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Pflegeprodukte mit Boostern : Auf der Überholspur

Für einen Tag, eine Woche, einen Monat: Produkte von Clarins und Lancôme für akute Fälle. Bild: Frank Röth

Kraftstoff für die Haut: In vielen Beauty-Produkten stecken Booster – damit es auch in Sachen Schönheit von jetzt auf gleich geht. Woher kommt der Turbo-Trend?

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          Einmal aufgetragen, schon in die Haut eingezogen, sofort bereit zum Schminken - so etwas muss ein Beauty-Produkt heute leisten. Auch Lancôme war sich dessen bewusst, als es im Frühjahr dieses Jahres darum ging, ein neues Produkt zu lancieren. „Wir sind im Bereich Anti-Aging sehr gut aufgestellt, aber nun wollten wir eine jüngere Zielgruppe ansprechen“, sagt Elsa Devillechabrolle, die wissenschaftliche Leiterin des Kosmetikherstellers. Ein Bedürfnis war schnell ausgemacht: die Müdigkeit. Klar, wenn stets die Zeit fehlt, wenn im Leben nur weniges sicher und nichts von Dauer sein kann, wie das bei vielen jungen Menschen der Fall ist, kostet das Kraft. Also musste ein Kraftstoff für die Haut her. „Énergie de vie“ soll so einer sein. Flüssiger als eine Creme, fester als ein Gel, zieht schnell genug ein, um noch fix das Make-Up aufzutragen und schon raus aus der Tür zu sein.

          Jennifer Wiebking
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In immer mehr Beauty-Produkten steckt jetzt ein Kraftstoff, auch Booster genannt. Er soll sofort wirken und zwar so, dass die Haut das dritte Glas Rotwein am Vorabend oder die zwei Stunden weniger Schlaf möglichst schnell vergisst – oder zumindest verzeiht. Zum optimierten Lebensstil gibt es nun eben die passenden Lifestylecremes. Eigentlich kein Wunder: Wer, wenn nicht die Gesichtshaut, schlägt schon Alarm, wenn man mal ein paar Tage lang zu wenig Mineralwasser getrunken hat? Aber nicht nur für sie, die Mimose, gibt es jetzt Turbo-Produkte, die möglichst schnell und möglichst effektiv wirken sollen, wie jenes von Lancôme oder den „Booster“ von Clarins oder den „Space Aqua Booster“ von 111 Skin oder den „Vital Boost“ von Goldfaden MD oder den „Bedtime Beauty Boost“ von Oskia.

          Gut aussehen und zwar: sofort

          Der britische Friseur Michael Van Clarke hat gerade ein Shampoo vorgestellt, das bis zu zehn Zentimeter längeres, krisselfreies Haar verspricht – dank wachstumsanregenden Pflanzenextrakten und Kaschmir-Proteinen.

          Gut aussehen, und zwar bitte sofort. Für eine Zielgruppe, die sich längst daran gewöhnt hat, dass alles von jetzt auf gleich gehen muss, ist das auch in Sachen Schönheit ein Thema. Sie stellt schließlich die gleichen Ansprüche an sich selbst und an ihr Lebensmodell. Für das gibt es einen Claim, der nach noch mehr Stress klingt, als eh schon da ist: die Rushhour des Lebens. Die Zeit zwischen Mitte zwanzig und Mitte dreißig, wenn es heißt, sich einen Job zu suchen, der so viel Spaß wie Geld bringen muss, einen Partner zu finden, der in diesen hoch individualisierten Zeiten zu einem passt, Kinder ja oder nein. Leben auf der Überholspur, eine Zeit, in der es oft zügig voran geht.

          „Schlafmangel, Partys, schlechte Ernährung: Wenn der Körper angegriffen wird, verteidigt er sich“, sagt Devillechabrolle von Lancôme. „Nur schützt er natürlich zunächst die wichtigen Teile, die Organe, die innen liegen. Die Haut steht da leider an letzter Stelle.“

          Die schnelle Pflege für Zwischendurch

          Nicht erst seit gestern ist deshalb die Rede von Antioxidantien, die Zellen vor freien Radikalen zusätzlich schützen sollen. Antioxidantien kann man über Traubensaft zu sich nehmen, in Form von Pillen, und sie stecken auch in Booster-Produkten wie dem „Énergie de vie“ von Lancôme. „Das ist der Hauptwirkstoff in dem Produkt, der die Haut gegen äußere Einflüsse schützt und sie so stärkt“, sagt Devillechabrolle.

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          Es ist somit auch das Prinzip der Saftbars und Delis mit ihrem Health-Food und etwas Extra-Schutz obenauf, das nun in der Beauty Einzug hält. Der „Booster“ von Clarins erinnert tatsächlich an ein Supplement, er ist nicht größer als ein Fläschchen ätherisches Öl, nur ohne den kopfschmerzerregenden Geruch. Aber mit mehr als ein paar Tropfen davon sollte man seine gewöhnliche Pflege trotzdem nicht anreichern. Drei verschiedene Produkte hat Clarins vor drei Monaten lanciert: eines für mehr Energie, eines mit Entgiftungseffekt, eines, das reparieren soll, was Sonne und Salzwasser angerichtet haben. Die Beziehung zu diesen Produkten ist nicht bindend. „Es ist stattdessen immer dann da, wenn man es gerade akut braucht, ob nun einen Tag lang, einen Monat, eine Woche“, erklärt Sylvia Enders von Clarins. „Die Anregung dazu kam von unseren Anwenderinnen, die darüber sprachen, dass ihre Haut oft zwischendurch ein Bedürfnis habe, für das sie aber nicht gleich ihre ganze Pflege umstellen würden.“ Die Booster sind entsprechend hoch konzentriert, um dem Bedürfnis möglichst schnell und möglichst effektiv gerecht werden zu können.

          „Was teuer ist, soll auch sofort funktionieren“

          „Instant Gratification, so haben wir das doch früher genannt“, sagt Sarah von Doetinchem, Geschäftsführerin des Online-Shops Niche Beauty. „Die Leute wollen sofort ein Ergebnis sehen.“ Der griffigere Begriff Boost sei nun die Fortsetzung des sperrigen Instant Gratification.

          „Boost kommt jetzt erst, das gehört noch nicht zu unseren Top-20-Suchbegriffen“, sagt von Doetinchem. Die Chancen stünden trotzdem nicht schlecht, so die Online-Händlerin, dass Boost recht bald unter den Kunden zur Instanz wird. „Das erwarten viele doch heute: Wenn man etwas Teures kauft, soll es bitteschön auch sofort funktionieren.“

          Einen Gegentrend zu den Produkten für die Überholspur des Lebens gibt es aber trotzdem: Naturkosmetik mit oft nicht mehr als bewusst sechs Inhaltsstoffen – die meisten davon selbstverständlich pflanzlich.

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