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Netz-Vorbilder : Was taugen Fitness-Blogger?

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Gute Vorsätze: Zum Jahresbeginn haben Fitnessvideos Hochsaison. Kristin Woltmann dreht die Filme für ihre Leser ganz einfach zu Hause. Bild: Verena Meier

Auf Websites wie „EatTrainLove“ oder „Beingfitisfun“ geben Aficionados allerlei Tipps zu Sport, Ernährung und Lifestyle, und ständig werden es mehr. Aber bringt das was?

          Die Stille auf der Straße oder im Wald ist absolut magisch. Niemand ist da draußen. Ihr seid vollkommen mit euch allein. Und das gleichmäßige Geräusch des Regens treibt euch voran …“ Wenn Bloggerin Kristin Woltmann, 30, den Motivations-Turbo zündet, möchte man am liebsten sofort loslaufen – egal, wie schlecht das Wetter gerade ist.

          Woltmann, halblange blonde Haare, schlank und durchtrainiert, bloggt seit vier Jahren unter „EatTrainLove“ über Fitness, Ernährung und Selbstfindung. Sie arbeitet im Online-Marketing eines großen Unternehmens. Vor einigen Jahren stemmte sie nebenbei noch ein Fernstudium. Vom vielen Schreibtischsitzen bekam sie Rückenschmerzen. Sie wollte gesünder leben und berichtet seitdem im Internet über ihre Erfahrungen.

          Blogs wie der von Kristin Woltmann stehen mittlerweile an erster Stelle, wenn es darum geht, sich über Fitness zu informieren. Jeder Dritte unter 45 gab bei einer Umfrage 2015 an, Fitness-Blogs zu lesen. Auch Apps und soziale Medien sind als Informationsquellen gefragt. Vor allem bei Jüngeren sind Zeitschriften, Sportstudios oder Bekannte immer weniger gefragt als Fitness-Ratgeber. Aber ist es eine gute Idee, sich mit Hilfe von Blogs zu informieren? Stimmt die Qualität?

          Die Zahl der Blogs jedenfalls steigt seit Jahren. Beliebt bei Bloggern sind Lifestyle-Themen wie Ernährung, Mode oder Neuigkeiten aus der digitalen Welt. Wie viele Blogs es genau sind, weiß niemand. Es gibt kein Verzeichnis, das alle erfasst. Und die Qualität? „Blogger sind in ihren jeweiligen Themenbereichen oft sehr kompetent. Es gibt nur wenige inhaltlich schlechte Blogs“, sagt Michael Schenk, Professor für Kommunikationswissenschaft und Sozialforschung an der Uni Hohenheim.

          Das Zimmer ein Mini-Fitnessstudio

          Der Anspruch steigt, wenn Fitness-Blogger als Trainer agieren, indem sie zum Beispiel Workout-Videos zum Nachmachen anbieten. Auch Woltmann hat auf Youtube Videos hochgeladen. Die Workouts stellt sie selbst zusammen: eine Mischung aus Yoga und hochintensivem Intervalltraining. Die Videos dreht sie bei sich zu Hause, in einem Zimmer, das wie ein Mini-Fitnessstudio ausgestattet ist. Es gibt dort einen großen Ball, Hanteln, einen Schwingstab und sogar einen Vibrationstrainer.

          Auf einem Sideboard steht ein kleines Stativ. Darauf befestigt Woltmann ihr Smartphone und startet die Video-Funktion. Sie setzt sich im Schneidersitz auf eine lilafarbene Trainingsmatte und spricht routiniert in die Kamera. „Hi, hier ist Kristin Woltmann von ,EatTrainLove‘. Ich habe heute ein neues Workout für euch mitgebracht.“

          Sie zeigt sechs Übungen, immer abwechselnd eine anstrengende und eine entspannende. Sie startet in der Brettposition mit aufgestellten Armen, zieht die Knie im Wechsel nach vorne, erst langsam, dann immer schneller, insgesamt 60 Sekunden lang. Woltmann ist ausgebildete Yoga-Lehrerin, sie weiß, wie man die Übungen richtig vormacht.

