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Was tun? : Wenn das Tattoo länger hält als die Liebe

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Ein Freundschafts-Tattoo ist kein Liebes-Tattoo: Im Vergleich zur Liebe ist die Freundschaft ein Sofa, auf dem man oft einfach sitzen bleibt, es ist bequem und passt gut. Eine Partnerschaft verlangt, dass Liebende aufstehen, das bequeme Polster verlassen und sich mit sich selbst und dem anderen auseinandersetzen. Diese Hingabe wollen sich viele auch auf der Haut beweisen. Oft befinden sich die Tattoos an nicht einsehbaren Stellen, von denen nur die Partner wissen. Mit dem Tattoo schafft man sich eine Basis, auf die man zugreifen kann. Es ist eingeritzt in die Haut des anderen, wie man es in alten kitschigen Filmen mit den Initialen an einem Baum gemacht hat. Beides sind Wunden von Liebenden, um vereint zu sein.

Was bleibt?

Schon der französische Philosoph Georges Bataille schrieb 1944 von dieser Verbindung: „Liebe bedeutet nicht, dass der eine im anderen sein Wesen erblickt, sondern seine Wunden und das Bedürfnis, verloren zu sein: Es gibt keine größere Begierde als die eines Verwundeten für eine andere Wunde.“ Nur dass die Wunden, die Liebende sich zufügen, echt sind. Sie beziehen ihre Identität aus den Motiven, fühlen sich individuell an und haben ein gemeinsames Bild von sich und dem anderen. Es scheint, als würde dieses Bild jedem von uns sagen wollen: „Das geht über die Trennung hinaus. Nur ich weiß, wer mein Partner ist oder sein kann.“

Liebes-Tattoos heben sich von 08/15-Bildchen ab. Sie stechen sich im Takt der Nadel ins Herz des Partners. Doch was ist, wenn die Beziehung nicht mehr funktioniert? Was bleibt?

Die Tinte unter der Haut kann uns auch betrügen. Sie will uns eine Welt weismachen, in der wir das Leben unter Kontrolle haben können. Es ist ein Wunsch nach Unvergänglichkeit, die es in der Liebe nicht gibt. So wie bei meinem Freund: Er erzählte seiner damaligen Freundin nichts von seinem Tattoo, bis sie es auf seinem Körper entdeckte. Das Bild war nie für sie, es ist sein Eingeständnis an sich selbst.

Fast jeder kann von einer Beinahe-Tattoo-Situation berichten. So auch ich: Meine damalige Freundin und ich suchten nachts zwischen den Hamburger Bars und Trinkhallen nach einem Tattoo-Studio, das uns die Bilder und Buchstaben stechen sollte, die wir uns ausgesucht hatten. In dieser Nacht konnten wir kein offenes Studio finden. Wir gaben auf. Das Tattoo kam nie zustande, die Beziehung zerbrach. Als ich auf die Idee kam, diesen Text zu schreiben, fragte ich sie, wie sie dazu stehe, wenn ich auch über uns schreiben würde.

Sie antwortete, ich solle das ruhig machen. Sie bereue es, dass es nicht dazu kam. „Ich würde es heute wirklich gerne tragen“, schrieb sie. Viele Menschen machen sich bis heute über Partner-Tattoos lustig, weil es dumm sei, einen Menschen auf der Haut zu verewigen und weil es den nächsten Partner verletzen könnte. Ich sehe das inzwischen anders. Diese Tätowierungen sind Wegmarken in einer Geschichte monogamer wie auch polygamer Beziehungen, die den meisten viel gegeben haben. Sei es Austausch, Geborgenheit oder auch eine lebenslange Freundschaft. Mit Liebes-Tattoos können wir in dieser komplizierten Welt zumindest sagen, dass diese Person zu uns gehört oder gehört hat. Jede Beziehung sollte solche Tattoos hinterlassen.

Eine Tätowierung erinnert an all die positiven und negativen Seiten, die mit der Beziehung einhergehen. Die Bilder erzählen eine Geschichte, die es bis zur nächsten oder gar übernächsten Beziehung zu erzählen gilt. Auch so kann man dem neuen Partner erklären, wer man war und wer man in Zukunft gerne wäre, gestochen scharf reflektiert. Irgendwie beneide ich meinen Freund darum.

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