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Schönheit : Hair damit

  • -Aktualisiert am

Alles Kopfsache: In ihrem Beauty-Salon in Brooklyn nehmen Kadeian (rechts) und Judian Brown das Haargeschäft selbst in die Hand – und schaffen dabei kleine Kunstwerke. Bild: Kai Nedden

Koreaner dominieren das Geschäft mit den Haaren in den Vereinigten Staaten. Nun versuchen afro-amerikanische Unternehmerinnen, selbst zu glätten, färben, flechten und schmücken.

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          Wie lange muss man in New York U-Bahn fahren, um ganz sicher zu sein, keinem euro­päischen Touristen mehr über den Weg zu laufen? Ungefähr 20 Minuten. Das sind zwölf Subway-Stationen, so weit ist zum Beispiel Flatbush von Manhattan entfernt. In dem Stadtteil im Süden Brooklyns hängen Stromkabel über der Straße, jamaikanische Lebensmittelgeschäfte mit bunt gestrichenen Fassaden säumen die Avenues, Grillgeruch wabert durch die Luft, an einer Straßenecke verkaufen zwei junge Männer knusprige Chicken Wings direkt vom Rost. Vor dem Eingang der Subway an der Church Avenue steht eine rundliche kleine Frau mit pechschwarzer Haut und einem Turban aus buntem Baumwollstoff.

          Weiße Haut sieht man in Flatbush ebenso selten wie schillernde Modeboutiquen oder glamouröse Rooftop-Restaurants. Dafür gibt es hinter jeder zweiten Schaufensterscheibe goldbesprühte Plastik­köpfe mit glänzenden Perücken in allen Variationen: gelockt, in Pink, Wasserstoffblond oder Hennarot, mit Pony, ohne Pony, mit Stufenschnitt oder sanften Wellen. Flatbush ist so etwas wie die New Yorker Hochburg der Haarkosmetik.

          Bei „Black Girls Divine Beauty Supply and Salon“, dem Friseursalon von Judian und Kadeian Brown, sind Perücken und Haarteile nur ein kleiner Teil des Sortiments. Feuchtigkeitsspender, Haarglättungsmittel, Spülungen und Öle für widerspenstige Kräuselmähnen füllen hier sechs Waren­regale. Im hinteren Teil des Ladens werden aufwendige Zopffrisuren kreiert, Braids und Cornrows, manchmal mit bunten Perlen an den Haarspitzen.

          Eine Frisur dauert bis zu sechs Stunden

          Ein fünfjähriges Mädchen sitzt mit ernster Miene auf einem Drehstuhl und lässt sich den Schopf in Hunderte Zöpfchen flechten. Bis zu sechs Stunden dauert die Prozedur, und preiswert ist so ein Look auch nicht. Aber das nehmen selbst die jüngsten Kundinnen gerne in Kauf: In kaum einer anderen Kultur hat das Haar als Statussymbol eine solche Bedeutung wie in der ­afro-amerikanischen Gesellschaft.

          Das Geschäft mit dem Haar ist in den Vereinigten Staaten eine Milliarden-Branche. Zwar sind nur zehn Prozent aller Bewohner Afroamerikaner, aber sie stehen für rund 70 Prozent der Umsätze aus dem Verkauf von Haarteilen und Perücken. Für afrikanisch-stämmige Frauen ist die Frisur ein Statussymbol und ein Merkmal ihrer kulturellen Identität.

          Die intensive Pflege beginnt im frühen Alter. Zöpfe werden schon Kleinkindern geflochten, um das Haar so früh wie möglich elastisch und formbar zu machen. Frauen, die ein besonderes Talent für das Flechten von Braids haben, sind in der afrikanischen und afro-amerikanischen Gesellschaft hoch angesehen. Wer sein Haar ungepflegt und unfrisiert trägt, gilt als verrückt oder gar unsittlich. Nach dem Motto: Je aufwendiger der Schopf, desto tugendhafter der Kopf – so wie ein Mann im gut geschnittenen Anzug vertrauenswürdiger erscheint als einer in löchrigen Hosen.

          Haarkult geht auf Zeit der Sklaverei zurück

          Die leidenschaftliche Beschäftigung mit dem Haar geht bis in die Zeit der Sklaverei zurück. Vor dem Transport auf dem Schiff wurden den schwarzen und farbigen Gefangenen die Haare geschoren. Vornehmlich geschah das aus hygienischen Gründen, doch für die ohnehin geschundenen Sklaven war es eine besondere ­Demütigung. Mit dem Haar verloren sie ein Stück Heimat und Zugehörigkeit.

