemeinsames Bild von sich und dem anderen. Es scheint, als würde dieses Bild jedem von uns sagen wollen: „Das geht über die Trennung hinaus. Nur ich weiß, wer mein Partner ist oder sein kann.“

          Liebes-Tattoos heben sich von 08/15-Bildchen ab. Sie stechen sich im Takt der Nadel ins Herz des Partners. Doch was ist, wenn die Beziehung nicht mehr funktioniert? Was bleibt?

          Die Tinte unter der Haut kann uns auch betrügen. Sie will uns eine Welt weismachen, in der wir das Leben unter Kontrolle haben können. Es ist ein Wunsch nach Unvergänglichkeit, die es in der Liebe nicht gibt. So wie bei meinem Freund: Er erzählte seiner damaligen Freundin nichts von seinem Tattoo, bis sie es auf seinem Körper entdeckte. Das Bild war nie für sie, es ist sein Eingeständnis an sich selbst.

          Fast jeder kann von einer Beinahe-Tattoo-Situation berichten. So auch ich: Meine damalige Freundin und ich suchten nachts zwischen den Hamburger Bars und Trinkhallen nach einem Tattoo-Studio, das uns die Bilder und Buchstaben stechen sollte, die wir uns ausgesucht hatten. In dieser Nacht konnten wir kein offenes Studio finden. Wir gaben auf. Das Tattoo kam nie zustande, die Beziehung zerbrach. Als ich auf die Idee kam, diesen Text zu schreiben, fragte ich sie, wie sie dazu stehe, wenn ich auch über uns schreiben würde.

          Sie antwortete, ich solle das ruhig machen. Sie bereue es, dass es nicht dazu kam. „Ich würde es heute wirklich gerne tragen“, schrieb sie. Viele Menschen machen sich bis heute über Partner-Tattoos lustig, weil es dumm sei, einen Menschen auf der Haut zu verewigen und weil es den nächsten Partner verletzen könnte. Ich sehe das inzwischen anders. Diese Tätowierungen sind Wegmarken in einer Geschichte monogamer wie auch polygamer Beziehungen, die den meisten viel gegeben haben. Sei es Austausch, Geborgenheit oder auch eine lebenslange Freundschaft. Mit Liebes-Tattoos können wir in dieser komplizierten Welt zumindest sagen, dass diese Person zu uns gehört oder gehört hat. Jede Beziehung sollte solche Tattoos hinterlassen.

          Eine Tätowierung erinnert an all die positiven und negativen Seiten, die mit der Beziehung einhergehen. Die Bilder erzählen eine Geschichte, die es bis zur nächsten oder gar übernächsten Beziehung zu erzählen gilt. Auch so kann man dem neuen Partner erklären, wer man war und wer man in Zukunft gerne wäre, gestochen scharf reflektiert. Irgendwie beneide ich meinen Freund darum.

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