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Umweltpsychologe im Interview : Was bringt es der Welt, wenn ich auf einen Flug verzichte?

Der Sonne entgegen: Ein Flugzeug startet am Düsseldorfer Flughafen auf seine nächste Reise. Bild: dpa

Darf ich noch guten Gewissens Freunde in New York besuchen? Gerhard Reese sagt: Eher nicht mehr. Im Interview mit F.A.Z. Quarterly spricht der Umweltpsychologe über Strohhalme, dicke Autos, Demos – und moralische Pranger.

          8 Min.

           Was bringt es der Welt, wenn ich auf einen Flug verzichte?

          Rainer Schmidt

          Verantwortlicher Redakteur Frankfurter Allgemeine Quarterly.

          Das bringt der Welt zunächst überhaupt nichts – wenn ich der Einzige bin. Das ist psychologisch ein wichtiger Punkt, uns fehlt bei so großen Problemen wie dem Klimawandel das Gefühl der Selbstwirksamkeit. Ob ich nun seit zwanzig Jahren Vegetarier bin oder nicht, das hilft den Tieren, die weiter gemästet werden, nicht – dieses Gefühl lähmt. Was helfen kann, ist der Gedanke, dass wir eben nicht die Einzigen sind. Nicht nur ich steige nicht in den Flieger, sondern viele andere fällen auch die Entscheidung. Dieses Gefühl der kollektiven Wirksamkeit müssen wir erst noch entwickeln. Die Protagonisten der „Fridays for Future“-Bewegung haben es bereits, das macht sie so stark.

          Wirkt dieser Protest? Wie effektiv sind Greta Thunberg und die „Fridays for Future“-Bewegung?

          Er wirkt insofern, als dass das Thema in den Medien eine nie dagewesene Präsenz hat und aufrechterhält. Und auch die ersten – wenn auch halbherzigen – politischen Entscheidungen wären ohne die FFF möglicherweise nicht so schnell gekommen.

          Als Verbraucher hat man die Möglichkeit zu einer Art Ablasshandel und kann erhöhten Kohlendioxidverbrauch, etwa durch Flüge, mit Geld kompensieren – oder Bäume pflanzen. Was halten Sie davon?

          Ich halte solche Kompensationsgeschäfte für sinnvoll, wenn es wirklich keine Alternativen gibt, etwa Flugreisen anzutreten. Das ist besser, als zu fliegen und nichts zu tun. Das schärft das Bewusstsein, sollte aber keine Legitimation sein, wild durch die Welt zu fliegen, wie das einige machen.

          F.A.Z. Quarterly
          Dieser Text ist aus dem neuen F.A.Z. Quarterly

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          Es gibt moralisch aufgeladene Diskussionen über Plastiktüten, Strohhalme, Kaffeebecher und dicke Autos. Sind diese Debatten angesichts viel größerer Schadstoffquellen – Billigflieger, Mode- oder Bauindustrie und Landwirtschaft – nicht Quatsch?

          Natürlich geht es da auch um Symbolpolitik, was nicht heißt, dass der Verzicht auf Strohhalme unnötig wäre. Aber damit sollte man sich nicht lange aufhalten, wichtig sind – auch nach Ansicht vieler Umweltwissenschaftler – die „Big Points“, die zentralen Punkte, an denen Kohlendioxid eingespart werden kann: auf das Fliegen und individuellen Autoverkehr verzichten, auf pflanzenbasierte Ernährung umstellen und auf Ökostrom. Bei den SUVs sieht es zusätzlich noch mal etwas anders aus, denn wenn nur eine Person in einem Zweieinhalb-Tonnen-Gefährt durch die Gegend fährt, ist das aus ökologischer Perspektive natürlich hochproblematisch.

          Was mache ich, wenn ich auf dem Land wohne oder durch mein Alter in der Mobilität eingeschränkt und auf das Auto angewiesen bin?

          Dann habe ich eigentlich keine andere Wahl – und kann hoffen oder aktiv dazu beitragen, dass sich Carsharing-Angebote auf dem Land etablieren. Oder Interessengruppen für eine bessere ÖPNV-Verbindung gründen.

          Ich habe Freunde oder Verwandte in New York, darf ich die noch ruhigen Gewissens besuchen?

          Besuchen dürfen Sie sie weiterhin, aber ruhigen Gewissens? Eher nicht mehr.

          Viele wissen, dass große Autos und Flüge der Umwelt, die sie vielleicht schützen wollen, nicht helfen, bleiben aber dabei, eventuell mit schlechtem Gewissen. Warum ändert man oft sein Verhalten so ungern trotz besserer Vernunfteinsicht?

          Da spielen psychologische Aspekte und politische Rahmenbedingungen eine Rolle. Die Entscheidung für einen SUV etwa hat auch zu tun mit der individuellen Risikoeinschätzung: Alle um mich herum fahren bereits ein fettes Auto, da fühle ich mich in einem kleinen Wagen nicht mehr sicher. Ein anderer Punkt ist die Verfügbarkeit: In den Showrooms dominieren oft die SUVs, es hat sich eine gesellschaftliche Norm entwickelt, die das Fahren von Zweitonnern im Stadtverkehr akzeptiert, sogar gutheißt. Ermöglichen die Rahmenbedingungen zudem, das relativ billig zu machen, weil der erhöhte Umwelt-, Kraftstoff- und Platzverbrauch nicht besteuert wird und daher nicht in meine Preisüberlegungen einfließen muss, fällt die Entscheidung leicht.

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