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Smartphones : Und was, wenn das Handy jetzt runterfällt?

  • -Aktualisiert am

Jetzt nicht das Handy fallen lassen: Ein Besucher hält das Treiben auf der Frankfurter Bahnhofsviertelnacht mit seinem Smartphone fest. Bild: EPA

Dann ist verloren, was Psychologe Christian Montag „ein ausgelagertes Gehirn“ nennt – und Panik angesagt. Im Interview erklärt der Forscher, warum uns das Smartphone verändert und warum wir Momente nicht mehr genießen können.

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          Herr Montag, immer wieder bringen sich Menschen in Gefahr, um ihr Smartphone zu retten. Vor einigen Tagen ist eine Frau ihrem Telefon in der Donau nachgetaucht, sie wurde vermisst, ist jetzt aber unbeschadet zurück. Was motiviert solche Leute?

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

          Das sind zum Glück Einzelfälle, die jedoch medial stark wahrgenommen werden. Wie übrigens auch die Menschen, die umkommen, weil sie in heiklen Situationen Selfies machen. Da stellt sich natürlich gleich die Frage, was das Smartphone für uns bedeutet und was auf dem Gerät stattfindet.

          Wie lautet Ihre Antwort?

          Das Smartphone ist eine Art Schweizer Taschenmesser geworden, weil es über zahllose Funktionen verfügt und uns im Alltag enorm unterstützt. Letztlich handelt es sich um ein Werkzeug, mit dem wir erfolgreicher als zuvor in unserer Umgebung bestehen können. Überspitzt formuliert: eine Art ausgelagertes Gehirn. Deswegen reagieren viele auch panischer beim Verlust des Smartphones als etwa bei einem abhandengekommenen Schlüssel.

          Gibt es eine Smartphone-Sucht?

          Als offizielle Diagnose existiert die Smartphone-Sucht momentan noch nicht. Ich denke aber trotzdem, dass man den exzessiven Gebrauch des Smartphones ernst nehmen sollte. Dabei ist Genauigkeit wichtig: Man sagt zum Beispiel, jemand sei alkohol- und nicht flaschenabhängig. So gilt es auch im Fall des Smartphones zu unterscheiden zwischen dem Gerät und seinen Inhalten. Eine unserer Studien hat ergeben, dass viele Nutzer in erster Linie Messenger- und Social-Media-Applikationen im Kopf haben, sobald sie an ihr Smartphone denken. Außerdem gibt es noch ungeklärte Aspekte. So zeigen Menschen, die ihr Smartphone maßlos nutzen, häufig Tendenzen zur Depression. Ob aber die Online-Sucht zum psychischen Problem führt oder umgekehrt, bleibt meist ungeklärt.

          Welche weiteren Beschwerden gehen womöglich auf das Konto des Smartphones?

          Es gibt einen Begriff für die Angst, etwas zu verpassen: „fomo“ – „fear of missing out“. Für die Online-Welt gilt das erst recht. Das liegt unter anderem an den Geschäftsmodellen von Tech-Plattformen. Weil wir für Messenger mit unseren Daten zahlen, produzieren Unternehmen Applikationen, die Sucht erzeugen und einen Kommunikationsdruck aufbauen. Man denke an den blauen Doppelhaken bei Whatsapp. Er zeigt an, dass meine Nachricht vom Empfänger gelesen wurde, was bei mir wiederum das Gefühl auslöst, antworten zu müssen. Viele Leute schalten diese Standardeinstellung nicht aus, weil sie zu faul sind oder Angst haben, Wichtiges zu versäumen.

          Heißt das, Applikationen wie Whatsapp verändern unsere Persönlichkeit?

          Es fehlen belastbare Studien, die das nahelegen würden. Was dafür spricht, ist „fomo“ – das hat mit unserer Psyche und unserem Leben direkt zu tun. Auf der anderen Seite zeigt uns die Forschung, dass Persönlichkeit etwas relativ Stabiles ist. Zwar legen erste Studien nahe, dass die Interaktion mit digitalen Welten unser Gehirn verändern kann; aber inwiefern sich das in unserem Wesen niederschlägt, ist eine bislang noch relativ unbeantwortete Frage.

          Stellt das Smartphone eine Verlängerung unseres Denkapparats dar?

          Das wird diskutiert. Übrigens lassen sich auch Persönlichkeitsdimensionen beschreiben, die ein bestimmtes Nutzungsverhalten etwas wahrscheinlicher machen: Offenheit für Erfahrung, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit und Neurotizismus. Dabei zeigt sich etwa, dass Ängstlichkeit und emotionale Instabilität mit einer stärkeren Tendenz zum problematischen Smartphonegebrauch einhergehen. Was beispielsweise auch unstrittig ist: Frauen verbringen deutlich mehr Zeit auf Whatsapp als Männer. Gleichwohl sei betont, dass es zu einfach wäre, all dies in Typologien aufzulösen; das würde nahelegen, es gäbe so etwas wie eine Suchtpersönlichkeit. Da menschliches Verhalten extrem komplex ist, reden wir hier von Wahrscheinlichkeiten.

