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Vertrauliche Geburt : Genau diese Chance auf Leben

In der Klinik: Die „vertrauliche Geburt“ soll Frauen, die ihre Identität geheim halten wollen, trotzdem sicheres Entbinden ermöglichen. Bild: Anne Schönharting / Agentur OSTKREUZ

Ab Mai ist die „vertrauliche Geburt“ möglich. Dann können Frauen Kinder unter Pseudonym zur Welt bringen. Doch erreicht das Gesetz wirklich die, denen es helfen soll?

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          In die schmale Gasse am Rande der Mainzer Altstadt scheint die Abendsonne. In der Ferne ertönt das Rauschen des Feierabendverkehrs. Vereinzelt bellt ein Hund. Das Klackern von Stöckelschuhen auf Pflastersteinen hallt in den Fluchten. Obwohl die Kappelhofgasse nur wenige Schritte vom Mainzer Dom entfernt liegt, zählt sie nicht zu den schmucken Sträßchen, durch die sich an einem Frühlingsabend Touristengruppen und Spaziergänger treiben lassen.

          Lucia Schmidt
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Gasse hat nicht viel zu bieten. Keine Geschäfte, keine Cafés, stattdessen verschlossene Hofzufahrten, vergitterte Fenster und glatte Häuserfronten. Nur neben einem Hauseingang ragt ein dreieckiges Eisenschild in die Unaufgeregtheit der Straße hinein. „Babyfenster“ steht darauf.

          Babyklappen sind ethisch und rechtlich umstritten

          Vor über zehn Jahren hat der Sozialdienst katholischer Frauen in Kooperation mit den Mainzer Marienschwestern hier hinter einer Holztür einen Ort geschaffen, an dem verzweifelte Eltern in Ausnahmesituationen ihr neugeborenes Kind anonym abgeben können. Die Holztür steht Tag und Nacht offen. Ihre Milchglasfenster sind nur an einer Stelle durchsichtig. Schaut man dort hindurch, fällt der Blick auf eine Matratze in einem Weidenkorb.

          Hat eine Frau - in den meisten Fällen sind es wohl die Mütter - ihren Säugling auf der Matratze abgelegt, verschließt nach fünf Minuten die schwere Holztür, und bei den Ordensschwestern ertönt ein Alarm. Offizielle Zahlen, wie viele Eltern in den vergangenen Jahren ihr Kind dort in den Korb gelegt haben, gibt es nicht.

          Solche Babyklappen, von denen in Deutschland mittlerweile um die hundert existieren, sind rechtlich und ethisch umstritten - genau wie die „anonyme Geburt“, bei der Frauen ohne Angabe ihrer Identität in Kliniken entbinden und das Kind dann zur Adoption freigeben, und die „anonyme Übergabe“ des Babys an Pflegeeinrichtungen.

          Befürworter finden, die Angebote retten Leben und geben Kindern eine Chance mit Zukunft. Die Gegner argumentieren, diese Einrichtungen schaffen niedrigschwellige Angebote, Kinder wegzugeben, und damit mehr adoptierte Kinder, denen das Recht auf das Wissen genommen wird, woher sie stammen.

          Keine einheitlichen Standards für Babyklappen

          Tatsächlich werden Babyklappen und Co. rechtlich bisher nur geduldet. Es gibt weder einheitliche Standards dafür noch Regelungen, wann Kinder aus anonymen Abgaben den Behörden gemeldet werden müssen. Keine zentrale Erfassung und nur wenige wissenschaftliche Daten. Und die Fakten, die es gibt, wie beispielsweise die Ergebnisse einer Studie vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) aus dem Jahr 2011, können nicht beweisen, dass seit Einführung der Babyklappen in Deutschland weniger Säuglinge ausgesetzt oder getötet werden. Angaben, die die Kritiker bestärken.

          Zu ihnen gehört auch der Deutsche Ethikrat. Schon im Jahr 2009 hatte er sich für eine Abschaffung der Angebote ausgesprochen und die Bundesregierung aufgefordert, nach einer gesetzlichen Lösung für Schwangere und Mütter in Notsituationen zu suchen. Denn die bisherigen Angebote stehen nicht nur rechtlich auf wackeligen Füßen; es gibt noch ein weiteres Manko: Sie berücksichtigen ausschließlich den Wunsch der Mutter nach Anonymität. Dass Findelkinder im Laufe ihres Lebens vielleicht erfahren möchten, wer ihre leiblichen Eltern sind, diesen Wunsch können die anonymen Verfahren hingegen nicht erfüllen.

          Nach 16 Jahren können Kinder die Identität der Mutter erfahren

          Jetzt, fünf Jahre nach den Forderungen des Ethikrates und nach vielen Jahren kontroverser Diskussion, soll sich das ändern. Bereits im vergangenen Jahr haben Bundesrat und Bundestag das „Gesetz zur vertraulichen Geburt“ verabschiedet, das in der kommenden Woche nun in Kraft tritt. Es besagt, dass Frauen nach einer Beratung, in der keine andere Lösung gefunden werden konnte, ihr Kind medizinisch betreut unter einem Pseudonym im Krankenhaus zur Welt bringen können.

          Ihre persönlichen Daten werden 16 Jahre lang in einem verschlossenen Umschlag beim Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben hinterlegt. Mit Vollendung des 16. Lebensjahres hat das Kind dann das Recht, die Identität seiner Mutter mit Einsicht in den Briefumschlag zu erfahren.

          Zusätzlich hat die Mutter die Chance, im Laufe der Jahre ihre Daten dem Kind auch schon früher zugänglich zu machen. Mit der Neuerung will der Gesetzgeber nicht nur endlich ein rechtliches Fundament für die ungeklärte Lage schaffen, wie es heißt, sondern gleichzeitig den Wunsch der Mutter nach Anonymität respektieren und dem Recht des Kindes auf eine eigene Identität nachkommen.

