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Wie wir Urlaub machen : „Holland? Das ist ja entspannt”

Urlaub und Erholung? Müssen nicht immer fünf Flugstunden entfernt sein. Bild: dpa

Alle Welt fliegt nach Tahiti oder in die Karibik, nur unsere Autorin muss sich mit Holland begnügen – und sich für das Reiseziel ihrer Träume auch noch rechtfertigen. Muss das sein?

          3 Min.

          In diesem Jahr bin ich schon im Urlaub gewesen, in den Niederlanden, an der Nordsee. Schön, oder? Hab' ich auch gedacht. Und bin fröhlich durch die Gegend aka durchs Büro gelaufen, so fröhlich, dass ich schon die üblichen Plattitüden hinausposaunte.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          „Bis dann und dann müssen wir das bitte klären, weil danach bin ich im U-h-urlaub!” Sonnencreme brauchte ich nicht und auch sonst eigentlich nichts außer ein paar guten Tipps für Bücher, die ich entweder am Strand versanden lassen oder, in Holland vielleicht dann wahrscheinlicher, bei Regen in der gemütlichen Ferienwohnung nicht lesen würde. Ich war obenauf mit meiner Antizipation von Glück, Strandsand und ungelesenen Büchern.

          Doch in den Tagen vor dem Trip vermischte sich die freudige Urlaubserwartung mit einem anderen Gefühl, das nichts mit Vorahnung zu tun hatte und erst recht nichts mit Vorfreude: Scham. Scham nämlich über den grausigen Ort, den ich Urlaubsziel zu nennen wagte. Scham über mein kümmerliches und spießbürgerliches Dasein, das es mir gerade einmal ermöglicht, drei Stunden mit einem geliehenen Auto in Richtung Nordsee zu brettern und da in einem Ferienhaus zu wohnen, das analog über die Eltern meines Freundes vermittelt wurde, statt in einem über ein Ipad ferngesteuertes Airbnb-Loft mit Fitness-Raum und privatem Regenwald-Zugang. Was hatte ich nur falsch gemacht?

          Denn, wie das so ist, wenn man aller Welt von seinen Urlaubsplänen erzählt, kommt da immer die sicher nett gemeinte Frage: „Oh, wohin denn?“ „Nach Holland!”, sagte ich zu Beginn mit einem breiten Lächeln. Die Reaktionen darauf waren eigentlich immer gleich. Kurzes Stutzen des Gegenübers, freundlich gemeintes und sehr, sehr leeres Lächeln, erstauntes Augen-Aufreißen, dann: „Holland? Auch mal schön.” Oder: „Och ja!” Oder: „Das ist ja auch irgendwie entspannt.” Ganz schön enttäuscht sahen die Gesichter der anderen aus, die offenbar gar nicht damit umgehen konnten, dass ich nicht zumindest irgendwohin – und sei es vielleicht nach Südholland – fliege. In die Sonne! An exotische Ziele!

          Und es stimmt ja, die niederländische Nordsee ist als Urlaubsziel, zumal Anfang Juni, schnöde. Unspektakulär. Ein Kollege war schon in Sri Lanka, ein anderer fliegt nach Panama, wieder eine andere erkundete Kolumbien. Und auch anderswo hört man nur: Tahiti! Marokko! Thailand! Freundinnen fliegen nach Portugal zum Surfen, oder auf eine klitzekleine griechische Insel, unerschlossen, außer natürlich von den Vermietern der urigen Airbnb-Wohnung, im türkisfarbenen Meer liegt sie da wie ein Diamant (sagt zumindest die Beschreibung der Airbnb-Vermieter). Auf Instagram (jaja, ich weiß!) sehe ich Menschen, die in kleinen Bambusressorts irgendwo im Paradies zu sein scheinen und den ganzen Tag mit zahmen Baby-Rochen schwimmen gehen. Was fällt mir da eigentlich ein, ins Pommes-und-Frikandel-Spezial-Land zu fahren?

          Ich veränderte kleinlaut mein Kommunikationsverhalten. Das Wort „Urlaub” nahm ich nur noch selten in den Mund. „Da bin ich weg”, sagte ich, oder „Da bin ich nicht da”. Und wenn Kollegen oder Freunde dann doch noch so anstandslos waren zu fragen, warum, wohin, wieso, dann sagte ich: „Ach, wir fahren nur ein paar Tage nach Holland.” Keine große Sache. Mini-Urlaub. Für geistig und finanziell Arme. Für Kartoffeln, die wir offensichtlich sind.

          Es wurde so schlimm, dass ich einmal auf die Frage, ob ich „wegfahren“ würde, antwortete: „Ach, nicht so richtig. Sind ein paar Tage in Holland.“ Das hatte der Luxusurlaubswahn also aus meinem Urlaub gemacht, etwas nicht so Richtiges. Eine Nichtigkeit. Ein Nichts.

          Das alles war bald vergessen, denn wir fuhren nach Holland, aßen „Pommes Spezial“, sahen ein Schaf auf einem Deich, und alles war gut. Es regnete, es schien die Sonne, es waren sehr schöne und sehr normale Tage der Erholung. Aus Kartoffeln wurden dezent geröstete Kartoffeln, die wiederum frittierte Kartoffeln futterten. Irgendwann fiel mir das Urlaubsshaming wieder ein und ich erzählte meinem Miturlauber und Freund davon. Tatsächlich hatte er genau dasselbe erlebt.

          Wenigstens die CO2-Bilanz stimmt

          Dabei machen wir ja, wenn man den aktuellen Stand betrachtet, vieles richtig. Wir fliegen nicht, unsere CO2-Bilanz ist also relativ gut. Wir haben auch kein Auto, uns für die Reise aber eins geliehen. Vor Ort haben wir oft das Rad benutzt oder sind zu Fuß gegangen. Gut, oder? Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin selbst schon in den Urlaub geflogen (und werde vermutlich wieder in den Urlaub fliegen), und möchte niemanden aufgrund seines ökologischen Fußabdrucks angreifen.

          Und doch mutet der Reise- und Flugwahn merkwürdig an in meinem Umfeld, das sich ansonsten über die blöden Dieselfahrer empört, super bewusst versucht, den Plastikmüll zu reduzieren und nur noch ökologisch wertvolles Shampoo benutzt. Was gut ist. Doch wann sind eigentlich Reisen von unter fünf Stunden und ins Nachbarland out geworden? In Anbetracht des nächsten Hitzesommers muss man sowieso nicht weit wegfahren.

          Außerdem sieht man Schafe, viele Schafe. Kann „Pommes Spezial“ essen. Muss sich nicht um viel kümmern, vorher, nachher, dabei. Nichts erleben. Hat nicht viel zu posten. Und was ist erholsamer als all das? Ich verspreche also hiermit hoch und heilig, dass ich mich nie wieder schämen werde für meine schmucklosen Urlaubsziele. Also wirklich!! Mal eben googeln, wie teuer der Flug nach Tahiti ist.

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