          Vor einigen Jahren wäre es unhöflich gewesen, das Handy beim Gespräch im Restaurant auf den Tisch zu legen. Heute ist das ganz normal. Wird unsere Gesellschaft durch das Smartphone neu strukturiert?

          Ja. 2007 wurde das iPhone vorgestellt, heute, zwölf Jahre später, gibt es 2,7 Milliarden Smartphone-Nutzer auf der Welt. Keine andere Technologie hat sich jemals so schnell und flächendeckend durchgesetzt. In einer eigenen Studie konnten wir zeigen, dass Personen, die zwischen 15 und 35 Jahre alt sind, das Smartphone ungefähr zweieinhalb Stunden pro Tag nutzen. In der Woche verbringen sie also fast zwei Arbeitstage vor dem Telefonbildschirm. Da sind wir schnell Konditionierungsmechanismen unterworfen.

          Das müssen Sie erläutern.

          Ein Beispiel: Schauplatz Bushaltestelle. In der Zeit vor dem Smartphone habe ich den Bus verpasst, mich geärgert und anschließend überlegt, was ich nun mache. Dann habe ich mich mit einem Kollegen unterhalten, der zufällig vorbeigekommen ist, oder ein Buch gelesen. Gleiche Situation nach der Einführung des Smartphones: Der Bus fährt weg, ich bin frustriert, weiß aber, dass ich ein neues Gerät in der Tasche habe, mit dem ich mich zerstreuen kann. So verhalte ich mich von nun an jeden Tag: Ich verpasse den Bus, ärgere mich, greife zum Smartphone. Irgendwann führt das dazu, dass ich mich gar nicht mehr darüber ärgere, den Bus verpasst zu haben. Ich habe das Gerät nämlich schon in der Hand, wenn ich Richtung Bushaltestelle ziehe. Dabei handelt es sich um eine reflexartige Bewegung – wie das Kuppeln beim Autofahren. Ich würde behaupten, dass wir in vielen Situationen, in denen wir mit uns alleine sind, dieses Verhalten abrufen, etwa beim Candlelight-Dinner. Der eine geht auf die Toilette, der andere guckt sofort aufs Smartphone.

          Was folgt daraus?

          Die Zeit, in der wir über unseren Alltag reflektieren, nimmt stetig ab. Das ist ein Problem, weil Studien gezeigt haben, dass es die Kreativität unterstützt, den Gedanken nachzuhängen.

          Wirkt sich die Smartphone-Nutzung auf Kinder und Jugendliche anders aus als auf Erwachsene?

          Hier fehlt wichtige Forschung, aber eine Empfehlung, die ich womöglich bei einer besseren Studienlage in einigen Jahren etwas anders sehen würde, lautet: Kein eigenes Smartphone unter zwölf. Aus Kindern werden unter anderem dann mental gesunde Erwachsene, wenn sie viel Aufmerksamkeit durch die Eltern erhalten und vor allem ausreichend Spielmöglichkeiten draußen haben. Will sagen: toben und raufen. Dabei werden soziale Kompetenzen erlernt und die Grobmotorik geschult. Wenn Kinder zu viel Zeit vor dem Bildschirm verbringen, fehlt ihnen die Möglichkeit, diesen Spieldrang auszuleben. Zu den Folgen könnten eine Zunahme von ADHS-Erkrankungen und die Tendenz zur Empathielosigkeit zählen. Es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass die bisherigen Studien nur Zusammenhänge zwischen diesen Variablen zeigen, ohne dass die Wirkrichtung klar wäre. Und am Ende des Tages werden wir auch schauen müssen, wie groß solche Zusammenhänge tatsächlich ausfallen.

          Ist es sinnvoll, eine digitale Entgiftung zu machen und das Smartphone häufiger liegenzulassen?

          Es gibt das alte römische Sprichwort „Carpe diem“ – nutze den Tag. Da ist viel dran. Wir genießen den Moment immer weniger und lassen uns ablenken. Das sieht man etwa im Konzert. Sobald das Licht ausgeht, zücken die Besucher ihre Smartphones. Für das emotionale Erleben bleibt da kein Raum mehr. Deswegen gibt es immer mehr Gegenbewegungen, zum Beispiel die Lehre der Achtsamkeit. Hier liegt möglicherweise ein Schlüssel, um exzessive Online-Nutzung zu reduzieren.

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