          Offene Fragen bei der Umsetzung

          „Wir begrüßen das neue Gesetz grundsätzlich“, sagt Renate Jachmann-Willmer. Die Bundesgeschäftsführerin des Sozialdiensts katholischer Frauen (Skf), der auch schwangere Frauen in Notsituationen berät, sei besonders froh darüber, dass nun für alle Beteiligten wie Arzt, Eltern, Beratung oder Hebamme eine Rechtssicherheit geschaffen ist.

          Bei der Frage der Umsetzung, so Jachmann-Willmer, gebe es kurz vor Inkrafttreten des Gesetzes aber noch viele offene Fragen. So findet zwar in diesen Tagen eine länderübergreifende Schulung für die Beraterinnen statt. Wie deren Arbeitseinsatz und die Zusammenarbeit mit anderen Institutionen wie den Kliniken genau aussehen oder wie das neue Angebot im Detail finanziert werde, sei aber beispielsweise noch zu klären.

          Frauenärzte begrüßen das Gesetz

          Auch die Frauenärzte begrüßen das Gesetz, „da dem Ungeboren so eine Chance auf medizinische Betreuung während der Geburt gegeben wird“, sagt Professor Klaus Friese, Leiter der Frauenklinik an der Münchner Universitätsklinik. Diskutiert hätten die Mediziner das neue Gesetz, aber extra Schulungen für die Mitarbeiter habe es bisher nicht gegeben. Friese ist ohnehin gespannt, welche Frauen am Ende mit der vertraulichen Geburt erreicht werden könnten.

          Seiner Erfahrung nach seien Frauen, für die das in Frage komme, „psychisch und menschlich so entgleist“, dass sie solche Entscheidungen gar nicht treffen könnten. Das habe sich auch beim Thema anonyme Geburt gezeigt: „Frauen kommen in der Realität nicht in die Klinik mit dem Wunsch zur anonymen Geburt, sondern mit starken Wehen. Dann geben sie an, ihren Mutterpass vergessen zu haben, nennen falsche Daten, entbinden und verschwinden nach der Geburt.“

          „Eine optimale Lösung gibt es nicht“

          „Selbstverständlich“, lenkt Jachmann-Willmer ein, „ist auch die vertrauliche Geburt nur ein Kompromiss für eine schwierige Situation. Eine optimale Lösung gibt es hier nicht.“ Nach den Zahlen des DJI wurden zwischen 1999 und 2010 in Deutschland 652 Kinder anonym geboren. Die Realität, so Jachmann-Willmer, müsse nun zeigen, wie gut das neue Gesetz solche Frauen erreicht.

          Aus ihrer Erfahrung weiß sie, dass die Frauen meistens nicht vor dem Kind anonym bleiben wollen, sondern sich gezwungen sehen, das Kind vor der Familie, dem Arbeitgeber oder dem Partner geheim zu halten. Für sie könnte in Zukunft durchaus die vertrauliche Geburt eine Alternative sein.

          Eine Kritikerin des neuen Gesetzes ist Gitta Liese; die Leiterin des „Lux-Forum Adoptierter“, einer Hamburger Selbsthilfegruppe, sieht in der vertraulichen Geburt ein weiteres Angebot, Kinder ohne hohe Hürden zur Adoption freizugeben. „Auch diese Menschen müssen erst einmal mit einer offenen Identitätsfrage leben.“ Außerdem bemängelt die ehemalige Vorsitzende der Bundesarbeitsgemeinschaft Adoptierter, dass laut dem Gesetz die Mutter in besonderen Fällen nach 16 Jahren Einspruch gegen die Offenlegung ihrer Daten einreichen kann. „Ob dann gerichtlich immer im Sinne des Kindes entschieden wird, sehe ich sehr skeptisch“, sagt Liese.

          Die Chance aufs Leben

          Positiver steht Ulrike Vinke dem neuen Gesetz gegenüber. Die Neununddreißigjährige ist ebenfalls adoptiert. Ihre leibliche Mutter, die sie im Gespräch nur „das Mädchen“ nennt, war erst 15 Jahre, als sie mit Vinke schwanger war. „Es war von Beginn an klar, dass das Mädchen mich nicht behalten wird“, sagt Vinke. Trotzdem sei sie ihrer leiblichen Mutter dankbar, dass diese sie ausgetragen und ihr so die Chance auf ein Leben in einer anderen Familie gegeben habe.

          „Die vertrauliche Geburt bietet Kindern, die in eine Notsituationen hineingeboren werden, eben genau diese Chance auf Leben“, sagt Vinke. Sie selbst hat nie nach ihrer Mutter gesucht. Sie weiß, wie sehr ihre Adoptiveltern sich sie gewünscht haben; das genügt ihr. „Eine Hilfe war sicher auch, dass meine Eltern immer offen mit dem Thema umgegangen sind und mich früh aufgeklärt haben“, sagt sie.

          Die Babyklappen sollen übrigens auch nach dem ersten Mai erst einmal erhalten bleiben. Denn solche Holztüren wie in der unscheinbaren Mainzer Kappelhofgasse bieten Menschen Zuflucht und Hilfe, deren Entscheidung man als Außenstehender vermutlich nie erfassen oder gar beurteilen kann - und vor allem nie bis ins Letzte gesetzlich regeln kann.

          Ab Mai gibt es in Deutschland auch ein „Hilfstelefon für Schwangere in Not“. Frauen werden dort unter 0800 4040020 Tag und Nacht anonym und kostenlos beraten.

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