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Langes Eheglück : Ich bin viel du geworden

  • -Aktualisiert am

Wie ein Baum, den man nicht so leicht herausreißen kann: die Ehe von Irmgard und Dieter Fath. Sie sind seit 47 Jahren verheiratet. Bild: Röth, Frank

Wie funktioniert das mit der Liebe zu einem anderen Menschen, die ein Leben lang hält? Unser Autor trifft vier Paare, die es wissen müssten. Oder nicht?

          14 Min.

          Sich auf immer Liebe schwören – das gehört zu den aufregendsten Dingen, die man tun kann. Ähnlich wie Fallschirmspringen oder Freiklettern, könnte man sagen. Die Liebe ist ein Zauber des Augenblicks, etwas, das uns für einen Moment aufs Heftigste bewegt und dann allmählich abklingt. Als „ewige“ ist sie ein Mythos. In der Ehe, so eine alte These, ist Liebe nicht möglich. Der Fallschirmspringer ist irgendwann unten. Der Kletterer hat irgendwann den Gipfel erreicht. Ehen werden zur Routine oder geschieden. Das sagt auch die Statistik.

          Doch da ist eine Dunkelziffer, eine gar nicht so kleine Zahl an Paaren, die im Anschluss an das Jawort statistisch nicht mehr auffällig werden, die der Tod scheidet, kein Richter. Schade eigentlich, dass keine Erhebung verrät, wie viele von ihnen sich bis zum Schluss geliebt haben. Irgendwer sollte darüber Buch führen. Denn vermutlich, weil es einfacher ist, die Geschiedenen zu befragen als die Toten, hört man darüber recht wenig. Bleiben also die Lebenden, diejenigen, die schon „fast ewig“ verheiratet sind. Haben sie – im Gegensatz zu den Geschiedenen – ein Geheimnis? Eine Glücksformel, die sie, ohne sich dessen bewusst zu sein, gefunden haben?

          Der Schauspieler Siegfried Rauch und seine Frau Karin, 50 Jahre verheiratet, der Psychoanalytiker und Bestsellerautor Irvin Yalom und seine Frau Marilyn, 60 Jahre verheiratet, das Ehepaar Irmgard und Dieter Fath, 47 Jahre verheiratet, das Ehepaar Annemarie und Josef Gold, 59 Jahre verheiratet, stellten sich der Neugier eines Journalisten, dessen Ehe nach zwei Jahren geschieden wurde.

          Unerträglich, der Gedanke, voneinander getrennt zu sein: Josef und Annemarie Gold, seit 59 Jahren verheiratet.

          „Ich merke, worauf Sie hinauswollen“, winkt Josef Gold ab, „mit diesem Artikel, den Sie über Achtzigjährige schreiben, die so lange verheiratet sind. Sie wollen wissen, was man tun muss, um so lange miteinander glücklich zu sein. Aber da machen sie sich viel zu viel Arbeit. Die Antwort ist: Da gibt es kein Rezept.“

          Auch aus seiner langjährigen Erfahrung als Psychotherapeut nimmt Irvin Yalom dem Projekt „Glücksformel“ erst einmal den Wind aus den Segeln: „Ehen sind genauso individuell wie Eheleute. Wenn ich mit ihnen arbeite, sind es auch nur die offensichtlichen Handlungsweisen, die sich verallgemeinern lassen. Zum Beispiel, ob man sich für die Gefühle des anderen interessiert, ob man sich gegenseitig respektiert und Sorge füreinander trägt.“

          Yalom nennt einige der Zeichen, an denen man Liebe erkennt: Toleranz, Respekt, Verantwortungsgefühl und so weiter. Wahrscheinlich deshalb, weil sie das Offenkundige sind, zielen die ersten (und meist auch nervigsten) Ratschläge auf sie ab, wenn man die Liebe verliert und nach ihr sucht: „Du musst toleranter sein, du musst mehr Mitgefühl zeigen.“ Das lässt sich bis ins Lächerliche weitertreiben: „Du musst ihr halt auch ab und zu ein paar Blumen mitbringen.“ Das können keine Rezepte sein, schon weil man all das in einer Ehe ja erst aus Liebe tut. Und wenn man es nicht aus Liebe tut, sondern aus der Pflicht, in einer Ehe Zeichen der Liebe setzen zu müssen, dann können solche Zeichen auch nicht helfen, die Liebe zu finden.