          Im Haus der Herrschaft wurden die Haussklavinnen dann gezwungen, ihre abfällig als „Wolle“ bezeichneten Schöpfe zu zähmen und dem Ideal des glatten Haars der Weißen so gut wie möglich anzugleichen. Nur an Sonntagen durften sich die Frauen zum gegenseitigen Zöpfeflechten versammeln. Beim anschließenden Kirchen­besuch bewunderte man die aufwendigen Frisuren der anderen Frauen, die während der Woche zum Schutz unter einem Tuch verborgen wurden.

          In Zeiten der Unterdrückung gab die gemeinschaftliche Schönheitspflege den geschmähten Frauen etwas Würde. Ihr kulturelles Erbe pflegten sie in einem gemeinsamen Ritual. Zugleich ermöglichte die Frisur einen Ausweg aus der Sklaverei. Durch Rassenmischung rückten zunehmend Generationen mit hellerer Haut und glatterem Haar nach, wobei schon das kleinste krause Haar die afrikanische ­Herkunft verraten konnte. „Wir drücken uns durch unser Haar aus“, sagt Kadeian Brown. Damit bezieht sie sich auch auf die Black-Power-Bewegung der sechziger Jahre, die afrikanisches Haar nach Jahrzehnten der Unterdrückung zum politischen Symbol machte. Viele Schwarze bekannten sich damals mit voluminösen Afro-Frisuren stolz zu ihren ethnischen Wurzeln.

          Für afrikanisch-stämmige Frauen ist die Frisur ein Statussymbol und ein Merkmal ihrer kulturelle Identität. Schon Kleinkindern werden Zöpfe geflochten.

          Seit zweieinhalb Jahren führt Brown mit ihrer Schwester „Black Girls Divine Beauty Supply and Salon“, eines von vielen Haarkosmetikgeschäften in Flatbush. Was ihren Laden von den anderen unterscheidet, sind die Besitzerinnen. Die meisten Beauty Supply Shops in den Vereinigten Staaten sind fest in asiatischer, vornehmlich koreanischer Hand. Haare als afrikanisches Kulturgut und koreanisches Business – die aus diesem Paradoxon erwachsenden Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sind in den Vereinigten Staaten ein oft diskutiertes Thema.

          Koreaner kontrollieren 80 Prozent des Markts

          Die koreanischen Unternehmer kon­trollieren 80 Prozent des Vertriebs von Pflege­produkten für afro-amerikanisches Haar, zu 100 Prozent unterstützt vom Wirtschaftsvolumen der schwarzen Kundschaft. „Das größte Problem ist, dass die Koreaner nur untereinander lukrative Geschäfte abschließen“, sagt Brown. „Haarteile und chemische Pflegeserien werden oft in Fernost produziert. Viele koreanische Großhändler weigern sich, uns zu beliefern, oder sie stellen nachteilige Anforderungen, zum Beispiel riesige Bestellungen von 10.000 Satinhauben. Erst bei Bestellungen dieses Umfangs bekommen wir einen Mengenrabatt und freien Versand. Dabei verkaufen wir im Jahr von den 10.000 bestellten Hauben vielleicht 100.“

          „So ist dieses Business“, lautet der ­trockene Kommentar von Terry, der auf der Church Avenue einige Hausnummern abwärts den „Level 1 Beauty Salon“ betreibt. Terry ist in Jamaika geboren und hat, wie er stolz berichtet, in New York am Robert Fiance Hair Institute Frisieren „studiert“. Selbst hat er keine Haare mehr, dafür schneidet er die Mähnen seiner afro-amerikanischen Klientel.

          Seine Mitarbeiterinnen flechten Braids. Zudem vertreibt er Haarpflegeprodukte wie Feuchtigkeitsspender, Glättungsmittel, Extensions – ­allerdings zu weit höheren Preisen als die asiatischen Konkurrenten. „Die Koreaner sind geschäftstüchtig“, sagt seine Kollegin Afua, die in Ghana geboren wurde und ­gerade damit beschäftigt ist, den Schopf einer Kundin mit einem aufwendig gezackten Zopfkunstwerk zu veredeln. „Dass sie als erste erkannt haben, wie viel wirtschaftliches Potential in dieser Branche steckt, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen. Sie waren die Ersten, die bei ihrer Ankunft in den Vereinigten Staaten Mitte der sechziger Jahre Läden für Haarkosmetik in Flatbush eröffneten, in einer fast ausschließlich afro-amerikanischen Gemeinde. Also da, wo die Zielgruppe sitzt.“