          Doch das ist nicht bei jedem Internet-Vorturner der Fall. Wenn dann noch ein untrainierter Einsteiger sehr anspruchsvolle Übungen nachmacht, wird es schwierig. Man kann dem Körper durch das Training auch schaden: „Wird das Bewegungssystem über einen längeren Zeitraum falsch oder übermäßig belastet, kann das zu Muskelverletzungen, Sehnen- und Bänderrissen oder Knorpelschäden führen“, warnt Professor Ingo Froböse, Leiter des „Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung“ der Deutschen Sporthochschule Köln.

          Jede Art der Bewegung ist besser als keine

          Besonders aufpassen sollte man bei Übungen in hohem Tempo und mit schweren Gewichten, da diese den Körper besonders belasten. Einsteigern fehlt in der Regel die Erfahrung, wie und in welcher Intensität die Übungen richtig ausgeführt werden. Froböse rät unerfahrenen Sportlern daher, generell Tempo rauszunehmen und die Übungen langsamer, aber dafür richtig auszuführen.

          Schmerzen sind ein eindeutiges Signal, eine Bewegung besser abzubrechen. Und noch einen Hinweis gibt es: „Achten Sie auf Reaktionen, die 18 bis 24 Stunden nach dem Training auftreten“, so Froböse. Rötungen, Wärme, eine Schwellung oder ganz leichte Schmerzen zum Beispiel im Knie- oder Ellbogengelenk sind ein Zeichen, dass beim Training etwas nicht richtig gelaufen ist.

          Spätestens dann sollte man sich mit einem Trainer oder erfahrenen Sportler zusammentun, der die Übungen passend dosiert und auf die richtige Ausführung achtet. Fortgeschrittene Sportler können sich dagegen laut Froböse in der Regel auf ihre Körperwahrnehmung verlassen. Sie merken, wenn eine Übung für sie zu extrem ist. Was man bei aller Diskussion über die Risiken aber nicht vergessen sollte: „Jede Art der Bewegung ist besser als keine Bewegung.“ Denn: „Was ungenutzt ist, verkümmert.“

          Tatsächlich ist Fachwissen nicht unbedingt entscheidend, wenn es um die Beliebtheit eines Blogs geht. Ein guter Schreibstil und eine ansprechende Optik sind wichtig. Fitness-Blogger sollen darüber hinaus motivieren und inspirieren können: „Ich will als Leser nicht wissen, wie ich einen Marathon laufe, sondern ich will dazu motiviert werden, einen zu laufen“, sagt Woltmann.

          Offenheit kommt an

          Wie kommt es, dass es Blogs gibt, die all das leisten und trotzdem von der Internetgemeinde weitgehend ignoriert werden, während andere eine begeisterte und treue Fangemeinde haben? Die Anzahl der Leser ist allerdings in der Regel für den Nutzer nicht ersichtlich. Die durchschnittliche Besucherzahl pro Blog liegt bei 1000 im Monat, darunter gibt es auch welche mit nur fünf Lesern.

          Der meistbesuchte Blog in Deutschland, der Technik- und Lifestyle-Blog „Caschys“, bringt es auf 1,8 Millionen. Gut gemachte Fitness- und Healthy-Lifestyle-Blogs liegen in der Regel im fünfstelligen Bereich, Kristin Woltmanns Blog hat zum Beispiel im Schnitt 63.000 Besucher im Monat.

          Es geht allerdings nicht nur um Besucherzahlen: „Entscheidend ist auch die Resonanz“, sagt Kommunikationsexperte Schenk. „Die erkennt man zum Beispiel daran, wie oft ein Blog in sozialen Netzwerken empfohlen oder weitergeleitet und wie oft er kommentiert wird.“

          Und wie schafft man das? „Heute leben Blogger davon, sich zu zeigen“, sagt Rebecca Randak, die in einer Berliner PR-Agentur viel Online-Erfahrung gesammelt hat und seit zweieinhalb Jahren den Yoga-Blog „Fuckluckygohappy“ mit betreibt. Offenheit kommt an bei den Lesern. Sie sehen, dass es anderen auch mal schlecht geht, und können sich identifizieren. „Es ist auf jeden Fall ein Erfolgsfaktor, wenn jemand bereit ist, viel von sich preiszugeben“, sagt Rebecca.