          Karin Rauch lernte Siegfried 1956 kennen, da war sie 16 Jahre alt, er 24. „Ich war ganz wild auf Tanzen, und meine ältere Schwester nahm mich oft mit ins Staffelseehotel, wo Siggi als Gitarrist in einer Band spielte. Manchmal wollte meine Schwester früher gehen als ich, und sie bat dann Siggi, mich nach Hause zu bringen. Er schob sein Rennrad neben mir her. Er kannte all die Texte der amerikanischen Schlager auswendig. Einmal fragte ich ihn, ob er noch reinkommen wolle auf ein Glas Milch und ein Stück Hefezopf.“

          Ehe ist Arbeit, man arbeitet viel aneinander und miteinander: Karin und Siegfried Rauch sind seit 50 Jahren verheiratet.

          Siegfried zeigte sich beeindruckt: „In dem Alter war die drängendste Frage, wie man weiterkommt, wenn man mit einem Mädchen vor der Tür steht. Was ist das Zauberwort? Karin lud mich, bevor ich den Mund aufmachen konnte, ein.“

          Acht Jahre später heirateten sie. Aber oft war Siegfried weg, zum Beispiel für einen Film mit Hollywood-Star Steve McQueen 1970 etwa fünf Monate lang. „Der Beruf des Schauspielers verträgt sich nicht gut mit dem Eheleben“, gibt Siegfried zu. 1973, als ihr erster Sohn drei Jahre alt war, kaufte Siegfried einen alten Bauernhof.

          Karin: „Es gab kein Bad, kein warmes Wasser, nur ein Plumpsklo hinterm Haus. Siggi sagte, beides auf einmal schaffen wir nicht, den Hof kaufen und ihn herrichten. Dazu reicht das Geld nicht. Wir mussten das Haus in dem Zustand beziehen, wie es war, und konnten es erst nach und nach renovieren. Während Siggi in irgendeiner Hotelsauna saß und dem Filmteam erzählte, er habe einen Bauernhof in Oberbayern, fror ich in dieser kalten und halb verrotteten Bude. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis wir das Bad gebaut hatten.“

          Siegfried: „Der erste Winter war sehr hart für Karin. Ich hatte den Hof im Sommer gekauft und schlichtweg nicht daran gedacht, wie es hier im Winter sein würde.“

          Karin: „Dadurch, dass Siggi häufig weg war, hatte ich die Kinder oft allein. Wenn er dann nach Hause kam, wollte er die Kinder umso mehr verwöhnen. Wenn ich nein sagte, sagte er oft ja. Das machte mich manchmal schon sauer.“

          Ehe nicht nur als Bekenntnis sehen, sondern als Prozess: Marilyn und Irvin Yalom sind seit 60 Jahren verheiratet.

          Inzwischen sind die Kinder verheiratet und aus dem Haus, dafür ist Siegfried die meiste Zeit da. Mit dem Alter hat sich das Eheleben der Rauchs verändert. Jetzt hätte man viel Gelegenheit, sich an den Eigenheiten des anderen zu reiben, von denen man früher gar nicht so viel mitbekam. Der kalte Pfeifenrauch in der Stube, das liegengelassene Hemd, als lebte man immer noch im Hotel. Aber Karin und Siegfried arbeiten daran und finden genauso auch neue Gelegenheit für kleine Zärtlichkeiten.

          Siegfried: „Ich stehe wesentlich früher auf als Karin. Sie hat niedrigen Blutdruck und braucht ein bisschen, bis sie in Schwung kommt. Ich zähle dann die Stunden, bis ich ihr den Kaffee ans Bett bringen kann.“

          Voneinander getrennt zu sein, auch nur für kurze Zeit – das wäre für Annemarie und Josef Gold unerträglich. Nur einmal, vor vielen Jahren, fuhr sie allein mit den Kindern für eine Woche nach Trier. „Danach sagte ich, das machen wir nie wieder“, lacht Josef. Und es scheint, verliebt waren die Golds nie, sondern erst einmal unzertrennlich und dann verheiratet.

          Annemarie und Josef lernten sich 1953 kennen, da war er 28, sie 26.