          Paradies der Haarpflegeprodukte

          Betritt man heute eines der koreanisch geführten Geschäfte, findet man sich in einem bis an die Decke vollgestopften ­Paradies der Glätteisen, Haarspangen, Kunsthaarteile und Färbemittel wieder. In der Ecke, zwischen den Regalen der oft beengend kleinen Läden, sitzt der koreanische Besitzer reglos auf einem Klappstuhl. „Die Geschäfte der Koreaner sind platzsparend und billig eingerichtet“, sagt Afua, die im Stadtteil Queens wohnt und den täglichen weiten Weg nach Flatbush gern auf sich nimmt, um in Terrys vergleichsweise luxuriös ausgestattetem Salon Zöpfe zu flechten. „Mit diesem Konzept, niedrigen Fixkosten und billigen Produkten aus Fernost machen die Koreaner in zwei Stunden so viel Gewinn wie wir in zwei Tagen.“

          Was man in den koreanischen Läden nicht kaufen kann, ist das kulturelle Erlebnis der afrikanischen Haartradition. „Mit diesem Gedanken im Kopf haben wir auch unser Geschäft eröffnet“, sagt Kadeian Brown. „Auf Youtube gibt es seit Jahren Tausende Nutzerinnen, die in Badezimmer-Tutorials erklären, wie man mit Hilfe verschiedener Kosmetikprodukte seine Haare selbst pflegen und frisieren kann. Aber was ist mit der Kultur und Geschichte, die hinter dieser Tradition steckt? Wir wollten einen Laden eröffnen, in dem man beides bekommt: die Produkte und den Service, das Lebensgefühl des Hair Braidings. Das können die Koreaner nicht bieten.“ Und dann ist da noch die wachsende Zahl der „Naturalistas“, die den Beauty Supply Shops afro-amerikanischer Unternehmerinnen zugute kommt: Immer mehr Kundinnen scheuen neuerdings chemische Produkte und lassen nur noch natürliche Mittel an ihr Haar. Bei den Koreanern aber bekommt man nach wie vor fast nur Produkte mit künstlichen Inhaltsstoffen.

          Vom Youtube-Kanal zum eigenen Kosmetikunternehmen

          Von der Going-natural-Bewegung profitiert auch Rochelle Graham-Campbell, die selbst als Haarpflege-Tutorin auf Youtube anfing und heute ihr eigenes Kosmetikunternehmen führt, Alikay Naturals. Die ersten chemiefreien Pflegeserien mischte Graham-Campbell noch selbst in ihrer Küche in Florida, heute werden ihre Produkte beim amerikanischen Kaufhaus-Giganten Target verkauft. Ihre Video-­Tutorials, die auf der Webseite des Unternehmens erscheinen, produziert die junge Unternehmerin weiterhin vor dem Badezimmerspiegel. „Meine Kundinnen wollen eine Persönlichkeit, ein Gesicht hinter der Marke sehen“, sagt sie. „Eine Person, der sie in Bezug auf die Pflege ihres Haars vertrauen können, weil sie sich aus eigener Erfahrung mit der Tradition afrikanischer Haarkosmetik auskennt.“

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          Haare als Symbol ethnischer Zugehörigkeit: Wer das immense Potential dieses Phänomens verstanden hat, kann damit ein lukratives Geschäft aufbauen. Weil immer mehr afrikanisch-stämmige Amerikaner ihre Kultur zum Business-Erfolg ausbauen wollen statt sie der asiatischen Konkurrenz zu überlassen, gibt es in Atlanta seit 2010 gar ein Bildungszentrum für angehende Haar-Unternehmer: das Beauty Supply Institute. Dort kann man lernen, wie man einen erfolgreichen Haarkosmetiksalon aufbaut, was im Falle wirtschaftlicher Engpässe zu tun ist und wie man die besten Mitarbeiter rekrutiert.

          Kadeian und Judian Brown haben ihren Salon ohne dieses Training aufgebaut. Was ihre Kundinnen wollen, wissen sie aus eigener Erfahrung. „Du kannst das schönste Designerkleid tragen“, sagt Kadeian Brown und streichelt über den glänzenden Perückenschopf eines Puppenkopfs im Schaufenster ihres Geschäfts. „Aber so lange deine Frisur nicht sitzt, bist du nicht richtig angezogen.“

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