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Club-Kultur : Berlin tanzt in New York

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In der Elektroszene sieht die Sache anders aus. Es geht weder um Kleidung, noch um Geld, sondern vor allem um die Musik. Alles andere passiert so nebenbei oder eben auf den Toiletten. Man tanzt meist nicht miteinander, sondern den DJ an. Plumpes Schwofen oder Po-an-Po-Antanzen sind verpönt. Wer das will, muss in einen Standard-Club in die Lower East Side gehen. Aber das will hier ja keiner. Lower East Side klingt nach Touristen und Provinzpublikum aus New Jersey, den „bridge-and-tunnel-people“. In der Elektroszene dreht sich alles um Coolness, den exzesshaften Rausch, um die durchfeierte Nacht und vor allem um die betäubende Wirkung der Beats. Hier werden die DJs wie Musiker oder wie großartige Künstler behandelt. Und wenn ein DJ den magischen Namen „Berghain“ auf der Visitenkarte stehen hat, dann sind der Bewunderung keine Grenzen mehr gesetzt. In New York ist Berlin nur eins: irre cool.

„New York Times“ veröffentlicht Reportage über den Berlin-Hype

Es gibt mittlerweile mehrere Clubs, die sich der Berlin-Ekstase verschrieben haben. Der Partymacher Seva Granik etwa organisiert Berlin-Motto-Partys mit dem Namen „Shade Berlin“ in alten Fabrikhallen in Bushwick, Brooklyn. Und auch der „Bossa Nova Civic Club“ ist vom Berliner Nachtleben inspiriert: Die Betreiber holen die besten DJs aus Berlin, um die New Yorker mit stilvoller Musik zu begeistern. Darüber hinaus bieten die Betreiber eine deutsche Besonderheit an: Das „Bossa Nova“ ist eines der wenigen Läden, in dem Club Mate verkauft wird – das in Deutschland erfundene Szenegetränk. Es ist nicht wegzudenken aus der Berliner Elektrowelt. Es enthält viel Koffein und andere Zaubermittel, die dabei helfen, nicht einzuschlafen und die ganze Nacht durchzufeiern. Der Betreiber des Clubs, John Barclay, hat sich während einer schrillen Berliner Nacht in das Getränk verliebt. Dann hat er entschieden, es nach New York zu importieren. „Wir verkaufen Club Mate, weil wir daran glauben, dass es eine metaphysische Beziehung zu Technomusik besitzt“, sagt Barclay. „Es gibt so eine Art kosmische Verbindung zwischen diesem mysteriösen Getränk und der Elektrokultur. Aber vor allem hält es sehr lange wach.“

Selbst die altehrwürdige „New York Times“ hat den Trend bereits erkannt und eine große Reportage über den Berlin-Hype veröffentlicht: „The night comes back to life“ („Die Nacht erwacht wieder zum Leben“). Nachdem die berüchtigsten Clubs aus den neunziger Jahren wie „Limelight“, „Tunnel“ und „Twilo“ dichtgemacht haben, vor allem wegen der explodierenden Immobilienpreise, stellt die Zeitung eine Rückkehr der Elektrokultur fest. Neue Internetseiten wie Resident Advisor informieren jeden Tag über die besten Elektropartys der Stadt. Und immer wieder eröffnen neue Clubs, die dem wachsenden finanziellen Druck standzuhalten versuchen, meist in Brooklyn, wo die Mietpreise noch einigermaßen erschwinglich sind.

Brooklyn erinnert ohnehin in seiner Gelassenheit an das flaneurhafte alte Europa: Man sitzt tagsüber draußen, trinkt Kaffee, liest Zeitung und ignoriert den Großstadtstress. Die Nacht verbringt man in einer Bar oder einem Club. Das ist Bohemienleben im Jahr 2014. Viele der jungen Künstler, Musiker und freiberuflichen Schriftsteller meiden mittlerweile das bourgeoise Manhattan wie die Pest. Dabei ist Berlin das Vorbild für gelassene Lebenskultur. Vielleicht hat sich deswegen der Betreiber Jen Schiffer dazu entschieden, seinem New Yorker Elektro-Club einen deutschen Namen zu geben: „Verboten“. Auch dieser Laden gilt als tonangebend und erinnert in Ästhetik und Attitüde an deutschen Underground.

Der angesagteste Elektro-Club ist jedoch das „Output“. Auch hier wird mit Neid auf die Party-Entwicklung in der deutschen Hauptstadt geschielt. Dekor und Musikstil erinnern an Berlin. Die Toiletten sind nicht nach Geschlechtern getrennt, wie im „Berghain“. Und die Garderobe spielt bei der Auswahl der Gäste eine untergeordnete Rolle. Außerdem darf sich jeder Besucher auf die Couches setzen, die in den Ecken stehen. Niemand muss hier reservieren oder für Sitzgelegenheiten horrende Extrapreise bezahlen. „Es geht darum, Elektropartys bezahlbar zu machen“, sagt der New Yorker DJ Finnymay, der vom Soundsystem im „Output“ schwärmt: „Es gibt wahrscheinlich keinen besseren Laden. Die Klangqualität ist einzigartig in New York“, sagt er, während er ein Brooklyn-Lager trinkt. In der Tat dröhnen die Beats so gewaltig, dass man glaubt, Herzrasen zu bekommen.

Der Club ist zwar klein, aber dafür intim. Wenn man von den Schwingungen aufgesogen wird, glaubt man für einen Moment, man sei in einem Elektroschuppen in Kreuzberg. Erst wenn man den Balkon betritt und von Brooklyn auf die Skyline Manhattans schaut, weiß man: Das ist nicht Berlin, das ist New York.

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