          Josef: „Ich kam neu als Abteilungsleiter in ein Institut für Industriefinanzierung, und eine meiner Angestellten war das hübsche Fräulein Marxen. Sie hatte eines Tages die Idee, sich eine Lambretta zu bestellen, einen Motorroller der Firma NSU, für die wir auch Finanzierungen machten. Dadurch bekamen wir sie etwas günstiger. Mit den Worten ,Warum kaufst du dir nicht auch eine, du kannst das doch?‘ überredete sie mich, es ihr gleichzutun. Und danach lag es nahe, dass wir auch gemeinsame Ausflüge machten.“

          Annemarie: „Das zwischen uns war keine Liebe auf den ersten Blick. Wir dachten gar nicht daran. Gerade weil wir eine sehr kameradschaftliche Beziehung hatten und viel zusammen lachten.“

          Josef: „Auch die Vorstellung, sich zu küssen, brachte uns nur zum Lachen. Nur die Kollegen – da verglich einer den Kilometerstand unserer Lambrettas, wenn wir sie morgens im Hof abstellten.“

          Annemarie: „Aber wir begannen, uns in der Zeit zu vermissen, die wir nicht miteinander verbrachten. Irgendwann haben wir uns gegenseitig das Herz ausgeschüttet.“

          Zwei Jahre nach ihrer ersten Bekanntschaft heirateten Annemarie und Josef, zu diesem Zeitpunkt hatten sie einen der beiden Motorroller verkauft.

          Josef: „Wir setzten uns auf die verbliebene Lambretta und fuhren nach Rom. Das war unsere Hochzeitsreise.“

          Annemarie: „Fünf Wochen waren wir unterwegs.“

          Ein intaktes Familienleben als Elixier für eine gute Ehe

          Noch im gleichen Jahr kam ihr Sohn zur Welt, doch da es zehn Jahre nach Kriegsende schwierig war, in Frankfurt eine intakte Wohnung zu finden, lebten die Golds anfangs getrennt. Als 1957 ihre Tochter unterwegs war, konnten sie in eine Firmenwohnung ziehen, die sein Arbeitgeber ihm zuteilte. Von null auf hundert ins Familienleben zu springen, das hätte für ein junges Liebespaar, das vorher noch nicht zusammengelebt hatte, eine Bewährungsprobe sein müssen. Josef und Annemarie streiten das ab.

          Josef: „Ich kann nicht sagen, dass die Kinder unser Zusammensein verändert haben.“

          Annemarie: „Der Spaß, den wir zu zweit gehabt hatten, den hatten wir jetzt zu viert. Die Kinder standen bei uns im Mittelpunkt, aber bei uns beiden. Keiner von uns musste sich vernachlässigt fühlen.“

          Josef: „Einmal spielte ich mit den Kindern Zirkuspferd, und als ich sie absetzte, riefen sie Mama soll auch reiten. Also nahm ich Annemarie auf die Schultern. Da klingelte es an der Türe. Schnell setzte ich Annemarie auf dem halbhohen Geschirrschrank ab und öffnete. Es war die Nachbarin. Sie sah Annemarie an, die auf dem Schrank saß, dann mich. Dann fragte sie: Alles in Ordnung?“

          Bis heute hat sich das Eheleben der Golds kaum verändert. Den Platz, den früher die eigenen Kinder einnahmen, füllen jetzt die Enkel und die Nachbarskinder aus, die häufig vorbeischauen. Man möchte zweifeln, ob sie wirklich ein Liebespaar sind oder einfach nur zwei gesellige Menschen, die sich gefunden haben. Aber das sehen sie anders. Man müsse zwischen Verliebtsein und Liebe unterscheiden, sagen sie.

          Annemarie: „Unser Sohn ist geschieden, unsere Tochter ist verheiratet und hat zwei Kinder. Auch die Enkel sind mit uns groß geworden. Ich denke, wenn unser Sohn mit seiner Frau Kinder gehabt hätte, wären sie sicher auch noch zusammen. Irgendwann muss das Liebespaar zur Familie werden, als erreichte die Liebe eine neue Stufe. Kinder machen auch aus dem Liebespaar etwas Neues, Eltern.“

          Man meint, das sagten die Golds, weil sie im „Wir“ und in der Familie so vollständig aufgegangen sind, weil sie regelrecht verschmolzen sind.

