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Telemedizin : Die lange Leitung der Mediziner

  • -Aktualisiert am

Hausbesuche: Günter Pfitzmann und Anita Kupsch haben ihre Patienten in der Fernsehserie „Praxis Bülowbogen“ noch per Telefon oder persönlich beraten und versorgt – heute geht das auch übers Internet. Bild: Plainpicture/Getty/Montage F.A.S.

Alle Branchen schaffen es, sich zu vernetzen. Einzig dem Gesundheitssektor gelingt es nicht: In der Telemedizin stockt es. Eine Ursachensuche.

          Wenn Andrés Ceballos-Baumann sehen möchte, wie es seinen Patienten geht, öffnet er auf seinem Computer den Videoplayer. Auf dem Bildschirm steht sein Patient auf und setzt sich wieder hin, legt die Fingerkuppen aneinander oder dreht sich um. Je nach Eindruck schreibt Ceballos-Baumann dann eine neue Medikation auf. Das ist Telemedizin.

          Wenn Maes Ärztin wissen möchte, wie es der jungen Frau geht, schaut sie in den Computer und sieht in Echtzeit ihr EKG, ihre Körpertemperatur und die Kalorien, die sie schon aufgenommen hat. All das misst eine kleine Kapsel in Maes Körper. Das ist eine Utopie. Noch. Der Amerikaner Dave Eggers hat diese Szene in seinen Roman „The Circle“ geschrieben, einem Bestseller, in dem Eggers die vernetzte Welt fortspinnt. Nicht nur in Büro und smarter Wohnung, auch in der Medizin.

          Die erste Szene stammt aus München. Die Schön-Klinik ist spezialisiert auf die Krankheit Parkinson, Chefarzt Ceballos-Baumann arbeitet bereits seit zehn Jahren mit der videogestützten Therapie. 2005 gab es weder Facebook noch Smartphones. Die Telefone sind in der achten Generation, die Video-Methode ist bis heute eine der wenigen angewandten Projekte von Telemedizin.

          Gleiche Zeit, ungleicher Raum

          In Deutschland probiert aktuell fast jede Branche, wie sie mit dem Internet Dinge einfacher, schneller oder effizienter machen kann. Wer krank wird, muss sich aber trotzdem am dritten Tag fiebrig zum Arzt schleppen. Was ist nur los mit der Medizin? Will sie nicht? Oder kann sie nicht?

          Einen Begriff immerhin hat die Digitalisierung auch hier schon. „Telemedizin“ heißt das Feld und bedeutet erst einmal, dass sich Arzt und Patient nicht mehr zur gleichen Zeit im gleichen Raum aufhalten müssen. Klingt fortschrittlich, ist aber von flächendeckend bislang weit entfernt. Vereinzelt gibt es Modellprojekte, überzeugte Telemediziner muss man suchen, mögliche Störfaktoren hingegen liegen auf der Hand. Erstens: die Patienten. Zweitens: das Geld. Drittens: die Ärzte.

          Friedrich Koehler könnte den besten Überblick über Punkt eins haben, schließlich leitet der Kardiologe seit 2013 an der Berliner Charité eine der weltweit größten Studien zur telemedizinischen Versorgung von Patienten mit chronischer Herzinsuffizienz. Wessen Herz nicht mehr richtig pumpt, der wird erst im Krankenhaus stabilisiert und dann mit ein paar Geräten nach Hause entlassen. Der Patient muss sich dann täglich auf die Waage stellen, sich zwei Minuten an ein mobiles EKG schließen und den Blutdruck messen. Die Werte kommen direkt ins telemedizinische Zentrum der Charité.

          Hilfe auf dem Land

          In der Studie hat Koehler sogar eine 92-Jährige, die das Bluetooth-Netzwerk der Messgeräte perfekt bedienen kann, ohne zu wissen, was Bluetooth ist. „Telemedizin kann unabhängig vom Alter und mit den richtigen Geräten auch ohne technische Vorkenntnisse funktionieren“, sagt Koehler. Wirklich erfolgreich ist es aber nur bei den Patienten, die selbst aktiv mitmachen wollen. „Auch in der Telemedizin muss der Arzt überzeugen und nicht überreden.“

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