          Das Sachliche ist immer dasselbe, der Mensch und seine Geschichte sind entscheidend – das sehen auch erfolgreiche Fitness-Bloggerinnen wie Louisa Dellert von „Fit-Trio“ und Jenny Tondl von „Beingfitisfun“ so. Dabei geht es nicht um Perfektion, im Gegenteil: „Ein guter Fitness-Blog ist für mich vor allem eines nicht: perfekt. Denn kein Mensch ist das, und niemand sollte seinen Lesern etwas anderes vorspielen“, sagt Tondl.

          Alle erfolgreichen Bloggerinnen haben für ihre Blogs die persönliche, tagebuchartige Form gewählt. Sie grenzen sich damit deutlich von reinen Themenblogs oder von Fitnessmagazinen ab, in denen Fakten wie das neueste Bauch-Workout oder der Trainingsplan für den Halbmarathon dominieren. Die Uni Hohenheim hat herausgefunden, dass tagebuchartigen Blogs mehrheitlich von Frauen geschrieben werden, während bei reinen Themenblogs Männer in der Mehrzahl sind.

          Die Grenze zur Schleichwerbung ist fließend

          Wie nahe er die Leser an sich ranlässt, entscheidet jeder Blogger selbst. Bei Snapchat scheiden sich zum Beispiel die Geister. Mit Hilfe dieser App, die vor allem bei unter 25-Jährigen beliebt ist, kann man Fotos und Videos verschicken, die nach dem Ansehen automatisch gelöscht werden – oder tagebuchartig Fotos und Videos hochladen, die für jedermann einsehbar sind und nach 24 Stunden verschwinden. „Ich kenne Blogger, die nutzen Snapchat jeden Tag stundenlang“, erzählt Woltmann. „Manche veröffentlichen 50 Videos am Tag – schnell, authentisch, ungeschnitten – und fühlen sich wie Stars, die die Zuschauer an ihrem Leben teilhaben lassen.“ Ihr selbst wäre das zu viel Nähe.

          Ob mit oder ohne Snapchat – die enge Bindung an ihre Leser macht Blogger zunehmend interessant für die Marketingabteilungen großer Unternehmen, die dafür inzwischen oft eigene Etats bereitstellen. Blogger, auf der anderen Seite, investieren viel Zeit und zum Teil auch Geld in ihre Tätigkeit, sie arbeiten sich in die Technik ein, ins Fotografieren und ins Marketing. Es ist nachvollziehbar, dass sie sich diesen Aufwand zunehmend vergüten lassen wollen. Die Folge: Auf immer mehr Blogs gibt es inzwischen Werbung, zum Beispiel in Form von Anzeigen oder auch als bezahlte Beiträge.

          Tatsächlich kann man vom Bloggen mittlerweile gut leben: „Wir haben Blogger bei uns, die verdienen gut 5000 Euro im Monat“, sagt Simon Staib, einer der Gründer von „Blogfoster“, einem Berliner Start-up, das mit Hilfe einer Online-Plattform Werbekunden und Blogger zusammenbringt.

          Während Werbebanner in der Regel unproblematisch zu plazieren sind, wird es bei bezahlten Artikeln (den sogenannten Advertorials) schwierig. Denn bei denen handelt es sich um Werbung, die wie redaktioneller Inhalt aufgemacht ist. Die Grenze zur Schleichwerbung ist fließend. Dahinter steckt nicht unbedingt eine böse Absicht, sondern in vielen Fällen schlicht Unwissenheit.

          Glaubwürdigkeit und Authentizität zählen

          Dabei ist die Rechtslage klar: „Redaktionelle Inhalte und Werbung müssen so voneinander getrennt werden, dass es für die User klar ersichtlich ist“, sagt Thomas Schwenke, Rechtsanwalt mit Spezialgebiet Social-Media-Marketing. „Wenn ein Blogger Geld oder Zuwendungen erhält, mit der Verpflichtung, für etwas zu werben, dann muss er sich an diese Kennzeichnungsregel halten.“

          Im Klartext bedeutet das: Wer keine Abmahnung riskieren will, muss über den Blogpost das Wort „Anzeige“, „Werbung“ oder „Advertorial“ schreiben – und zwar so, dass man den Hinweis sieht, bevor man den Blogpost liest. In der Praxis verstoßen viele Blogger gegen diese Vorschrift: Manche Advertorials sind gar nicht gekennzeichnet, andere erst am Ende des Beitrags oder mit unklaren Begriffen. Verbreitet ist zum Beispiel der Vermerk „sponsored“. Ob das im Zweifelsfall vor Gericht ausreicht, weiß niemand.