          Liebe wächst erst und wandelt sich

          Aber die Rauchs, deren Ehe so ganz anders verlief, teilen diese Ansicht.

          Karin: „Das ist eine ganz andere Liebe, die daraus entsteht, dass man so viel miteinander erlebt und miteinander geteilt hat – und auch, dass man Streit zusammen durchgestanden hat. Es gab eine Phase, da waren wir so sehr verliebt, dass es belastend war. Es hatte etwas Weinerliches. Wenn Siggi wegfuhr und ich stand am Zug, fühlte ich mich ganz elend. Beim Briefeschreiben, beim Telefonieren schwang immer Melancholie mit. Das war so unfrei. Das ist inzwischen ganz anders, ruhiger und ausgeglichener.“

          Liebe – daran halten lang verheiratete Paare fest – wächst erst und wandelt sich, sie steht nicht am Anfang. Das Verliebtsein des Anfangs hat mit richtiger Liebe nichts zu tun. Andererseits tun sie sich schwer, zu benennen, was das nun genau ist, die richtige Liebe. Etwas, was allmählich wächst und stark macht – zur Glücksformel taugt das noch nicht.

          Aber auch die Yaloms halten bloßes Verliebtsein für wenig tragfähig. Marilyn, genauso wie ihr Ehemann erfolgreiche Buchautorin und Wissenschaftlerin, sieht Liebe als Prozess: „Die romantisch-erotische Liebe ist immer verletzlicher und zeitlich begrenzt. Wenn es einem nicht gelingt, Leidenschaft zu einem nachhaltigen Interesse füreinander weiterzuentwickeln, dann geht auch nach und nach die Empathie füreinander verloren. Ehe ist nicht nur ein Bekenntnis, sie ist ein Prozess. Und dieser Prozess läuft nicht von selbst ab, sondern er erfordert Engagement.“

          Man könnte sagen, anders als beim Fallschirmspringen ist das eigentliche Abenteuer der Liebe das, was nachher kommt, nach der Landung sozusagen – das „Wir“. Wie dieses „Wir“ beschaffen sein muss – dazu gibt es auch viele Rezepte. Manche sagen, man muss viele gemeinsame Interessen haben, sonst trägt dieses „Wir“ nicht. Manche sagen, dieses „Wir“ muss Raum lassen für das Ich, sonst beengt es.

          Beides scheint auf die Yaloms zuzutreffen. Irvin sah Marilyn das erste Mal am College, und damals, mit 17, so erzählt er, habe er bereits mit seinen Kameraden gewettet, dass Marilyn einmal seine Frau werde. Sie heirateten 1954, da war sie 22 und er 23. Irvin verbrachte viel Zeit in der Bibliothek, las deutsche Philosophen, Marilyn wollte die Welt entdecken und reiste viel. Marilyn hatte Erfolg als Historikerin („Eine Geschichte der Brust“, „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“), Irvin wurde einer der bedeutendsten Psychoanalytiker Amerikas (aktueller Kinofilm: „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“).

          Auf den ersten Blick haben Marilyn und Irvin ein gemeinsames Interesse, die Wissenschaft. Aber er ist Arzt und sie ist Historikerin. Sie mag französische Filme, er mag Sportsendungen. Und mehr noch, beide sind selbstbewusst, haben ihren eigenen Kopf. Was verbindet sie wirklich seit 60 Jahren?

          Marilyn: „Ehe ist wie ein Tanz. Man dreht sich in die eine Richtung, dann in die andere Richtung. Manchmal eilte Irv voraus und ich musste ihn einholen, dann eilte ich voraus, und er holte mich ein.“

          Irvin: „Was meinst du mit dem Bild, vorauszueilen?“

          Marilyn: „Als Teenager, zum Beispiel, war ich sicherer, wusste, was ich will, und du warst noch auf der Suche. Ich hatte mein Zimmer auf dem College, und du wohntest bei deinen Eltern. Zu dieser Zeit war ich zwei Schritte voraus. Dann machtest du wissenschaftlich Karriere, wurdest Universitätsprofessor und hattest Bewunderer. Meine wissenschaftliche Karriere verlief nicht so fulminant, da blieb ich zunächst zurück.“

          Kontinuierliches und dynamisches „Wir“

          Wenn Menschen sich weiterentwickeln, so ändern sich auch ihre Interessen. Wären gemeinsame Interessen eine Bedingung für glückliches Zusammenleben, dann müsste die Ehe dabei hinderlich sein, sich als Individuum weiterzuentwickeln. Aber das Gegenteil ist bei Irvin und Marilyn der Fall. Sie brauchen offenbar nur ein fundamentales gemeinsames Interesse, das Interesse füreinander. Das ist Empathie, die Fähigkeit, auf den anderen einzugehen. Sie ermöglicht, dass man immer wieder neue Gemeinsamkeiten finden kann, auch wenn man sich individuell verändert.

