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Dann legen sie sich in einen Kreis auf die Laken, ihre Köpfe berühren einander, die Körper sind in den Raum gestreckt, von oben sehen sie aus wie ein Seestern

Befreit das Begehren!

Dann legen sie sich in einen Kreis auf die Laken, ihre Köpfe berühren einander, die Körper sind in den Raum gestreckt, von oben sehen sie aus wie ein Seestern


Vielleicht ist es das, was feministischen Porno ausmacht:
Er zeigt Sex, in dem achtsam miteinander umgegangen wird – was nicht heißt, dass er nicht brutal sein darf.

30.10.2019

Text: CAROLIN WIEDEMANN

Fotos: ADRIÀ CAÑAMERAS

Sechs nackte Frauen stehen in einem leeren hellen Raum, der Boden ist mit weißen Laken bedeckt, nichts hat Bedeutung außer den Körpern der Frauen, in ihren unterschiedlichen Formen, Farben und Behaarungen. Die Frauen sprechen in die Kamera, erklären auf Spanisch und Englisch, welche Rolle Selbstbefriedigung für sie spielt, seit wann sie masturbieren und wie. Dann legen sie sich in einen Kreis auf die Laken, ihre Köpfe berühren einander, die Körper sind in den Raum gestreckt, von oben sehen sie aus wie ein Seestern. Sie beginnen sich jeweils selbst zu streicheln, zu berühren, beginnen zu stöhnen, zu zucken, zu lachen, drehen schließlich ihre Köpfe, ihre Blicke zueinander, zur Frau links, zur Frau rechts, grinsen, fangen an, nach dem Körper neben sich zu tasten, bis sie sich wechselseitig küssen, ineinander verflechten, sich verheddern und juchzen, voneinander herunterfallen und wieder aufeinanderklettern.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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„Female Pleasure Circle“ heißt der Film der Regisseurin und Produzentin Erika Lust, die als Pionierin feministischer Pornos berühmt wurde. Er läuft in diesem Jahr auf verschiedenen Festivals und in ausgewählten Programmkinos und führt sehr schön vor, worum es in Erika Lusts Arbeit geht: um das sexuelle Vergnügen von Frauen, vor der Kamera und auf Seiten der Zuschauerinnen. Um die Befreiung der Lust der Frauen und um die Repräsentation dieser Befreiung – und damit geht es in ihrem Porno gleichzeitig um die Befreiung des Begehrens im Allgemeinen.


In keinem anderen Genre wird das Geschlechterverhältnis noch so einschränkend, so patriarchal, also stereotyp und hierarchisch gezeigt wie im Mainstream- Porno, wie in jenen ersten Bildern von Sexualität, mit denen Kinder und Jugendliche heute konfrontiert sind, die kostenlos auf ihren Handys laufen, in der Schultoilette oder auf dem Pausenhof. Wofür die Jugendlichen nicht nur mit ihren Daten zahlen, sondern mit ihrer Freude und ihrer Phantasie. Mädchen wie Jungen. Feministischer Porno soll sie befreien, sagt Erika Lust.

Die Kamerafrau Thais Català, ihre Assistentin Nonna Serra und Erika Lust am Set
Die Kamerafrau Thais Català, ihre Assistentin Nonna Serra und Erika Lust am Set
Die Kamerafrau Thais Català, ihre Assistentin Nonna Serra und Erika Lust am Set


Feministischer Porno heißt nicht, dass nur Frauen mitspielen wie in „Female Pleasure Circle“. In vielen Filmen von Erika Lust stehen auch Männer vor der Kamera – und in vielen Mainstream-Pornos sind wiederum nur Frauen zu sehen. Um was geht es dann? Was ist das Feministische, das progressive Neue, das Lust erzeugt, und wie wird es produziert?

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