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Umweltpsychologe im Interview : Was bringt es der Welt, wenn ich auf einen Flug verzichte?

Die Vermischung dieser Diskussionspunkte beobachte ich mit einem gewissen Amüsement. Plötzlich werfen Politiker – etwa von der FDP – Gerechtigkeitsfragen in den Raum, die sich bei diesem Thema zuvor nie hervorgetan haben. Das sind Scheinargumente, um in der Klimapolitik doch nichts ändern zu müssen. Man müsste eher über die Umverteilung von Reichtum diskutieren, denn wenn sich die einen weniger als die anderen leisten können, dann liegt das weniger an fiesen Umweltschützern, sondern zuallererst an der ökonomischen Ungleichheit.

Die Wissenschaft sagt: Soll die Erderwärmung auf maximal zwei Grad bis 2050 begrenzt werden, darf jeder Mensch nur einen Verbrauch von 2,3 Tonnen Kohlendioxid pro Jahr haben. In Deutschland stehen wir bei mehr als zehn Tonnen. Wie hoffnungslos ist die Lage?

Bei der derzeitigen politischen Ausgangslage halte ich sie für ziemlich hoffnungslos, aber es gibt ja den Hoffnungsschimmer, dass sich diese Konstellation ändern wird. Wir brauchen eine ernstere Diskussion über das Machbare. Ideen dazu gibt es, wie etwa in dem Buch „Der energethische Imperativ“ des leider verstorbenen Hermann Scheer, es fehlt allein der politische Wille.

Wen soll man wählen, um das Klima zu retten?

Ich werde als Professor hier keine Wahlempfehlung geben, aber es gibt meines Erachtens nur eine Partei, die sich Umwelt- und Naturschutzthemen flächendeckend zum Ziel setzt. Daran muss sie nun endlich mal gemessen werden können.

Führt der Streit über den „richtigen“ Umgang mit dem Klimawandel zu größeren Aggressionen?

Ich fürchte, das Thema wird die Gesellschaft, ähnlich wie die Migration vor ein paar Jahren, spalten. Und es ist nicht auszuschließen, dass einige Menschen, die mit größter Sorge auf die von ihnen so empfundene Untätigkeit der Politiker und anderer schauen, darauf mit radikaleren Aktionen antworten, als wir sie etwa von Greenpeace kennen.

Erwarten Sie auch eine Radikalisierung derer, die sich durch mögliche Verbote und höhere Preise bevormundet fühlen? Im Netz hatte eine Initiative wie „Fridays for Hubraum“ schon enormen Zulauf.

Außerhalb der sozialen Netzwerke sehe ich das hierzulande noch nicht, aber man kann es nicht ausschließen. Die angemessene Vermittlung des Notwendigen ist der entscheidende Punkt. Es muss kommuniziert werden, was notwendig ist, und dass es nicht die Lebensqualität einschränkt. Ich bin optimistisch und glaube, das Verursacherprinzip ist vermittelbar: Ja, Leute, ihr könnt fliegen, und ihr könnt dicke SUVs fahren, aber die Kosten für die Umwelt, die dabei entstehen, die übernehmt ab jetzt ihr. Das müssten doch die meisten als fair empfinden und sollte auch nachvollziehbar sein.

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Warum mögen viele keinen radikalen Wandel?

Es gibt einen dringenden Wunsch des Menschen nach Kontinuität. Die meisten empfinden einen radikalen Wandel als keine angenehme Vorstellung, weil dieser mit zu vielen Unsicherheiten verbunden ist. Das schließt radikalen Wandel nicht aus, denken Sie allein an den radikalen Wandel der Welt durch das Internet in den vergangenen 15 Jahren. Aber das war eine ungesteuerte Entwicklung. Wenn Sie dagegen verkünden: Meine Vision ist es, dass die Städte in fünf Jahren autofrei sind – das wird nicht funktionieren, das ist absolut unrealistisch. Das mag man bedauern, aber das ist zu weit weg von dem, was die Menschen kennen. Aber wenn man langsam Visionen auffbbaut, sie schmackhaft macht und klug kommuniziert, dann ist sehr viel möglich.

Wie klimabewusst leben Sie selbst?

Wir als Familie haben kein Auto, beziehen Ökostrom und wohnen in einem Energiesparhäuschen. Seit 2001 bin ich Vegetarier, das letzte Mal geflogen bin ich 2017, aus beruflichen Gründen. Ich kann und will jetzt gar nicht behaupten, dass ich nie wieder fliege, aber ich bin mir sehr sicher, dass ich zumindest innereuropäisch nicht noch einmal in ein Flugzeug steigen werde.

Und Ihre Familie macht das – etwa in Bezug auf Urlaubsreisen und Flüge – auch

Ja, da sind wir uns sehr einig.

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