          Während das „Wir“ der Golds ein sehr kontinuierliches ist, ist das „Wir“ der Yaloms ein dynamisches. Während die Golds Abstand voneinander wie eine Verletzung wahrnehmen, brauchen ihn die Yaloms, um einander Inspiration zu sein. Während die einen darauf achten, sich in der Ehe Freiheit zu lassen, finden andere sie gerade dort. Bei Irmgard und Dieter Fath war das so. Und auch wenn ihre Ehe wiederum von ganz anderen Motivationen zeugt, so beschreiben die Faths ihre Liebe exakt so wie die Paare zuvor – als gewachsen und fest.

          Irmgard: „Unsere Liebe ist wie ein Baum, den man nicht so leicht herausreißen kann. Liebe muss Wurzeln bekommen. So empfinde ich es, als umfassend und fest. Das Verliebtsein ist etwas Unstetes, mal so, mal so. Sein Reiz ist das Ungewisse – liebt er mich, liebt er mich nicht? Wie ein Schmetterling.“

          Dieter: „Aber Liebe erreicht nach vielen Jahren eine ganz andere Dimension.“

          Irmgard und Dieter Fath lernten sich 1965 auf einer Skifreizeit in Madonna di Campiglio kennen.

          Irmgard: „Dieter wachste meine Ski, da muss es wohl passiert sein.“

          Als sie zwei Jahre später heiraten wollten, gab es erste Probleme.

          Imrgard: „Dieters Mutter verlangte, dass ich zum katholischen Glauben konvertiere. Das war für mich schwer. Ich empfand diese Bedingung als hart und unfair. Mein Vater war Schuldirektor, und ich kannte es von zu Hause, dass hin und wieder der katholische Pfarrer und hin und wieder der evangelische Pfarrer zum Essen kam. Als Dieters Mutter sagte: ,Nein, ausgeschlossen, nur katholisch‘, da war ich wie vor den Kopf gestoßen.“

          Dieter: „Für uns beide, Irmgard und mich, ist der Glaube sehr wichtig. Aber nicht so, als Frage der Konfession. Wir gehen in jede Kirche mit der gleichen Freude, Christ zu sein. Meine Eltern brachten es aber immer wieder dahin, dass ich mich entscheiden sollte, ob ich nun zu ihnen halte oder zu Irmgard. Ich glaube, unsere Beziehung wäre damals aufgerieben worden, wenn ich mich zwischen die Stühle gesetzt und versucht hätte, da eine Annäherung zu erzielen. Stattdessen habe ich mich auf die Seite Irmgards gestellt. Monatelang herrschte Funkstille.“

          Schwierigkeiten der Heirat und des Glaubens

          Irmgard: „Ich bin dann konvertiert. Es hat meine Liebe zu Dieter ja nur bestärkt, als ich sah, welchen Druck seine Eltern auf ihn ausübten und wie er zu mir hielt.“

          Damit war die Sache aber noch nicht ausgestanden. Dieter war als Einzelkind aufgewachsen, und seine offenbar sehr besitzergreifende Mutter entwickelte eine immer stärkere Eifersucht gegen Irmgard.

          Irmgard: „Anfangs haben wir sie noch gemeinsam besucht und im Garten mitgeholfen, die Fenster geputzt. Aber alles, was ich tat, war falsch und schlecht. Ich ging zu einer Seelsorge, und die Schwester meinte, ich solle den Kontakt zu meiner Schwiegermutter abbrechen. Das tat mir gut.“

          Zusammen fanden Irmgard und Dieter Freiheit in dem, was ihnen beiden wichtig war, im Glauben. So bildete sich das tiefe Vertrauen aus, das sie heute für einander empfinden.

