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Wikipedia ist down : Endlich mal nichts nachgucken

Schüler suchen mit dem Smartphone nach Schildkröten-Infos. Bild: dpa

Heute ist Wikipedia-frei. In Zeiten von „Warte, ich google kurz“ ist so ein Tag eine echte Befreiung.

          Ein gutes Gespräch zwischen zwei Personen lebt in der Regel von Abwechslung. Von der Schlagfertigkeit der Gesprächspartner, der Kompatibilität ihrer Interessen, der gemeinsamen Ebene. In Paul Austers Moon Palace heißt es, eine Unterhaltung sei so, wie wenn man sich mit jemandem den (Base-)Ball zuwirft: „Ein guter Partner wirft den Ball direkt in deinen Handschuh, er macht es nahezu unmöglich für dich, den Ball zu verpassen. Und wenn er Fänger ist, fängt er einfach alles, was in seine Richtung geworfen wird, selbst die besonders irrsinnigen und inkompetenten Würfe.“ Dieses Hin- und Herspielen von Gesprächsbällen ist es, was eine interessante Unterhaltung auszeichnet, genauso wie die Möglichkeit, dem Gesprächspartner Raum zu geben, verschiedene Ideen zu erörtern, im Gespräch den eigenen Standpunkt zu festigen. Und dabei womöglich den eigenen Horizont zu erweitern.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Das ist natürlich alles ganz anders geworden in Zeiten des Smartphones, in denen Menschen sich nicht mehr auf ihren hart erworbenen Wissensschatz verlassen wollen, sondern Unterhaltungen gern mal unterbrechen mit dem kleinen Sätzlein „Moment, ich schau das mal eben nach.“ Spricht man etwa über Musik, sagen wir, die Beatles, so vergeht sicherlich keine Unterhaltung, in der nicht einer der Gesprächspartner „mal eben kurz“ das Alter von Ringo Starr oder den Namen von John Lennons Mörder ergoogelt. An diesem Donnerstag ist das freilich anders. Da mussten wir einen ganzen Tag, 24 Stunden, ohne Wikipedia, also Googles Informationslieferant Nummer 1 – und damit auch unsere Hauptquelle in Alltagssituationen – auskommen. Und uns auf den eigenen Geist verlassen, gewissermaßen. Und das fällt uns schwer. In Zeiten von fake news, so scheint es, will man sich ihrer Verbreitung nicht einmal mehr in eigentlich freizeitsportlichen Gesprächen schuldig machen.

          Aber warum eigentlich? Inwiefern bereichert es die Unterhaltung über eine Band (eine gute, sozusagen die beste), wenn solche Details bekannt sind? Entweder man unterhält sich mit einem echten Beatles-Fan, der die Faktenlage sowieso kennt. Den verunsichern die googlenden-Gesprächspartner unter Umständen nur. Der schaut dann auch noch einmal nach. Dabei wusste er eigentlich alles. Und wenn zwei Laien mit Halbwissen über die Beatles reden, machen richtig ergoogelte Fakten das Gespräch dann irgendwie wichtiger? Gehört haben sie das Weiße Album sowieso nicht in der Intensivität, in der sie es eigentlich hätten hören sollen. Bringt es ihnen dann etwas, zu wissen, in welchem Jahr es erschienen ist?

          Die Gesprächskultur hat sich verändert – anstatt sich auf den eigenen Wissensstand zu verlassen (etwas, das das Selbstbewusstsein gerade in Konversationen prägt), wollen wir immer schnell alles nachschlagen. Immer öfter, so scheint es, kommt man auf diesen einen Namen gerade nicht. Macht aber nichts, kann man ja schnell bei Wikipedia checken. Dabei verunsichern wir uns selbst in dem Bestreben, keine falsche Zahl, keinen falschen Namen, keine falsche Information mehr von uns zu geben. Nichts gegen richtige Fakten, in anderen Bereichen – etwa im Journalismus – sind sie unerlässlich, von unermesslicher Bedeutung. Aber ist es nicht auch schön, sich in einem guten Gespräch auf den Intellekt und bestehenden Wissensstand des anderen zu verlassen, inhaltlich aufeinander einzugehen, die sich in den Weiten des World Wide Web aufstauenden Informationen einfach mal Informationen sein zu lassen, und sich einfach – zu unterhalten?

          Wir alle sollten diesen Wikipedia-freien Tag genießen und uns rückbesinnen auf unser Wissen. Und diejenigen, die vor lauter Googlen und Nachschauen alles vergessen haben, können heute getrost ihr verbliebenes Halbwissen als Wahrheit verkaufen – heute geht's noch einmal.

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