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Geld zur Seite legen : Warum Männer oft Kleingeld horten

Britische Pence, amerikanische Cents, Euro-Münzen und Metro-Fahrkarten: Wer neben so einer Schublade arbeitet, hat zumindest immer Geld da. Bild: Helmut Fricke

Eines der lästigsten Phänomene des Wohlstands: Schubladen voller Münzen. Sie sind überall dort zu finden, wo es Männer gibt.

          In der oberen Schublade unseres Schuhschranks lagert seit Jahren ein riesiges Gelddepot. Mein Freund hat es vor einer halben Ewigkeit angelegt. Der Geldspeicher ist älter als der Schuhschrank im Vintage-Look mit seinem Fake-Wurmstich. Als der Schuhschrank einzog, hat mein Freund das Geld einfach umgeschichtet. Vor Jahren, als er gerade angefangen hatte, Geld zu horten, passte alles mal in eine kleine, schmale Schale, gerade groß genug für fünf Oliven. Die steht immer noch inmitten des Speichers, ist sogar mit umgezogen. Aber drum herum wuchert es in alle Richtungen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Leider umfasst das Depot nur Kleingeld, vornehmlich Münzen aus Nickel oder aus Eisen mit einer Kupfer-Ummantelung. Höchstens mal ein Zwei-Euro-Stück. Streng genommen ist es also ein Kleingeldspeicher. Wenn mein Freund nach Hause kommt, leert er vor dieser oberen Schublade des Schuhschranks seine Taschen und wirft wieder ein paar Münzen auf den Kleingeldberg. So wie es vermutlich Tausende Männer täglich machen, wenn nicht Hunderttausende oder gar Millionen.

          Eine Frage der Portemonnaie-Größe

          Irgendwo haben nämlich die meisten ihre Geldspeicher. Deren Sinn ist es kaum, Geld zur Seite zu legen, sondern vielmehr, Geld loszuwerden. Da ist der Kollege, der so viele Münzen im Rollcontainer unter dem Schreibtisch in der Redaktion bunkert, dass man beim Öffnen das Gefühl hat, jemand halte von innen fest - so schwer ist das Teil. Da ist auch der Bekannte, dessen Geldschublade schlimmer durchhängt als die Lade mit der Nagellack-Sammlung seiner Frau. Oder der Bekannte mit der Frischhaltetüte in der Küchenschublade, die sogar einen Namen hat: Geldkatze. Keiner dieser Speicher entstand mit der zielsicheren Absicht, mit der man vielleicht ein Sparschwein aufstellen würde. In diesen Münzbergen kommen dafür viel zu viele verschiedene Währungen zusammen, spontan dazugeworfen. Trotzdem sind diese stillen Depots so groß, dass man sie endlich mal beachten sollte.

          Männer und Kleingeld - es ist kompliziert. Aber wie könnte es auch anders sein. Frauen tragen schließlich koffergroße Portemonnaies mit sich herum, in denen 37 Cent mehr oder weniger kaum einen Unterschied machen, zumal sie im entscheidenden Moment schnell ausgegeben sind. Zur Freude der Bäckerei-Verkäufer und der Marktleute, die bei jedem Mann mit Schein in der Hand schon im Kopf rechnen, ob sie in der mobilen Kasse wohl noch genügend Rückgeld haben. Von den 13,46 Euro retour gehen dann zu Hause, klar, 3,46 in das Gelddepot. Es wird also nicht besser.

          Die Jeans mit Münzfach

          Im Gegenteil. Das Wachstum der Speicher wird noch beflügelt durch den Trend zum möglichst kleinen Portemonnaie unter Männern. In die Geldbörse für die Gesäßtasche passte früher zumindest noch eine Handvoll Kleingeld. Nun tragen Männer stattdessen zunehmend Etuis mit sich herum, die man für Visitenkarten verwendete, bevor das Profil in den sozialen Netzwerken Visitenkarten überflüssig gemacht hat. Die Geldbörse dagegen ist auf ein handliches Format von wenigen Zentimetern in Länge und Breite geschrumpft. Hinein passen: Führerschein, sofern es ein neuer ist, Personalausweis, Kredit- und EC-Karten, die paar Scheine Bargeld, die man so braucht - das war's. Münzen landen im Geldspeicher.

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          Dabei hat man sich in vergangenen Jahrhunderten des Problems schon öfter angenommen oder es zumindest als solches identifiziert. Eine Legende zum Beispiel, die man fast glauben möchte, so schön ist sie, geht so: Als Levi's 1890 seiner 501 ihren Namen gab, sollen sie den Stauraum für Münzen sogar in der Produktnummer bedacht haben. Die Fünf in der 501 steht demnach für die fünfte Tasche des Modells, nicht etwa für die zwei Po-Taschen oder die beiden vorne an der Hüfte, sondern für das Mini-Fach rechts über der größeren Tasche. Sein inoffizieller Name: Coin-Pocket. Heute kommen Jeans aus optischen Gründen jedenfalls nicht mehr ohne Coin-Pocket aus, obwohl darin kein Mensch mehr Münzen lagern würde. Auch im 17. Jahrhundert, lange vor der Levi's 501, gab es schon einen Lösungsansatz - Hosen, die mit eingearbeiteten Geldfächern für Münzen ausgestattet waren.

          Kleinvieh macht nicht viel Mist

          Andererseits: Perfekt war die Idee, Münzen in der Hose zu horten, um sie bei Gelegenheit mal auszugeben, noch nie. Auch Kaufleute bevorzugten schon vor 400 Jahren große Stielbeutel mit verschiedenen Säckchen, für jede Währung einen. Alle Währungen an einem Ort gebündelt hat der Kollege mit dem Münzdepot in der Schreibtischschublade auch, Pence-Stücke, amerikanische Cents, Euro-Cents, Pariser U-Bahntickets, Rabattkarten. Seltsamerweise wird die Sammlung trotzdem nie kleiner. Vermutlich bestünde sie noch, wenn das Bargeld schon seit Jahren abgeschafft wäre.

          Laut einer Umfrage der Norisbank vom vergangenen Jahr sparen Männer im Durchschnitt 73 Euro mehr im Monat als Frauen: 201 statt 128 Euro. Die Dunkelziffer aus seinem Klimpergeld in den Schränken und Schubladen (das sie zwischen Supermarkt und Tankstelle scheinbar wie von selbst ausgibt), dürfte den Unterschied um ein Vielfaches vergrößern.

          Über die Gelddepots können sich diejenigen, die dort nichts lagern, schön ärgern - also im Zweifel Frauen. Die Speicher schaden der Stabilität der Schublade, sind unhygienisch und hässlich. Sie sehen wirklich schlimm aus. Schlimmer, als sie eigentlich sind. Ich habe das ganze Kleingeld neulich zur Bank gebracht. Machte leider doch nur 54,11 Euro. Und mein Kollege? Sein Kleingeld reicht bestimmt, um mich mal in die Kantine einzuladen.

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