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Das Gute am Schlussmachen : „Eine Trennung ist eine Chance“

Schlussmachen tut erstmal weh – und bietet dann eine Chance, sagt Heike Blümner. Bild: dpa

Das Ende einer Beziehung ist immer schlecht – oder? Heike Blümner hat ein Buch über Trennungen geschrieben und erklärt im Interview, warum Schlussmachen gesund und eine hohe Scheidungsquote nicht automatisch schlecht ist.

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          Frau Blümner, die meisten Bücher drehen sich darum, wie man eine erfolgreiche Beziehung führt. Warum geht es im neuen Sachbuch „Schluss jetzt – Von der Freiheit, sich zu trennen“ von Ihnen und Laura Ewert aber um das Ende von Beziehungen?

          Laura und ich haben ungefähr im selben Zeitraum eine Trennung hinter uns gebracht. Obwohl es zwei völlig unterschiedliche Geschichten sind, haben wir über ganz viele Gemeinsamkeiten gesprochen: Das schlechte Gewissen, das man mit sich rumschleppt, der Druck von außen, die Zweifel, der Schmerz. Aber gleichzeitig auch dieses Gefühl von Aufbruch, das positiv mit einer Trennung einhergeht. Darüber haben wir uns unterhalten und gesagt: Trennungen sind immer noch so stigmatisiert, und wir müssen mal aufschreiben, wie das wirklich ist.

          Woher kommt denn dieses Stigma?

          Es heißt ja immer: Beziehung ist Arbeit. Das bedeutet im Umkehrschluss, wer sich trennt, hat man nicht genug gearbeitet. Man hat versagt. Das schwingt noch immer mit. Natürlich geht es nicht darum, beim kleinsten Problem zu fliehen. Aber es gibt auch Beziehungen, da kann man arbeiten so viel man will, es wird alles nur noch schlimmer.

          Fällt es uns deshalb manchmal so schwer, Schluss zu machen?

          Bei einer Trennung kommen viele Dinge zusammen. Zum einen die kreisenden Gedanken, der meist vergebliche Versuch die Frage nach den Folgen von Gehen oder Bleiben zu erahnen und abzuwägen, womit man am Ende besser dasteht.  Zum anderen Ängste, die von außen an einen herangetragen werden. Frauen wird beispielsweise ab einem gewissen Alter immer gleich erzählt, was so eine Trennung angeblich bedeutet: Wer noch keine Kinder hat, muss sich ranhalten. Wer Kinder hat, gilt als schwer vermittelbar. Dann noch eigene Ängste, zum Beispiel vor der künftigen finanziellen Situation oder der Wohnsituation. Wer nach einer Trennung in der Großstadt eine neue Wohnung sucht, der kann schnell verzweifeln – und es kann passieren, dass man erstmal gemeinsam weiterleben muss.

          Die Autorinnen Heike Blümner (links) und Laura Ewert

          Ist eine Trennung also auch eine Frage des Geldes?

          Jede Trennung bedeutet erstmal finanzielle Einschnitte. Wer nach der Scheidung reich ist, war vor der Scheidung sehr reich. Besonders für Frauen, die die Karriere zurückgestellt haben, um sich um die Kinder zu kümmern, ist die finanzielle Situation aber ein Problem. Das Scheidungsrecht ist heute nicht mehr darauf ausgerichtet, dass Frauen den Rest ihres Lebens versorgt sind. 63 Prozent der verheirateten Frauen verdienen weniger als 1000 Euro, da ist es ja kein Wunder, wenn man angesichts einer Trennung eine Panikattacke bekommt. Man kann jungen Frauen also immer noch nicht oft genug raten, mehr auf ihre Unabhängigkeit zu achten. Nur die Frage ist: Trennt man sich wegen all dem nicht und bleibt mit jemandem zusammen, zu dem man eigentlich nicht passt? Ich würde sagen: Nein.

          Demnach wäre die hohe Scheidungsquote, die gerne beklagt wird, ja gar kein schlechtes Zeichen.

          Mittlerweile sinkt die Scheidungsquote ja wieder. Man muss sich aber fragen: Heißt das, dass wir mehr über den Umgang miteinander gelernt haben - oder dass die Angst vor der Trennung wieder größer geworden ist, zum Beispiel durch wirtschaftliche Faktoren, oder durch das Gefühl, dass wir zurzeit alleine verloren in dieser Welt sind.

          Ihr Buch richtet sich an „alle, die sich besser trennen sollten“. Wann sollte man sich denn trennen?

          Das ist eine sehr persönliche Entscheidung. Die objektiv richtigen Gründe findet man natürlich im Strafgesetzbuch, und meiner Meinung nach auch dann, wenn jemand ein Doppelleben führt. Damit meine ich nicht unbedingt sexuellen Betrug, auch das muss jeder individuell entscheiden. Aber wenn systematisch gelogen und vertuscht wird, halte ich das für einen objektiven Grund, sich zu trennen. Alles andere hängt von der Leidensfähigkeit der Person ab – und die ist bei einigen höher als bei anderen.

          In „Schluss jetzt“ zitieren Sie eine Studie die sagt: „Trennen ist gesund“. Tut eine Trennung nicht erstmal weh?

          Trennen ist auf jeden Fall gesund, schlechte Beziehungen machen nämlich krank. Davon bin ich überzeugt. Aber ja: es tut weh, wenn der Glaube an eine gemeinsame Zukunft platzt. Das zu akzeptieren und das durchzuhalten ist schon mal der erste Schritt. Aber danach passiert im Leben total viel: Man ist viel mehr auf sich fokussiert und entdeckt sich nochmal selbst. Gerade Frauen haben nach der Trennung eine Chance sich zu fragen: Wie will ich leben und arbeiten, wo will ich mit der Karriere nochmal hin? Welche Interessen und Fähigkeiten habe ich verkümmern lassen? Die Fragen haben plötzlich eine viel größere Dringlichkeit als noch während der Beziehung. Darin sehe ich auch eine große Chance: Man wird nochmal wachgerüttelt und muss Verantwortung für sich selbst übernehmen..

          Vorher muss man aber erstmal dem Umfeld von der Trennung erzählen.

          Ja, da ist immer viel Scham dabei. Das hat ja jeder schon beobachtet: Man schaut fasziniert auf sich trennende Paare und will jedes Detail wissen. Wer hat was gesagt und was gemacht? Gleichzeitig will man aber nichts damit zu tun haben, als wäre die Trennung ansteckend. Dabei sollten Trennende viel mehr Unterstützung erfahren. Es ist eine Ausnahmesituation. Wenn man sich da isoliert und angestarrt fühlt, als hätte man Petersilie zwischen den Zähnen hilft das gar nichts.

          Wie hilft man denn am besten?

          Aufrichtig fragen, was derjenige braucht. Wie es ihm geht, was er braucht, wie man helfen kann. Das können auch mal zu viele Flaschen Rotwein sein, bei denen man über alles spricht, oder drei Runden um den See gehen, bei denen man gar nichts sagt.

          Das Buch „Schluss jetzt – Von der Freiheit, sich zu trennen“ von Heike Blümner und Laura Ewert über eine bessere Trennung erscheint am Montag bei hanserblau. Die Buchpräsentation findet am Dienstag in Berlin statt.

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