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Interview zu Body Positivity : Wer Glück sucht, sollte sich vom Spiegel abwenden

Viele Frauen verschwenden sehr viel Zeit damit, sich Gedanken über ihr Aussehen zu machen, heißt es im Buch „Beyond Beautiful“ (Symbolbild). Bild: Picture-Alliance

Werbung und Zeitschriften fordern Frauen neuerdings dazu auf, ihr Spiegelbild trotz Makeln zu lieben. Eine Autorin sagt: Wir müssen uns gar nicht alle schön finden. Im Gegenteil!

          Frau Rees, Sie haben für Ihr Buch „Beyond Beautiful“ mit Dutzenden Frauen über Schönheitsideale gesprochen. Was haben sie Ihnen erzählt?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Eine große Erkenntnis war, wie extrem der Alltag vieler Frauen – und übrigens auch Männer – von ihren Body-Image-Problemen beeinflusst ist, und wie viel wir nicht oder anders machen, weil wir uns unwohl mit unserem Aussehen fühlen.

          Was denn zum Beispiel?

          Zum Beispiel die Einladung auf die Party oder für einen Tag am See ablehnen, weil man sich nicht schön genug findet. Bei einem Abend mit Freunden nur an den einen Pickel denken können oder an den Bauch, der über die Hose quillt. Sich bei einem Gruppenfoto hinter den anderen verstecken. Oder auch sehr viel Zeit und Energie darauf verwenden, das Aussehen zu verbessern oder zu erhalten. Die meisten Frauen halten es für normal, sich exzessiv damit zu beschäftigen, was sie essen, jede Woche Stunden im Bad zu verbringen, vor dem Urlaub noch eine Diät zu machen. Jede meiner Gesprächspartnerinnen hatte irgendetwas in dieser Art zu erzählen, hat sich irgendwie eingeschränkt im Alltag. Das hat mich schon schockiert.

          Ein Drittel unseres Selbstwertgefühls wird laut Psychologen von unserem Aussehen bestimmt. Ist das viel oder wenig?

          Ich finde das schon viel. Und es ist der Durchschnitt - bei Frauen liegt der Anteil vermutlich höher. Das ist das Problem. Frauen wird systematisch beigebracht, dass ihr Wert von ihrem Aussehen abhängt.

          Anuschka Rees, Autorin von „Beyond Beautiful: Wie wir trotz Schönheitswahn zufrieden und selbstbewusst leben können“

          In den vergangenen Jahren sind zunehmend auch ältere und übergewichtige Frauen in Werbekampagnen zu sehen. Offenbar nimmt das Frauen aber nicht den Druck, klassischen Schönheitsidealen zu entsprechen. Wieso?

          Selbst wenn Schönheitsideale sich wandeln und lockern: Das ändert nichts daran, dass die Gedanken von vielen Frauen und zunehmend auch Männern stark ums Aussehen kreisen. Schönheit hat einfach einen extrem hohen Stellenwert in unserer Gesellschaft, und daran ändert auch ein bisschen mehr Diversität nichts. Leider geht auch viel von dem, was wir unter Body Positivity verstehen, und insbesondere der Spruch „all bodies are beautiful“, in dieselbe problematische Richtung. Wenn wir Frauen ständig sagen: „Ihr seht toll aus, ihr seid wunderschön“, dann sagen wir auch: „Schön aussehen ist wichtig. Um glücklich zu sein, muss man sich schön fühlen.“ Und genau das ist das Problem.

          Aber Studien zeigen, dass Mädchen, die mit ihrem Aussehen hadern, zum Beispiel auch bei Mathetests schlechter abschneiden. Sich schön zu finden hat also viele positive Effekte!

          Ich würde es eher andersherum betrachten: Sich unsicher und unattraktiv zu fühlen verbraucht viel Energie. Wer sich unsicher fühlt, sieht sich aus der Vogelperspektive, fragt sich die ganze Zeit, wie andere ihn sehen, sorgt sich ständig ums eigene Aussehen. Mädchen melden sich dann weniger im Unterricht, schneiden in Mathe- oder Logiktests schlechter ab. Weil sie eben abgelenkt sind.

          Was wäre eine Alternative?

          Body Neutrality! Diese Methode nutzen auch Psychologen in ihrer Arbeit. Die sagen Patienten, die mit ihrem Aussehen hadern, nicht: „Guck mal, du bist doch total schön!“ Sondern sie zeigen ihnen, wie sie aufhören können, ihr Selbstwertgefühl nur von ihrem Aussehen abhängig zu machen.

          Man muss sich also gar nicht schön finden, um glücklich zu sein?

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