          Auch für soziale Medien, über die die Inhalte weiterverbreitet werden, gilt: Das Wort „Werbung“ muss darüberstehen. Oder besser: müsste. „Ich habe noch nie gesehen, dass das jemand gemacht hat“, sagt Schwenke. Tatsächlich würde die Zahl der Leser dadurch drastisch sinken. Und das ist selten im Interesse der Unternehmen und Agenturen.

          Doch langsam scheint es einen Bewusstseinswandel zu geben: „90 Prozent der Kunden, die bei uns anfragen, wollen eine Kennzeichnung“, sagt Blogvermarkter Staib. Die zehn Prozent, die das nicht wollen, werden abgelehnt. Und auch manche PR-Agenturen werben inzwischen offensiv damit, dass Schleichwerbung für sie nicht in Frage kommt. Für die Leser heißt es aber dennoch aufpassen, wenn der neueste Sportschuh oder die Laufjacke im Blog präsentiert werden. Sportwissenschaftler Froböse warnt vor Formulierungen wie: „Der Eiweißshake der Firma XY hat mir geholfen.“

          Dabei ist es den meisten Bloggern wichtig, ihren Lesern gegenüber ehrlich zu sein und als glaubwürdig und authentisch wahrgenommen zu werden. Um das Vertrauen und die Erwartungen der Leser nicht zu enttäuschen, werben zum Beispiel viele nur für Produkte, die sie gut finden und die sie auch selbst verwenden würden.

          Wer jahrelang über Ernährung ohne Zusatzstoffe schreibt, kann nicht plötzlich für aromatisiertes Eiweißpulver werben, ohne von den Lesern abgestraft zu werden. Das ist gut und schön, doch zwei Probleme bleiben: „Die Blogger präsentieren Produkte, deren Qualität sie nicht kennen. Sie sind nicht objektiv, können die Spreu nicht vom Weizen trennen“, macht Sportwissenschaftler Froböse deutlich.

          Dass zur Fairness zudem auch und vor allem gehört, die Leser zu informieren, wenn für einen Artikel Geld geflossen ist, das scheint vielen Bloggern nicht klar zu sein. Dieser Herausforderung werden sie sich verstärkt stellen müssen, wenn sie langfristig Erfolg haben wollen. Gerade zum Jahresbeginn. Denn jetzt ist Hochsaison für Fitness-Blogger, zum Teil verdoppeln sich ihre Zugriffszahlen. Dann wird die Stille im Wald wieder magisch.

          Fitness-Blogs: Stimmt die Qualität?

          Wer ein Fitness-Blog nur liest, um sich für den nächsten Besuch im Fitnessstudio oder die Laufrunde zu motivieren, muss sich nicht allzu viele Gedanken machen. Wer dagegen auch Workouts von Bloggern nachmacht, sollte genauer hinsehen – vor allem als Anfänger:

          1. Passt der Blog zu mir? Welches Fitness-Niveau und welche Altersgruppe werden angesprochen?
          2. Ist die Beschreibung der Übungen verständlich? Wird auf mögliche Fehlerquellen hingewiesen? Sind die Übungen gut zu erkennen? Werden sie aus unterschiedlichen Perspektiven gezeigt?
          3. Weist der Blogger auf gesundheitliche Risiken hin, beziehungsweise erläutert er Ausschlusskriterien?
          4. Welche Ausbildung/Weiterbildung hat der Blogger? Studium oder A-Lizenz sind das Optimum.
          5. Ist der Blogger als Trainer tätig bzw. selbst sportlich aktiv, oder gibt er nur theoretisches Wissen weiter?

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