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Beauty-Artikel aus dem Hotel : Warum Männer so gern Shampoo aus dem Hotel mopsen

Potentielles „Diebesgut“ in einem Hotel: Seife wird ab und an gerne von den Gästen mitgenommen. Bild: obs

Männer interessieren sich nicht für Beauty? Falsch! Das sieht man an den Depots mit Shampoos, Spülungen und Duschgels aus Hotels in ihren Badezimmern. Woher kommt diese seltsame Sammelleidenschaft?

          Unser Badezimmer erinnert an Marrakesch, an L.A., Sardinien, Schanghai und Sizilien. Dafür sorgt mein Mann. Es ist der Ort für seine Souvenirs von unseren Reisen. Nicht, dass er von diesen Orten mit handbemalten Terrakottatöpfen nach Hause kommen würde oder mit Keramikschälchen oder mit diesen bunten Tee-Gläsern, die es auf den Märkten in der Türkei gibt und in denen wir unsere Produkte richtig schön inszenieren könnten. Die Situation bei uns im Bad ist weniger dekorativ. Es sind nur die Shampoo- und Duschgelfläschchen, die dort mal im Hotelbadezimmer standen und die mein Mann fast immer einsammelt. Er sagt, er könne sie gut gebrauchen, als Duschzeug für die Sporttasche. Deshalb muss er sie mitnehmen, auch die Spülung und die Bodylotion.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Leider finden die wenigsten dieser Flaschen ihren Weg zum Sportzeug, die meisten sammeln sich in unserem Wandschrank. Wer den öffnet, dem kommt mit hoher Wahrscheinlichkeit eines der Erinnerungsstücke entgegen. Lissabon und L.A. liegen hier direkt nebeneinander, oft sind sie sich in den schmalen Fächern gegenseitig eine Stütze, als ginge es um eine Städtepartnerschaft. Die halbvollen Flaschen sind überall im Schrank verteilt, an den meisten hat sich ein Rand abgesetzt, im Fachjargon würde man sagen: Die Inhalte sind längst übergegangen. Wie sie nach all den Jahren riechen, geschweige denn, was sie in den Haaren oder auf der Haut anrichten, möchte ich gar nicht so genau wissen. Er kann sich trotzdem nicht davon trennen.

          Ist das typisch männlich? Als ich meine Mutter frage, hat sie gleich das Beispiel des Jenga-Turms von Mini-Seifen parat, der über die Jahre bei meinen Eltern in die Höhe gewachsen ist. Zu verantworten hat den mein Vater. Meine Eltern fahren öfter an denselben Ort, deshalb die gleichförmige Sammlung im Vergleich zu dem Duschgel-Potpourri in unserem Badezimmer. Und als ich bei der Themenbesprechung für dieses Heft von meinem Eindruck spreche, erzählt eine Kollegin von ihrem Vater. Der hatte mal einen ganzen Schrank voll mit diesen Flaschen. Die Eltern der Kollegin mussten erst umziehen, damit sich der Vater davon trennte.

          Warum sammeln Männer so gerne in Hotels die Duschgelflaschen ein?

          Der Wunsch sich abzusichern

          Es gibt tatsächlich eine Erklärung dafür. Albrecht Schnabel, Diplompsychologe und Mitarbeiter des Kolping-Bildungswerks München und Oberbayern, sagt, das habe mit der Sozialisation in der Kindheit zu tun. „Jungs werden noch immer stärker dazu erzogen, sportlich zu sein, viel Zeit draußen zu verbringen, ihren eigenen Kopf durchzusetzen. Während es bei Mädchen tendenziell eher um Vernunft geht, um Sozialkompetenz und indoor, darf der Junge wild sein.“ Das erklärt auch, warum Männer, abgesehen von ein paar Ausnahmen, unordentlicher sind. Wild zu sein wurde ihnen gewissermaßen anerzogen.

          Im Hinblick auf das Badezimmer ist das popkulturell schön erfasst: in der Serie „Sex and the City“, Staffel vier, Folge 13. Carrie und Aidan haben einen Riesenstreit. Er ist gerade bei ihr eingezogen. Klar, sie sammelt Schuhe. Aidan hingegen sammelt Beautyprodukte, zum Beispiel Deodorants. Carrie fragt: „Who needs five almost empty Speed Stick deodorants?”

          Man kann festhalten: Männer sammeln gerne, können aber schlecht kuratieren. Außerdem: So sehr sie auch damit großgeworden sind, das Leben ein bisschen leichter zu nehmen als Frauen – bei Ressourcen, die endlich sind, und sei es nur das Deodorant oder das Shampoo, klingelt es angeblich: Vorsorge! Albrecht Schnabel sagt, das habe damit zu tun, dass man sich absichern will. „Individualpsychologen sprechen von der doppelten Dynamik in allen Entscheidungen. Einerseits zeigt sich: Man möchte vorsorgen und insofern Kontrolle ausüben, dass man selbst und die Familie, die Lieben, der Clan genug haben. Zugleich geht es um einen gewissen Wettstreit. Meistens sind diese Hotelsachen ja ganz gut. Warum soll man das da lassen? Zur Vorsorge kommt die Freude am Spiel, am Gewinnen, das, was man gamification oder auch spielerisches Design nennt.“

          Ein Stück Toskana in der Tasche

          Ich kann mich also eigentlich glücklich schätzen: In besseren Zeiten, auf Reisen, denkt mein Mann mit und sorgt für schlechtere vor, und zugleich ist er mit genug Freude am Spielchen bei der Sache. Die Rechtslage allerdings ist nicht so lax: Wir haben es hier mit Diebstahl zu tun. Wusste natürlich keiner von uns beiden. Aber die halbvolle Mini-Bodylotion gehört, ebenso wie die Kleiderbügel und Handtücher und Bademäntel, zur Zimmerausstattung und ist somit Besitz des Hotels. Immerhin: Es ist ein Bagatelldelikt.

          „Sich auf Kosten des Hotels zu versorgen ist ein zusätzliches klassisches Sicherungsmotiv“, sagt Psychologe Schnabel. „Häufig sind die Hotels ja teurer. Indem man so etwas mitnimmt, sichert man sich und die Seinen quasi ab und verteidigt gleichzeitig seinen Selbstwert, ähnlich wie das unser Immunsystem macht. Man rechtfertigt sein Handeln zum Beispiel über den Preis, indem man sogenannt selbstwertdienlich attributiert, also sich die Dinge so zurechtlegt und wahrnimmt, dass das eigene Handeln gerechtfertigt ist und der eigene Selbstwert geschützt oder erhöht wird.“ Das Set zum Duschen? Das gehört doch wohl zum Gesamtpaket!

          Mein Mann hat also einen gesunden Selbstwert. Das Flaschen-Chaos im Wandschrank ist nichts weiter als Ausdruck davon. Bei jedem Plastikgeschoss, das mir jetzt beim Kramen im Schrank entgegenkommt, sollte ich mich eigentlich daran erinnern.

          Neulich musste ich dringend los, und die kleine Shampooflasche, die sonst immer in meinem Kulturbeutel bereitliegt, war weg. Aber wir haben ja das Depot, unsere Dusch-Vorsorge. Ich bediente mich also an dem, was mal vor Jahren, in einem Sommer in der Toskana, ein Shampoo gewesen sein muss. Ich spülte das alte Fläschchen ab – und seitdem liegt die Toskana in meinem Kulturbeutel.

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