          Dieter: „Beobachten wir heute Engstirnigkeit bei unseren Kindern, oder verhalte ich mich so, heißt es bei uns: ,Typisch Fath.‘ Das reicht eigentlich schon. Dann sagt man zu sich, so will ich gar nicht sein, wie meine Mutter. Der Ehepartner ist da wie ein Korrektiv. Er erinnert einen, wer man selbst sein will. Gerade im Alter ist das wertvoll. Das ist etwas, was zur Liebe dazugehört. Nicht, dass man sich gegenseitig steuert, aber doch zum Nachdenken bringt: Wer will man sein, wie will man sein?“

          Wenn Dieters Mutter einen Keil zwischen ihn und Irmgard treiben wollte, so hat ihr Verhalten auf lange Sicht das Gegenteil bewirkt. Weil durch diese prägenden Erlebnisse ihnen das auch sehr bewusst ist, können die Faths vielleicht helfen, genauer zu fassen, was diese „richtige“, die gewachsene und feste Liebe ist. Denn offenbar spielt die Bereitschaft, sich durch den anderen verändern zu lassen, dabei eine große Rolle. Und diese Bereitschaft findet nur, wer Vertrauen hat.

          „Ich bin viel du geworden, und du bist viel ich geworden“, sagt auch Annemarie Gold. Selbst wenn man nicht so vollkommen miteinander verschmelzen muss wie die Golds, so liegt doch eine Bedingung ewiger Liebe in diesem Satz. Man muss sich in das „Wir“ fallen lassen können. Das fällt auch bei den anderen Paaren auf, dass der einzelne sorglos um sich selbst ist. Nicht als gäbe man etwas von sich ab, indem man sich auf den anderen einlässt, sondern als würde man bestärkt: das „Wir“ als Zugewinn.

          Siegfried Rauch sagt: „Das ist ja das Schöne daran. Man lernt, was man selbst dazutun kann, um miteinander glücklicher zu sein als allein für sich. Das ist ein Gefühl, das viele gar nicht kennen. Die streiten sich zwei-, dreimal, und dann rennen sie auseinander. Dann findet man die Nächste oder den Nächsten, streitet wieder und gibt wieder auf. Auf diese Weise macht man nie die Erfahrung, wie sich das anfühlt, ein gemeinsames Dasein aufzubauen.“

          Karin: „Auch wenn man im Augenblick denkt, das halte ich nicht aus, das ertrage ich keine Minute länger, ich muss hier weg – von solchen Gefühlen darf man sich nicht überwältigen lassen.“

          Vertrauen ist nur die eine Hälfte der Formel

          Vertrauen ist aber eben nur die eine Hälfte der Formel. Karin Rauch deutet schon an, dass Vertrauen auch mal enttäuscht werden kann. Auch diese langen Ehen sind nach fünfzig, sechzig Jahren keineswegs immun gegen Verletzungen. Damit Liebe in Gang kommt, muss etwas das Vertrauen immer wieder erneuern. Man kann sich in das „Wir“ nur fallen lassen, wenn man auch weiß, man ist dort gut aufgehoben. Dieses Aufgehobensein kommt nicht von selbst. Deshalb sagt Karin Rauch, Ehe sei Arbeit, man arbeite viel aneinander und miteinander.

          Annemarie Gold erklärt das so: „Man kann keinen Alleingang machen, was das gemeinsame Leben betrifft. Auch wenn wir tagsüber eine Meinungsverschiedenheit hatten – wir beten abends zusammen und das heißt auch füreinander. Egal, wie sehr wir uns gestritten haben, wir gehen keinen Abend ins Bett, ohne dass wir uns wieder gut sind.“Mag sein, dass jedes Paar da andere Rituale entwickelt hat. Aber immer ist da ein „Ich sorge mich um dich“ wie ein Echo auf das „Ich vertraue dir“.

          Das ermöglicht diesen Paaren, Konflikte in den Griff zu bekommen. Bei Dieter und Irmgard Fath ist das so eingespielt, dass sie auf Anhieb gar nicht sagen können, wie das bei ihnen funktioniert, sich bei Meinungsverschiedenheiten zu einigen.

