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Täglich 15 Stunden Programm : Warum die Deutschen Fernseh-Morde lieben

  • -Aktualisiert am

Benedict Cumberbatch und Martin Freeman ermitteln als Sherlock Holmes und John Watson in der „Sherlock“-Folge „Ein Fall von Pink“. Bild: ARD Degeto/BBC/Hartswood Films

Von der urbanen Ermittlerin bis zu den Rentnercops: Wer abends den Fernseher anschaltet, bekommt auf jedem Sender einen anderen Mord geboten. Was nur macht die Faszination des Krimis für die Deutschen aus?

          Deutsche lieben Morde. Der Eindruck drängt sich auf, wenn man an einem beliebigen Abend durch das Fernsehprogramm schaltet. Von 20 Uhr bis kurz nach Mitternacht laufen von ARD bis Vox mehr als 15 Stunden Kriminalserien und -filme. Das ZDF zeigt „Die Toten von Salzburg“, der NDR schickt seine Ermittler im „Großstadtrevier“ ins gefährliche Konditormilieu, im SWR ermitteln die „Rentnercops“ und im Hessischen Rundfunk treibt – mehr Klischee geht nicht – bei „Morden im Norden“ die Leiche eines Lübecker Marzipanfabrikanten an den Timmendorfer Strand.

          Es herrscht im deutschen Kriminaltango größere Auswahl als im Joghurtregal. Von der jungen urbanen Ermittlerin bis zu den Rentnerdetektiven ist für jede Altersgruppe und jede soziale Schicht etwas dabei. Selbst das Deutschlandradio hat ein Kriminalhörspiel im Programm. Und auch beim Blick auf die Lesegewohnheiten der Deutschen ist der Krimi nicht zu übersehen. Unter den Top 5 der bestverkauften Bücher in Deutschland finden sich derzeit die Krimi-Autoren Nele Neuhaus, Sebastian Fitzek und Robert Galbraith (das Krimi-Pseudonym der Harry-Potter-Erfinderin J.K. Rowling). Was nur macht die Faszination des Krimis für die Deutschen aus?

          Immer erfolgreich: Krimis von Nele Neuhaus

          Es mag bei einem Genre, das brutale Morde pflegt, überraschen: Der Krimi bedeutet Beruhigung. Wer ihn liest oder schaut, erwartet keine großen Überraschungen. Die Verhältnisse sind hier klar abgesteckt, es gilt der alte Kampf Gut gegen Böse. Und sosehr das Böse rein abstrakt auch fasziniert, so ist doch klar, auf wessen Seite man hier ist. Die Figur der Ermittlerin oder des Ermittlers ist so angelegt, dass die Leser oder Zuschauer sich leicht mit ihr identifizieren können oder sie zumindest eindeutig sympathisch finden, verkörpert sie doch die Gewissheit, dass man mit ihr auf der richtigen, also guten Seite der Geschichte ist.

          Der Mord, die Verdächtigen, die Aufklärung

          Deren Aufbau folgt dann meist dem gleichen Schema: der Mord, die Verdächtigen, die Aufklärung. Am Ende ist die durch das Verbrechen aus den Fugen geratene Ordnung also wieder schön ins Gleichgewicht gerückt. Das Gute hat gesiegt, die Welt ist wieder sicher. Hätte Aristoteles Krimis gelesen, er hätte auch ihnen Katharsis, also die Reinigung der Seele durch starke emotionale Kunstwirkung, attestiert (und wenn man Sophokles’ „König Ödipus“ mit den Ermittlungen um den Mordfall Laios als Kriminalgeschichte auslegt, dann hat er das sogar).

          Der Krimileser kann sich zu alldem noch der Vorstellung hingeben, er habe etwas dazu beigetragen, dass die Welt wieder in Ordnung ist. Er stolpert an der Seite des Detektivs über Fallstricke und Falschaussagen, hat am Ende den Täter richtig erkannt und den Fall mitgelöst. Wie oft hat man solche Erfolgserlebnisse schon im Alltag?

          Münster-Tatort: Die Figur der Ermittler ist so angelegt, dass die Zuschauer sich leicht mit ihr identifizieren können.

          Selbst dem Tod ist hier der Stachel genommen. Auch zartbesaitete Menschen, die schon bei einem Dokumentarfilm über Tierschlachtung sofort umschalten und Statistiken über häusliche Gewalt erschüttert zur Seite legen, lesen mit Vergnügen Kriminalromane. Denn „Angst“, so schloss schon Suspense-Genie Alfred Hitchcock bei der Lektüre der Kriminalgeschichten Edgar Allan Poes, „das ist ein Gefühl, das die Leute gern empfinden, wenn sie wissen, dass sie in Sicherheit sind“. Und wo fühlt man sich schon sicherer als auf dem eigenen Sofa? Nicht unbedingt Spannung, aber Ablenkung verschaffen als Gesellschaftsromane verpackte Krimis, die sich mit aktuellen politischen Themen beschäftigen und vorführen, wie es aufgrund gesellschaftlicher Strukturen zu Gewalt und Verbrechen kommen kann. Im schlechteren Fall malen Regionalkrimis von der Nordsee über die Eifel bis in das Allgäu die Landschafts-, Kulinarik- und Sprachklischees der jeweiligen Region nach, auf dass sich die lokalpatriotischen Leser noch ein wenig heimeliger fühlen.

          Obwohl zwar erste Verlage ihre Krimisparte schon wieder eingestellt haben, ist besonders das Fernsehen noch stark von der deutschen Krimiliebe überzeugt. Nur Sportsendungen werden noch häufiger ausgestrahlt. Über kurz oder lang droht Krimiverdruss. Selbst die größten Liebhaber von Detektivgeschichten kapitulieren vor Überfluss und Mittelmaß. Dabei sind sie ein Publikum, das man schätzen sollte, denn neben ihrer Vorliebe für Ordnung und Sicherheit haben sie eine Eigenschaft, die nötiger denn je ist: Sie schätzen Fakten und Wissenschaft.

          In „Ein Skandal in Bohemia“ erklärt Sherlock Holmes (nach Poes Dupin der Urvater aller Detektive) seinem Freund Dr. Watson seine auf strengster Logik basierende Methode der Deduktion. Nach allerlei richtigen Rückschlüssen auf Watsons Privatleben, die er aufgrund dessen Kleidung gezogen hat, unterstellt er dem Doktor, zwar zu sehen, aber nicht zu beobachten. Zum Beweis fragt er ihn, wie viele Stufen die Treppe habe, die dieser schon Hunderte Male zu ihm hinaufgelaufen ist. Watson weiß darauf keine Antwort.

          Jeder Leser hat sich mindestens eine Woche nach der Lektüre beim Stufenzählen ertappt. Beobachten, nicht nur sehen: eine gute Übung, steht sie doch für den Glauben an Fakten statt Fake News. In diesem Sinne kann man die Lektüre guter Kriminalromane nur jedem empfehlen.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

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