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Schnurrbart des Botschafters : Auch kein Bart ist ein politisches Statement

Dieser Schnurrbart erhitzte die Gemüter: Amerikas Botschafter Harry Harris in Seoul Bild: AFP

Sein Schnurrbart erhitzte die Gemüter in Südkorea, nun hat sich der amerikanische Botschafter Harry Harris den Bart abrasieren lassen.

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          Ein Bart ist selten eine unpolitische Angelegenheit. Voll und sorgfältig sortiert, kann er über seinen Träger sagen: Ich bin ein Hipster und habe in meinem Leben Zeit, um mich mit der Pflege meines Gesichtshaars zu beschäftigen. Die unentschlossene 20-Tage-Variante, die dieser Tage noch immer häufig in Zoom-Konferenzen zu sehen ist, sagt hingegen: Ich habe das Privileg, von zu Hause aus arbeiten zu können, und mir ist mittlerweile egal, wie ich aussehe.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          In Südkorea machte seit Januar eine ganz andere Variation der Gesichtsbehaarung Schlagzeilen: Der Schnurrbart des amerikanischen Botschafters Harry Harris war in den sozialen Medien unter Beschuss geraten. Er erinnere zu sehr an die Bartmode der japanischen Kolonialherren, die von 1910 bis 1945 die koreanische Halbinsel annektierten. Was, so der Vorwurf an Harris, nicht verwunderlich sei – schließlich habe der Botschafter japanische Wurzeln. Dies kommentierte Harris wiederum in einem Interview mit der Korea Times: „Ich bin nicht der japanisch-amerikanische Botschafter in Korea, sondern der amerikanische. Dass mir Geschichte allein aufgrund des Zufalls meiner Geburt aufgeladen wird, halte ich für einen Fehler.“

          Demokratische und extremistische Bärte

          Nun mag Harris sich in seiner Zeit als amerikanischer Marineadmiral, eine Position, die er vor dem Antritt seines Botschafterpostens im Jahr 2018 innehatte, keineswegs mit Frisur-Komplikationen beschäftigt haben, doch auch er sollte wissen, dass ein Bart durchaus eine politische Botschaft vermitteln kann. In Europa tut er das immerhin seit dem 19. Jahrhundert, als die Bartform demokratische Gesinnung oder Kaisertreue anzeigte. In einigen zentralasiatischen Ländern werden Vollbärte noch heute als ein Zeichen religiösen Extremismus gesehen. Und in Südkoreas nördlichem Nachbarstaat soll es sogar eine Liste von amtlich gestatteten Haarschnitten geben.  

          Dass die Gemüter in Südkorea sich über Harris’ Bart so stark erhitzten – auf einer Kundgebung rissen Demonstranten sogar seinem Konterfei symbolisch den Bart ab – mag dann aber doch weniger mit der Gesichtsbehaarung des Botschafters zu erklären sein, als vielmehr mit der Politik Donald Trumps, die er vertritt. So wiederholte Harris etwa im vergangenen November gegenüber der damaligen Vorsitzenden des Geheimdienstausschusses des südkoreanischen Parlaments mehrfach Trumps Forderung, dass Seoul den finanziellen Beitrag zur Unterstützung der amerikanischen Truppen in Südkorea drastisch erhöhen solle. Der Kampf um den Schnurrbart ist also auch hier ein Disput über den politischen Einfluss.

          So kam der Tweet der amerikanischen Botschaft in Seoul am vergangenen Wochenende recht überraschend, in dem Harris sich von einem Videoteam dabei begleiten lässt, wie er seinen Schnurrbart abrasieren lässt. Die Begründung des plötzlichen Sinneswandels fällt diplomatisch aus: „Es ist derzeit so schwül und warm in Seoul und unter der Maske schwitze ich mit dem Bart noch mehr.“ Um die Corona-Schutzmaßnahmen einhalten zu können, habe der Bart also weichen müssen. Auch glattrasiert unterwegs zu sein, ist dieser Tage also ein politisches Statement.

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