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Langes Eheglück : Ich bin viel du geworden

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Liebe – daran halten lang verheiratete Paare fest – wächst erst und wandelt sich, sie steht nicht am Anfang. Das Verliebtsein des Anfangs hat mit richtiger Liebe nichts zu tun. Andererseits tun sie sich schwer, zu benennen, was das nun genau ist, die richtige Liebe. Etwas, was allmählich wächst und stark macht – zur Glücksformel taugt das noch nicht.

Aber auch die Yaloms halten bloßes Verliebtsein für wenig tragfähig. Marilyn, genauso wie ihr Ehemann erfolgreiche Buchautorin und Wissenschaftlerin, sieht Liebe als Prozess: „Die romantisch-erotische Liebe ist immer verletzlicher und zeitlich begrenzt. Wenn es einem nicht gelingt, Leidenschaft zu einem nachhaltigen Interesse füreinander weiterzuentwickeln, dann geht auch nach und nach die Empathie füreinander verloren. Ehe ist nicht nur ein Bekenntnis, sie ist ein Prozess. Und dieser Prozess läuft nicht von selbst ab, sondern er erfordert Engagement.“

Man könnte sagen, anders als beim Fallschirmspringen ist das eigentliche Abenteuer der Liebe das, was nachher kommt, nach der Landung sozusagen – das „Wir“. Wie dieses „Wir“ beschaffen sein muss – dazu gibt es auch viele Rezepte. Manche sagen, man muss viele gemeinsame Interessen haben, sonst trägt dieses „Wir“ nicht. Manche sagen, dieses „Wir“ muss Raum lassen für das Ich, sonst beengt es.

Beides scheint auf die Yaloms zuzutreffen. Irvin sah Marilyn das erste Mal am College, und damals, mit 17, so erzählt er, habe er bereits mit seinen Kameraden gewettet, dass Marilyn einmal seine Frau werde. Sie heirateten 1954, da war sie 22 und er 23. Irvin verbrachte viel Zeit in der Bibliothek, las deutsche Philosophen, Marilyn wollte die Welt entdecken und reiste viel. Marilyn hatte Erfolg als Historikerin („Eine Geschichte der Brust“, „Wie die Franzosen die Liebe erfanden“), Irvin wurde einer der bedeutendsten Psychoanalytiker Amerikas (aktueller Kinofilm: „Yaloms Anleitung zum Glücklichsein“).

Auf den ersten Blick haben Marilyn und Irvin ein gemeinsames Interesse, die Wissenschaft. Aber er ist Arzt und sie ist Historikerin. Sie mag französische Filme, er mag Sportsendungen. Und mehr noch, beide sind selbstbewusst, haben ihren eigenen Kopf. Was verbindet sie wirklich seit 60 Jahren?

Marilyn: „Ehe ist wie ein Tanz. Man dreht sich in die eine Richtung, dann in die andere Richtung. Manchmal eilte Irv voraus und ich musste ihn einholen, dann eilte ich voraus, und er holte mich ein.“

Irvin: „Was meinst du mit dem Bild, vorauszueilen?“

Marilyn: „Als Teenager, zum Beispiel, war ich sicherer, wusste, was ich will, und du warst noch auf der Suche. Ich hatte mein Zimmer auf dem College, und du wohntest bei deinen Eltern. Zu dieser Zeit war ich zwei Schritte voraus. Dann machtest du wissenschaftlich Karriere, wurdest Universitätsprofessor und hattest Bewunderer. Meine wissenschaftliche Karriere verlief nicht so fulminant, da blieb ich zunächst zurück.“

Kontinuierliches und dynamisches „Wir“

Wenn Menschen sich weiterentwickeln, so ändern sich auch ihre Interessen. Wären gemeinsame Interessen eine Bedingung für glückliches Zusammenleben, dann müsste die Ehe dabei hinderlich sein, sich als Individuum weiterzuentwickeln. Aber das Gegenteil ist bei Irvin und Marilyn der Fall. Sie brauchen offenbar nur ein fundamentales gemeinsames Interesse, das Interesse füreinander. Das ist Empathie, die Fähigkeit, auf den anderen einzugehen. Sie ermöglicht, dass man immer wieder neue Gemeinsamkeiten finden kann, auch wenn man sich individuell verändert.

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