          Dieter: „Viel verhandeln müssen wir nicht. Wir kennen uns ja nun eine Weile und sind mit den Bedürfnissen des anderen vertraut. Zum Beispiel meine ich, wir beschäftigen uns den großen Teil unserer Zeit mit anderen und haben oft zu wenig Zeit für die Zweisamkeit. Wenn ich sage, komm, lass uns das Wohnmobil nehmen und wegfahren, sagt Irmgard, ja, aber nehmen wir die Enkel mit, das macht ihnen bestimmt auch Spaß. Dann ist das erst einmal entgegengesetzt zu dem, was ich im Sinn hatte.“

          Irmgard: „Das sind die ersten Gedanken. Mein erster Gedanke ist es, mit den Enkeln wegzufahren. Dieters erster Gedanke ist es, zu zweit wegzufahren. Der zweite Gedanke gilt dann aber schon dem anderen. Wir kennen uns so lange, dass wir wissen – wir sind da verschieden. Das heißt, mit dem zweiten Gedanken arbeiten wir schon aufeinander zu. Man ist in Gedanken bei sich, dann beim anderen.“

          Ehen sind so individuell wie Eheleute

          Das ist etwas, das immer wieder neu geleistet werden muss. Deshalb stimmt es, was Annemarie Gold sagt, über das Du-Werden des Ich. Deshalb sagen auch alle Paare, ihre Liebe sei etwas lang Gewachsenes.

          Die Rauchs waren lange verliebt und ließen sich viel Zeit mit dem heiraten, die Golds heirateten recht schnell und hatten eigentlich keine Phase des Verliebtseins. Die Rauchs vermissten sich oft, die Golds und die Faths wichen einander so gut wie nie von der Seite, während die Yaloms viel Freiraum brauchen. Die einen rückten die Kinder in den Mittelpunkt ihres Lebens, die anderen nicht. Die eine Ehe war von großen Veränderungen geprägt, die andere war wie ein ruhiger Fluss. Deswegen spricht Psychotherapeut Irvin Yalom davon, Ehen seien genauso individuell wie Eheleute.

          Aber da ist auch etwas, was diese vier Paare gemeinsam haben. In der Art und Weise, wie sie miteinander umgehen. Empathie und Vertrauen – eine Dynamik, in der Liebe wächst. Wer an so was glaubt, findet hier vielleicht sogar die gesuchte „Glücksformel“. Funktioniert dieses Wechselspiel, dann bleibt wohl das meiste, was auf der Ebene der Ehe- und Lebensführung geschieht, ohne Einfluss auf die Liebe. Wenn sich die gemeinsamen Interessen ändern, weil man manches nicht mehr mag oder kann, wenn man nach Jahren zusammenzieht und vorher getrennt war, selbst wenn sich die Lebensumstände gravierend verändern, etwa durch Krankheit – das scheint diese Ehen überhaupt nicht anzufechten.

          Etwa, wenn Dieter Fath nachdenklich wird: „Nach meiner Prostataoperation hat sich unser Eheleben schon verändert...“ Und seine Frau entschieden gegen das Gegrübel aufbegehrt: „Unsere Liebe, die Empfindung füreinander, hat das überhaupt nicht beeinflusst! Wir können heute viele Dinge nicht mehr tun, die wir früher taten. Wenn man jung ist, lässt man sich davon noch beeindrucken. Wie gut du damals Ski gefahren bist, und du hattest auch mehr Haare auf dem Kopf. Was soll’s, wenn die Äußerlichkeiten von früher verschwunden sind. Die Wertschätzung füreinander ist geblieben.“

          Diese Ehen sind alle sehr alt, gehören, wenn man so will, einer anderen Generation an. Was da gewachsen ist, wuchs über 50 und mehr Jahre. Sind die Bedingungen der Gegenwart nicht andere? Es heißt oft, die Ehe sei ein Auslaufmodell. Aber das ist auch nur eine Spekulation. Wenn man wissen will, was die Ehe taugt, muss man in die Vergangenheit schauen. Was die Ehen taugen, die heute geschlossen werden, wissen wir ja noch nicht. So mag der Eindruck entstehen, lebenslange Liebe, das gab es nur unter denen, die vor uns lebten. Ob es heute wirklich nicht mehr möglich ist, sich ein Leben lang zu lieben? Keine Ahnung. Jemand sollte das ausprobieren.

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